Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 28 (1887)
- Issue
- Heft 59 (1.8.1887)
- Date
- 1887-08-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1067 ßlne Wenachem-Detrachlung. Don Dr. H. Sänger. Wenn uns die heutigen religiösen und sozialen Anstände Anlaß gegeben zu einer Av-Detrachrnng. so haben wir doch keine Ursache zu schwarz zu seben und zu malen; nein, im Gegcntheil, viel mehr Ursache voll Hoffnung und froher Zuversicht zu sein. Denn es hat sich in erster Linie die Bedingung nicht erfüllt, von der allein unsere Gleichstellung adhängig gemacht wurde, nämlich die Bedingung, welche nur vas Aufgehen des Judenthums sich als Endziel dachte. Es har sich auch nicht erfüllt, was seit unserer Zerstreuung die Bölkcr von uns sagten: Daß wir verstoßen und ausgegcbcn seien von Gott wegen unserer Sünden. Tenn wäre das die Absicht unseres Gottes gewesen, so — hätte sich das im Laufe von 2000 Jahren doch sehr leicht vollziehen müssen. Das Kegenthcil müßte sowohl die nichtjüdischc Welt, wie auch dieReformjndcn, welche in unserer Zerstreuung, in dem Derlusic unseres Landes nur ein zufälliges Ereigniß und eine Lösung des Landes mir unserem Gotte, welches durch Sein Gesetz zum Ausdruck kam, erblicken wollen, zur klaren Einsicht und dem ehrlichen, uunurwundencn Gcständmß bringen, daß Gottes Wort „Ader auch dann, wenn sie im Laude ihrer Feinde scinwcrden, habcich sic nicht verschmäht und nicht verworfen, sie zu vernichten, meinen Bund mit ihnen zu zerstören, denn Ich bin der Ewige, ihr Gott", sich bis jetzt an Seinem Volke bewährt hat. Wahrlich wir brauchen keines kräftigcrcu Beweises als dieser göttlichen Worte, mit denen unsere ganze Geschichte, die lebendige Thatsache, bis heute übcreinftiunut und können daher voll frohen Mutbes sein, können uns trotz aller Anfechtungen von Außen, trotz aller Ableugnung von Innen, beruhigen. Und darum auch konnte das, was die Reform anstrcbte, das göttliche Gesetz als überlebt zu erklären und abzuschaffen, nicht in Erfüllung gehen. Gesetze kann man ja leicht übertreten, damit ist aber noch nicht der Beweis geliefert, auch wenn -raufende sich über das Gesetz hinwegsetzen, daß das Gesetz nicht mehr cristire. Der Beweis allein ist dadurch gegeben, daß diese Tausende es nicht mehr anerkennen.^ Der Beweis, daß unser Gesetz sich noch nicht überlebt, kann aber leicht dadurch gerührt werden, daß die Mehrheit der Juden auch heute noch dieses Gesetz ganz und voll ancrkcnucu, daß sttbft ein großer Bruchtheil der Reformjudcn und der Mittelpartei nur einen Theil dieser Gesetze nicht mehr für zeitgemäß erklärt. Die Reformbestrebung hat nicht die Welt erobert, hat das alte Judenthum . nicht aufgehoben, nicht verschlungen, wie man vor Jahrzehnten das als so sicher und gewiß voraussetzle. Das alte Judcnthum ist ulehr erstarkt und gefestigt, da heute ein gesctzcstrcucr Jude nicht mehr überzeugt werden kann von der „Zweckmäßigkeit" der Reform, von einem „zeitgemäßen" Judcnthum. Bor Jahrzehnten war das alte Judcnthum von Seiten der Neformjudcn allenthalben dem Spott und Hohn ausgcsetzt; heute ist so ziemlich Spott und Hohn verstummt. Man hat sich überzeugt, daß den gesctzestreuen Juden ihr Gesetz, ihre Religion, ihr Judcnthum eine ernste, heilige Sache ist, für die sie die schwersten Opfer gebracht haben; daß sie eben keinen Modeartikel daraus machten. Selbst bei der Reform ist es auch schon wieder auS der Mode gekommen, in Reform zu machen, und, die größte Gleichgiltigkeit in Bezug auf Religion und sogar auf — Synagoge kennzeichnet das heutige Geschlecht, die Nachkommen jener begeisterten „Verbesserer des Judenthnms." Höchstens solche Juden, die kein anderes Mittel haben, um ihre Bildung zu documcmiren, glauben dieses Anrecht auf Bildung zu erwerben, wenn sie auf das „orthodoxe" Jndcnthuiu tüchtig loszichen, jeden frommen Juden als ungebildet und unwissend bezeichnen und mit auf« gefangenen Redensarten tractirc». Die Zähigkeit und Standhaftigkeit der Orthodoxe», ihre Opfer« fähigkeit in Sachen des Glaubens und nicht zum geringen Theil die Jgnorirung all jener Gehässigkeilen, haben eben den Zorn herausgefordert, wre ja bekanntlich das Böse ein Feind des Guten ist. Und darum verdächtigte, bespöttelte man den orthodoxen Juden. Die nichtjüdischc Welt, die anfangs mit dem Rcformjudenthum sympathifirte, hat sich im Laufe der Zeit überzeugt, daß der alte Jude mindestens gerade so chrcnwerth sei, wie der moderne Jude, ja gar manche gewichtige Stimule von nichtjüdischcr Seite hat sich anerkennend und rühmend über das alte Judcnthum und sein Gesetz ausgesprochen, aber noch nicht eine, welche das Reformjudenthum mit seiner „Gesetzlosigkeit" und „freien Religion" belobte. Wie überdaupl die Zeit - der Religionslosigkeit trotz der freien Forschung und der Fortschritte der Wissenschaft im Großen und Ganzen ein überwundener Srandpunct ist und kein Staat auch bcure ohne positive Religion bestehen könnte: ebenso ist im Jndenthum die Reform etwas UcbcrwundcneS, und die Mittelpartei sucht sogar einen Ausgleich, eine Vermittelung auf — neu-.