Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1887-06-30 · Heft 50 (30.6.1887) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
28 (1887)
Issue
Heft 50 (30.6.1887)
Date
1887-06-30
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/2446951-2449697-2449747--26706-2516549
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

901 mit unseren Andersgläubigen leben. Es wäre wahrlich mehr als ein vergebliches Mühen, wenn ich cs versuchen wollte, diese großartige Feier in würdigen Worten zu schildern, man muß Zeuge dieser jubelnden Begeisterung gewesen sein, um cs zu begreifen, daß alle Anwesenden von dem Empfinden * dnrchglüht waren, noch selten eine glcichschöne, echtjüdische Feier mitcrlcbt zu haben. Deshalb beschränke ich mich darauf, in schlichter Darstellung über den Verlauf der Festlichkeit zu berichten. Freitag, Morgens um 7 Uhr, fand der letzte Gottesdienst in dem bisher provisorisch benützten Bet,aale statt. Eure kurze Abschicdsrcde des Herrn Rabbiner Dr. L ö w e n st e i n aus Ä o s b a ch schlos; die Feier. Um io Uhr bewegte sich ein stattlicher Zug, der Herr Rabbiner und noch 4 weitere Thorarolleriträgtr unter einem Baldachin gebend, vom alten Bctsaale, durch die Hauptstraße des £nc6 ziehend, der neuen Synagoge zu. Eihebcnde besänge, ansgenihrl von hiesigen Gemcindculltgliedern, leiteten die Feier ein. Ern Mädchen überreichte in einer paffenden Ansprache dcrn Herrn lllabbiucr den Schlösicl, worauf alsdann das Gotteshaus geöffnet wurde. In Schaarcn ströme man hinein und in wenigen Minuten war die Synagoge, deren schöner Bau und prachtvolle Einrichtung und innere Ausstattung alle Anwesenden in Staunen versetzte, bis auf den letzten Bla? gefüllt. Besondere Bewunderung erregte ein vom hiesigen Fraucnvcrcin gestiftetes, von Herrn Hofman» tn »Franks, a. M. künstlerisch ausgcsülrrrcs rrs. In einer sließendcu Sprache hielt Heu Dr. Löweitstein die sinnig durchdachte und sormoollendcic (5'inwcihungsrcde, die Frage behandelnd: ,Zu welchem Zwecke erbauen wir Goueshäuscr?- Rachmi-rags war Bankert, Abends 7Uhr der crftf Gorlcsdicnst in der neuen Synagoge. Morgens früh ging wart zum n~::m «Frühgottcsdicnft». um l«' 2 Mir war Hanprgottcsdicnst, den» sich wieder eine treffliche Predigt, den Cncih, der in einem Goncshansc herrschen soll, behandelnd, anschlost. Rech lauge werden diese schönen Tage in guter Erinnerung sein. A. Fröhlich. Gerlirr, 24. Znsi. Sehr geehrter Herr Rcdactcur! Der in der letzten Tonnertzagsnummer des ^Israelit" erschienene Aussatz über die „Iugendlcktüre für jüdische Kinder" hat sicher nicht allein in mir, sondern auch in weiteren Kreisen Gleichgesinnter.freudige Empfindungen geweckt und zugleich den Spruch verhängt, wie schon ein Wort sei zu seiner Zeit. Daß aber die Zeit es düngend erheischt, auf diesen so öden Fluren endlich cinnial Wandel zu schaffen, das hat der Dcrf. jenes Aufsatzcs klar bewiesen, dafür zeugt die Geschichte einer jedes Tages. Es kann zunächst nicht zweifelhaft sein, daß die Iugendlecrüre gewöhnlichen Schlage?, und nicht in letzter Reihe die Zeitung mit ihre« Romanen, FcicnagSbettachtungcn und anderen hübschen Dingen, bei dem Heranwachsenden Geschlechts eine flache Humamtätsschrvärmcrel erzeugen muß, die alle religöscn Grundsätze in ein farbloses Nichts austöst, alle Festigkeit zerbröckelt und die freudige Begeisterung für das positive Bekcuntniß der Väter allmählich schwächt, wenn nicht ertödtet. Es kann ferner nicht zweifelhaft sein, daß daS Gcmülh des Kindes durch gesunde Kost einer vorsichtig ausgcwälrltcn Lektüre die trefflichste Nahrung erhält, und cs ist schließlich unbestritten, daß von einer ncnncnswerlheu Anzahl gediegener rein jüdischer Zugendschriftt» füglich nicht gesprochen werden darf. Der Vers, glaub! nun, daß mau in Ermangelung der letzteren «diriftcn als kleineres Nebel in der vorhandenen Ingcndlcktürc Auswahl treffen und nur die Bücher den Kindern in die Hand geben solle, welche von Bespöttelungen jüdischer Einrichtungen, von geringschätzigen Aeustcrungen über die Juden und anderen Albernheiten, die irgendwie auf den Pharakrcr des Kindes eine» schädlichen Einfluß ansnbcn könnten, frei sind. Die Rcalisirung dieses Vorschlages dürfte meines Bedünkcns ungewiß, der Erfolg ciu problematischer sein. Zunächst scheint cs überaus schwierig, auS den vorhandenen tausend Iugcndschriftcn, von denen wieder hunderte mit dem Weihuachtsbanm schließen, die geeigneten anszuwählcu und in heutiger Zeit, wo man auch den entfernten Schein des Unrechts vermeiden muß, vielleicht auch inopportun, diese hunderte Iugcndschriftcn auf den Inder zu setzen, wie Iungdeutschlaud diese Auswählung neunen würde. Ncdcrdics betrachten die Eltern heutzutage zumeist daS „Büchcrlefcn" noch als Spielerei und sind noch zu wenig von der sittlichen, erziehlichen Bedeutung der Ingcndlektürc durchdrungen, als daß sie gerade jene ausgewähltcu Schriften ihren Kindern kaufen und die Lektüre anderswo entliehener Bücher zweifelhaften Inhaltes nicht gestatlen sollten, die jüdischen Religiousschnken können unmöglich jene tendenziösen Iugcadschriftm für ihre Zöglinge anschaffen und — was das ivichtigste ist — für den Glauben der Kinder wäre absolut nichts 7gewonnen. Bedenkt man aber anderseits, wie wenig die Rcligionsschule, und wäre es hier, wie hier in Berlin, eine zwölfllassigc, ihre Schüler in die spätere jüdische Geschichte und Literatur einzuführcn, die Zeit gewinnt, und ein wie mächtiger Faktor eine jüdische Jugend-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.