Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 28 (1887)
- Issue
- Heft 54 (14.7.1887)
- Date
- 1887-07-14
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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derselben werden selbst schließlich zu Verächtern unseres Glaubens und oft alles Gottesglaubcns. Dagegen wird von anderer Seite mit voller Berechtigung bezweifelt, ob das besser werden kann oder wird, wenn durch Zwang Elemente in die Religionsschule gebracht werden, die nicht aus freier Wahl dahin kommen. — Gin Zwang in dem Sinne, daß alle Kinder den, sei es von Leiten einer staatlichen Behörde, oder einer Gemeindeverwaltung oder einer Schule, eingerichteten Religionsunterricht besuchen müssen, ist schon aus dem Grunde unftattbaft, weil bei dem Vorhandensein verschiedener religiöser Parteien dies nothwendigerweiie zum Gewissenszwang führen müßte, Manche meinen zwar, es sei damit nicht so schlimm, man könne sich schließlich überall verständigen; Gewissenszwang wolle ja heute in!unsercr die Rechte des Individuums nach jeder Richtung achtenden Zeit keiner mehr ausüben. Ta fällt mir zufällig ein Geschichtchen von einem RcligionSlehrer ein, der den israelitischen Rcligionsunterrichl an einer städtischen höheren Schule ertheilte und an einem Sabbat, wo er gerade die erste Stunde in einer Klasse gab, mit folgender Ansprache seinen Unterricht begann : „Gewissenszwang, ihr Kinder, will ich nicht ausüben: ich will jcyt Gtwas diktircn, aber ich zwinge .Keinen. von euch, der Bedenken hat, wegen des Sabbat heute zu schreiben, daß er mitschreibe!!!" Strengfromme Israeliten werden es sich dcßhalb nie cinfallcn lassen, ihre Kinder an dem Unterrichte eines Religionslchrers sich betheiligen zu lassen, der im Sinne des Resormjudenthums unterrichtet und lebt, der öffentlich entweiht, was uns heilig ist, der wegwerfend spricht über das, was uns ewig göttliches Gesetz ist. Nie und nimmer kann der Schüler durch den Unterricht eines solchen Lehrers gewinnen: viel eher aber kann er in seiner Ueberzeugung irre ge macht und zum Zweifel an der Wahrheit dessen, was er von Jugend auf glauben gelernt hat, gebracht werden. Gbcnsowcnig kann man natürlich von einem Resormjuden verlangen, daß er seine Kinder zum Unterrichte eines orthodoxen Lehrers schicken soll. Da die staatlichen oder die Gemeindebehörden sich aber in den seltensten Fällen dazu entschließen werden, für jede religiöse Richtung oder Schanirung einen besonderen Religionsunterricht cinznrichten, so kann also natürlich, wenn die Gewissensfreiheit nicht verlebt werden soll, ein Zwang, die Religionsschule zu besuchen, unmöglich durchgcführt werden. Ter Unterricht selbst aber, und dieses Bedenken ist nicht minder wichtig, würde ganz entschieden darunter leiden, ja seine Wirkung könnte ganz fraglich erscheinen, wenn Kinder an demselben rhellzunehmen gezwungen würden, deren Eltern diese» Unterricht. ..mißbilligen und pcrhorresziren. Boa diesem Gesichtspunkte aus hat man deshalb auch schon vor nahezu zweitausend Jahren über den Gegenstand gestritten, denn schon Rabbi Eleasar ben Asarja meinte, man sollte die Thüren des LchrhauseS für Alle, ohne Unterschied der Gesinnung und deS Gharaktcrs, offenhalten, denn, wenn von den vielen Unberufenen nur einer dem Glanze der Wahrheit sein Auge erschließt und sich zu ihr bekehrt, ist dieser eine gewonnen, während Rabbon Gamliel es für bener hielt, nur dem Ginlaß zu gewähren, von dem man wüßte, daßr^v wv, daß sein Inneres seinem Acußern gleiche, und von dem nian darum keinen Mißbrauch der Wahrheit und keinen schlechten Ginsiuß zu fürchten hätte. Ter schlechte Ginftuß, das ist es. wovor man die Religionsschulc ängstlich hüten muß. GS ist ja bekanntlich kein Fach schwerer zu unterrichten als Religion, und der Unterricht ist anerkanntermaßen in keiner Schule schwieriger als in einer Rcligiousschule, wo wegen der verschiedenartigen Glcmente, aus denen sich dieselben rekrutirt, die Tisciplin am uieisten Gnergic und pädagogische Tüchtigkeit erfordert. Und doch verlangt ja gerade daS Wesen dieses Unterrichtes, daß keinerlei Unruhe und Disharmonie in der Stunde herrsche. „Ter wahre Gewinn vom Religionsunterrichte", sagt ein pädagogischer Schriftsteller, „ist nur dann zu hoffen, wenn er wie ein wahrer Gottesdienst angesehen und mit jener Andacht ertheilt wird, die wegen ihrer Wahrheit auf jedes Gcmüth ihren Eindruck nicht verfehlt." Beim Lehrer und Schüler sollte i» gleichem Maße eine weihevolle Stimmung vorhanden sein, dann werden sich unsichtbare Fäden spinnen von dem Lehrer zum Schüler; die Wärme und die Begeisterung des Grsteren werden übergehen auf den Leptcren, werden sie ergreifen und mit fortreißcn, und die leuchtenden Blicke des Schülers sagen eS dem Lehrer, daß er verstanden worden ist, daß feine Worte Wurzel geschlagen haben. Nichts aber kann den Unterricht mehr stören, kann die feierliche Stimmung mit einem Male so sehr verderben, als ein höhnisches Lächeln oder gar ein zweifelndes, leise hingcworseneS Wort eines Schülers, der den Unterricht nrit Widerwillen und deßhalb mir Voreingenommenheit mitnimmt. Wie giftiger Mchlrhan legt sich das auf die jungen Keime, die in den Herzen der übrigen Schüler aufgegange» sind und da sprossen und grünen. Wer schon an einer Religionsschulc unterrichtet hat, wo Kinder von Gltcrn verschiedener religiöser Richtung beisammen sind, weiß, wie hemmend eS z. B. schon auf