Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 28 (1887)
- Issue
- Heft 53 (11.7.1887)
- Date
- 1887-07-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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manb mehr als sie selbst durchdrungen sein, aber Herrn von Lilieufeld's ruhiges gemessenes Wesen hatte bis dahin kein ungeduldig leidenschaftliches Gefühl verrathen, er hatte sich vermuthlich sehr zu beherrschen gewusst. „Wer ist deuu die junge Dame¥* wandte sich Frau Aronowitsch an ihre Freundin, nachdem sie dieselbe herzlich willkommen geheissen hatte. „Die Gouvernante meiner Töchter, Fräulein Swoboda. Pathe der Gräfin Walewska." „Himmel, welch' reizendes Geschöpf! und wie nobel, wie aristokratisch sie anssieht. — Und sic unterrichtet die Kinder auch?" .TaS wollte ich Meinen. Sir sollten hören, mit welchem Verve beide Französisch sprechen und Gabriele auch Englisch. Und was sie noch sonst Alles wissen, es ist grade-» stauncuswcrth. Und dabei werden die Kinder durchaus nicht angestrengt, sie merken cS selbst oft nicht, dass sie unterrichtet werden, sie erzählt ihnen das Alles gelegentlich, oft beim Spielen oder in der Handarbeitsstunde." Frau Aronowitsch schüttelte bewundernd den Kopf. „Da haben Sie in Wirklichkeit eine prächtige Requisition gemacht. Man merkt es übrigens der jungen Tameu auch an, dass sic vorttefstich erzogen werden, ihre graziösen Bewegungen sind entzückend.^ Frau von Lilienfeld lächelte geschmeichelt. „Ja, ich biu in der Thal überaus zufrieden mit dem Fräulein und die Kinder vergöttern sie. Ich glaube, sie hängen mehr an ihr als an mir, ich wäre gradezu rathlos. wenn sie uns verlassen wollte, bevor, die Erziehung meiner Töchter vollendet wäre." »Das haben Sic wohl auch nicht zu befürchten, denn Sie haben diesen Juwel von Gouvernante sicherlich so gestellt, dass sic nie daran denken wird. Sie zu verlassen!" „Freilich ist sie gut gestellt und sic hängt an den Rindern ebenso wie die Kinder an ihr. Aber ich fürchte häufig, dass bei ihrer seltenen Schönheit sich irgend Jemand in sic verlieben könnte. Darum meide ich in jüngster Zeit, hauptsächlich um ihretwillen, den Berkehr mit uichtjüdischcn Kreisen." „Das ist gcschcidt, ausserordentlich gescheidt. Ta das Fräulein Ehristin ist, haben Sie bei ausschliesslichem Lerkchr nrit Juden nach dieser Richtung hi», nichts zu besorgen." Dieses Gespräch der beiden älteren Damen war in halblautem Flüsterton geführt worden, während die Töchter des Hauses mit ihren Gästen, zu denen sie auch die Gouvernante rechneten, bereits heiter lachten und plauderten. Tie jüngeren Mädchen waren fammtlich entzückt von Marina'S seltenem Liebreiz, nur Rosalke kräuselte verächtlich die Purpurlippen und erklärte, die Gouvernante mache den Eindruck, als wäre sie aus lauter Spinnweb zusammengesetzt. Marina war kn der That während der ersten Tage ihres Auscnthaltcs in C.,.. auffallend bleich und schweigsam. Frau vom Lilienfeld vermuthete, dass die Indisposition, die . ihr gleich am Beginn der Herreise ausgefallen war, noch immer anhalte. Das junge Mädchen war eben sehr zart, hatte die Rächt vorher wenig geschlafen und sich dann durch die übereilte Abreise mehr angestrengt als sie häne sollen, da bedurfte sic eben mehrere Tage, um sich vollständig wieder zu erholen. Und in Wirklichkeit, als am dritten Tage Briese von Alexander kamen, nicht nur an seine Mutter, sondern auch an seine Schwestern, in denen er ausführlich über die Unruhen in L...Y berichtete, und wiederholt hervorhod, dass er durch eine ihm rechtzeitig zugegangcne Warnung durch die allerdings unheilvollen Ereigniffe nicht überrascht worden wäre, sondern Zeit gehabt habe, sich darauf vorzubcrcitcn und km Aergstcn vorzubcugen, da färbten sich ihre Wangen wieder und ihre Heiterkeit kehrte zurück, als wäre eine schwere Last ihr vom Herzen genommen. Und es war ihr in Wirklichkeit eine schwere Last vom Herzen genommen; alle diese Tage hindurch hatte sie in Angst gelebt um Gesundheit und Leben desjenigen, den sie als das Ideal alles Edlen und Hochherzigen verehrte. Diese Angst war nun glücklich vou ihr genommen, Herr von Lilienfeld lebte nicht nur, er musste auch gesund sein, denn er schrieb, er beabsichtige in der Rächt vou Sonnabend aus Sonntag abzureiscn und hoffe Sonntag in den Bormittagstunden in iS.... eiuzutrcffcn. Mit fieberhafter Hast wurden die Vorbereitungen zu der BerlobungSfeier betrieben, denn die Verlobung sollte mit überaus grossem Pomp gefeiert werden. Obgleich es in jenen Kreisen nicht üblich war, die Gouvernanten der Töchter an den Festlichkeiten Theil nehmen zu lauen, mit Marina wurde eine Ausnahme gemacht, thcils aus SÜicksicht auf Frau von Lilienfeld theils auf Fürbitte der jüngern.Tochter der Familie. Frau von Lilienfeld hatte die Gouvernante durch eine Gesellschaftstoilette überrascht, es war die erste dieser Art, die Marina je getragen, sie hätte kein junges Mädchen sein müssen, hätte sie diese Aufmerksamkeit nicht hocherfreut. Mit auftichtigem Ter.* versprach sie den Wunsch der freundlichen Geberin zu cljüllcn und sich zur BerlobungSfeier ihres Sohnes damit zu schmücken. Rosalie fand alle diese Geschich-