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Der Israelit · 1887-08-01 · Heft 59 (1.8.1887) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
28 (1887)
Issue
Heft 59 (1.8.1887)
Date
1887-08-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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schichtsforscher die Geschichte des jüdischen Stammes und finden nicht Worte genug, um deffen Straft und Ausdauer im Dulden und im Leiden zu preisen. Das Geheimnis dieser Ertragungsfähigkeit und dieser passiven Widerstandskraft liegt darin, dag wir unsre Unterdrücker nicht hasten, ja, sie nicht einmal für das Döse, was sie uns Zusagen, verantwortlich «rachen. Ein Shylock war niemals das Prototyp des jüdischen Stammes, und wenn es solche Juden gegeben, so bildeten sic die Ausnahme und nicht die Regel. Wie jede große Tugend dem Tugendhaften selbst zu Gute kömmt, so hat die beispiellose Fcindcsliebe, welche der jüdische Stamm seit Jahrtausenden bewährt hat, nicht am wenigsten zu seiner Erhaltung beigetragen; sie hat oft die Feinde wider ihren Willen entwaffnet und sie vielfach in Freunde uurgcwandclt. Wie Lessings Nathan, dem die Ehristcn sein Weib und sieden Linder erschlagen, sich des vcrlastcnen Ehristenkindes annimmt, um cs mit der größten Liebe und Sorgfalt -zu erziehen, so haben die Juden gelhan und gehandelt alle Zeiten hindurch. Sic waren die getrencstcn Untcnhaneu der Könige, selbst wenn diese sic unterdrückten und mißhandelten; sie waren gefällig gegen die Beamten, selbst wenn diese sie beraubten und brandschatzten, sie sahen in jedem Menschen den Bruder, selbst wenn dieser einer Nace angehörte, welche sic anfeindcte. Diese große Fähigkeit im Leiden und inr Dulden hat schon bei Entstehung unseres Volkes unsre Mutter Nahel bewährt. Gibt es eine stärkere Leidenschaft als die Eifersucht des liebenden Weibes? Sie schildert der weise König (Lied der Lieder E. 8, 2>. 6.), indem er sogt: „Tenn stark wie der Tod ist die Liebe, Han wie die Hölle die Eifersucht, ihre Gluth, Gluth des Feuers — eine Flamme Gottes." — Nahe!, das liebende Weib, um das Jakob sieben lange Jahre gedient, sieht sich endlich am Ziele ihrer heißesten Herzenswünsche. Da wird statt ihrer die Schwester unter den Trauhimmel geführt, und der Mann ihres Herzens scheint auf immer für sie verloren zu sein. Jedes andere Weid wäre hcrzugeeilt, um im heftigsten Zorne und im glühendsten Eifer den Trug zu zerstören; Nahel aber schweigt und duldet schweigend. Diese fast übermenschliche Ilebcrwinduug sinder an Gottes Thron die höchste Anerkennung. Ter böse König Menascheh hat in das Allerhciligüe des heiligen Tempels ein Götzenbild bringen lasten. Und GotteS Zorn entbrennt, und Er will den Neberrcst Israels — schon hatten die zehn Stämme irr die Verbannung ziehen müssen vernichten. Und die Väter und Mütter unseres Volkes verlosten die Wohnungen der Seligen, um sich Hinzuwersen vor Gottes Thron nnd Verzeihung zu erstehen für ihre sündigen Kinder. Vergebens fleht Abraham, vergebens bittet Sara; Jizchak findet kein Gehör und auch Riwkah gelingt es nicht, den Zorn deS allgerechten Richters zu beschwichtigen; ohne Erfolg sind die Bitten Jakobs und Lcah'S, da beruft sich Rahel auf ihr schmerzensreiches Dulden, und der Mgütige verzeiht. — r?o bp %r. Was auch ein Fürst Böses über dich verhänge, nimin es leicht, sei es auch noch so schwer zu ertragen; rrnnsw ru*. wie auch die Beamten des Herrschers dich quälen und brandschatzen mögen, so sei du doch stets gefällig und zuvorkommend gegen sie; mera bp r« brpa •vn und empfange jeden Menschen mit Freude, je den Menschen, selbst deine Haycr und Peiniger nnd Quäler, mit Freu de, nicht wie Schamai oben sagte rss* cjs mir freundlichem Angesicht, sondern rvrara, mit wahrhafter Herzensfreude; warum? Nahe! weint um ihre Kinder, und ihre Thränen hatten Erfolg am Throne Gottes. Auch unser Leiden und Dulden wird des Erfolges nicht entbehren. Der Allgütige wird es schauen und erbarmungSvoll rm» belohnen für all das Schlimme, das wir haben ertragen müssen. Man könnte fragen, warum Rabbi Jischmael diesen Rath, den er den Söhnen seines Volkes gibt, in ein so gehcimnißvollcS Gewand gehüllt hat. Wir finden jedoch mehrfach im Talmud erwähnt, daß die Weisen ans politischen Gründen ihren Aussprüchen eine räthselhafre Gewandung gegeben» damit nicht jeder sic zu durchschauen vermöchte. Wenn die Unterdrücker wissen würden, daß Israel die Unterdrückung leicht hinnehme, der Erpressung gegenüber nur Gefälligkeit haben und in jedem uns feindlich gesinnten Menschen nur das Ebenbild Gottes erschaue und deßhalb ihm mit Freude entgegenkomme, so würden unsere Feinde noch mehr Anlaß nehmen, uns zu quälen und zu peinigen. — Wir jedoch brauchen keinen Anstand zu nehmen, daS Gchcimniß Rabbi JischmaelS zu enthüllen. Wir leben unter cdlcn, tugendhaften Fürsten, deren Beamte gleich ihnen Recht und Gerechtigkeit lieben; wir leben in Frieden mit unseren Mitbürgern, mit denen vereint wir das Wohl deS Vaterlandes erstreben. Es ist daher selbstverständlich, daß wir f unseren Fürsten dienen, mit Leid und Leben, daß s wir ihre Beamte nnd Stellvertreter hochachten, nnd . r daß wir unsere Mitbürger, auch die, welche nicht i unseres Stammes und Glaubens sind, mir wahrer i Herzensfreude begrüßen. Haben wir doch alle einen t Varcr, hat doch ein Gott uns erschaffen, und deshalb soll jeder Mensch in jedem Menschen den Bruder achten und lieben. (Fortsetzung fokgt.>

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