Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 28 (1887)
- Issue
- Heft 59 (1.8.1887)
- Date
- 1887-08-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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das verdanke ich einzig und allein meiner Frau. Vor zwanzig Jahren, ehe wir verheirathet waren, ich hielt mich damals auch für aufrichtig fromm und hätte sicher nichts gethan, was ich als Unrecht betrachtete. Aber ich war viel in der Welt herumgekommen, hatte viele s. g. Gelehrte gesehen und gesprochen und gehört, wie sie sich so Manches so bequem zurechtgelegt, daß ich damals gar Manches für erlaubt hielt. Ich erinnere mich noch am ersten Sabbat, als ich mit meiner Frau in die Synagoge ging, eS war eine Sonnengluth und meine Frau wollte keinen Sonnenschirm nehmen — ich konnte da« nicht begreifen. Wie konnte man das Tragen eines leichten Schirmchens als Unrrcht betrachten? — Aber am folgenden Sabbat, da staunte ich doch noch mehr, in der Tasche meines Lbcrrockes fand ich nämlich ein Band und an dem Band mein Taschentuch befestigt. Kopfschüttelnd wollte ich eben ureine Frau um Aufklärung bitten, als sie zu mir trat und mit ihrer unwiderstehlichen Freundlichkeit mich ersuchte, meine Uhr abzulegen. Wir waren nämlich im Begriffe auszugehen. Nicht gerade in der besten Laune entsprach ich dem Verlangen. Dir zu Liebe will ich Alles thun, sagte ich, aber ich bitte Dich um des Himmels willen. — Gut, sagte sie, thue dieses augenblicklich nur mir zu-Liebe, morgen aber erweise mir die Liebe und laffe einen Talmudgelehrtcn kommeri und ersuche ihn. Dir iu den Schriften selbst dieses Verbot zu zeigen. Und so hat sie es mit Allem gemacht. Und allmählich, denn vierzigjährige Gewohnheiten streift man nicht über Nacht ab, — aber Tank der unermüdlichen liebevollen Geduld meiner Frau habe ich meine Irrthümer als solche kennen gelernt und abgelegt. —" Er hielt inne, Herr von Lil'enfeld hatte ihm mit Interesse zugehört, dennoch fühlte er sich seltsam berührt durch diese vertraulichen Mitrheilungcn des weit älteren Mannes. Herr Kalman mochte das empfinden, er fuhr mit wiederum zunehmender Befangenheit fort. »Warum ich Ihnen das Alles erzähle? — je nun, nicht nur damit Sie wissen, welch' ausgezeichnete Frau ich habe, sondern hauptsächlich um Ihnen zu beweisen, wie groß der Einfluß der Frau auf den Mann iji." »Das ist bekanntentgegnete Herr von Lilienfeld. Herr Kalman hüstelte. »Freilich, freilich ist das nichts Neues. — Aber," rief er. plötzlich in eine andere Tonart übergehend, »sind Sie denn gar nicht neugierig zu erfahren, weshalb ich im Aufträge meiner Freu zu Ihnen gekommen bin?". »Freilich bin ich begierig daS zu erfahren," versetzte Herr von Lilienfeld lächelnd, »ich dachte. Sie wären im Begriffe, es mir mitzutheilev." »Gewiß, das bin ich auch." Er hüstelte abermals, es schien ihm nicht lelcht zu werden, dem Auftrag seiner Frau zu entsprechen, Herr von Lilienfeld mußte unwillkürlich lächeln. Der Andere gewahrte es und mit einer gewisse« Gereiztheit, die sich jedoch schon nach den erste« Worten wieder verlor, fuhr er fort: »Sie haben uns Ihre Verlobungskarte nach M.... geschickt und ich habe Ihnen im eigenen und im Namen meiner Frau qratulirt — obgleich meine Frau grade in jenen Tagen sich in T.... bei ihrer Schwester befand. — Das hätte wenig auf sich, ich erwähne es nur, weil es Ihnen sonst auffallend erscheinen könnte, warum ich erst heute —" Er stockte abermals, Herr von Lilienfeld schien einigermaßen gelangwcilt, mehr aus Höflichkeit als aus wirklichem Zntcreffe fragte er: »Und in was besteht der Auftrag Ihrer Frau Gemahlin?" »Meine Frau war, wie Sie wisse», »m vorigen Jahr in F.... während ich die Kur in <£.... gebraucht habe. F.... ist vorzugsweise ein von Damen besuchtes Bad, auch Fräulein Rosalie Arrmowitsch befand sich dort nut ihrer Tante, einer Schwester ihrer Mutter." Abermals stockte er, Herrn von Lilienfelds Interesse war jedoch jetzt in Wirklichkeit erregt. »Da kennt Frau Kalman vermuthlich meine Braut — das freut mich." Herr Kalman hüstelte. »Ja, ich glaube — daS heißt, gewiß kennt meine Frau Ihre Braut — ich habe Ihnen ja schon gesagt, meine Frau intercssirt sich für Sie — unter den jüngeren Leuten gibt es heute Wenige wie Herr von Lilienfeld, sagte sie — und darum verdient er auch, daß man um seinetwillen thut, was uian nicht für jeden thun würde — denn es wird Einem nicht leicht — aber meine Frau sagt, es wäre nicht nur Freundespflicht, sondern eine Pflicht, die man gegen jeden frommen Juden zu erfüllen hat. Denn ein Mann kann noch so fromm sein, wenn cs der Frau nicht Ernst ist, ist er nicht im Stande, allen seinen Pflichte» nachzukommen." »Gewiß nicht", sagte Herr von LUienfeld gepreßt, indem dunkle Gluth sein ausdrucksvolles Antlitz überzog. »Nun —" fuhr er nach kurzer Pause fort, »bitte, wollen Sie mir nicht gefälligst mittbeilen, was Ihre Frau Gemahlin —" »Gewiß, gewiß, da» ist doch der Zweck meines Hierseins. —* Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn.