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Der Israelit · 1887-06-30 · Heft 50 (30.6.1887) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
28 (1887)
Issue
Heft 50 (30.6.1887)
Date
1887-06-30
Page
– (sequence 2)
Language
German
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900 Ter Vordersatz derselben ergibt eine Folgerung, die der Folgerung aus dem Schlußsätze geradezu widerspricht. «Jeder, dessen Furcht vor der Sünde seiner Weisheit vorhcrgcht, dessen Weisheit hat Bestand." Also nur, wenn die Furcht vor der Sünde der Weisheit vorhergeht hat die Weisheit Bestand. Wie ist eS aber, wenn die Furcht vor der Sünde und die Weisheit gleichzeitig komme«? Tann hat die Weisheit keinen Bestand. — Tie Folgerung aus dem Schlußsätze ergibt daS gerade Gcgcnlhcil. «Jeder, dessen Weisheit vorbcrgeht seiner Furcht vor der Sünde denen Weisheit hat keinen Bestand. «Also u u r, wenn die Weisheit der Furcht vor der Sünde vorhcrgcht. hat die Weisheit keinen Bestand: wenn aber die Weisheit und die Furcht vor der Sünde gleichzeitig kommen.'so hat die Weisheit Bestand. — Ter genannte Erklärer sucht diesen Widerspruch folgendermaßen zu beantworten: Tie Anlagen stnd verschieden. Mancher erfreut sich einer schnellen Auffassungsgabe und eines vorzüglichen Gedächtnisses; viele hingegen besitzen Beides nicht oder nur eines davon. Derjenige, bei welchem die Furcht vor der Sünde zuerst da ist, wird sich derart des göttlichen Beistandes erfreuen, daß ihm die guten Anlagen erhalten bleiben, oder daß die geringen sich allmählich zu guten entwickeln — ferne Weisheit hat Bestand. Derjenige aber, bei welchem die Furcht vor der Sünde nicht vorher da ist, sinder dadurch keine Förderung, daß seine geringen Anlagen sich besser gestalten: ja, wenn er gute Anlagen hat, so werden diese, weil er der Furcht vor der Sünde entbehrt, durch die Sünde geschwächt tverdcn — seine Weisheit hat keinen Bestand. Wenn aber die Furcht vor der Sünde und die Weisheit gleichzeitig kommen, so erhält er von oben weder Förderung noch Hinderung: seine Weisheit kann Bestand haben oder auch nicht. — Daß auch diese Erklärung nur ein Nolhbchelf ist, braucht wohl kaum erst gesagt zu werden. Bon allen Interpreten scheint uns Rabbi Herz Wesel daS Richtige getroffen zu haben. Es handelt sich hier gar nicht, sagt er, um ein Früher- oder Cpäterkommcu der Zeil nach; cs handelt sich viclmclw um eine Bevorzugung der Eigenschaft nach. Wir mimen dcmuach übersetzen: «Jeder, dem die Furcht vor seiner Sünde höher steht als seine Weisheit, dessen Weisheit har Bestand. Jeder aber, dem seine Weisheit höher steht als die Furcht vor seiner Sünde, dessen Weisheit hat keinen Bestand." — Rach dieser Erklärung steht Rabbi Ehanina den Toßä weder im Widerspruche mit Hillcl, noch mit sich selbst. Die Furcht vor der Sünde besteht darin, daß man nicht etwa die Folgen der Sünde fürchtet, die Schande, die sie bringt, die Strafe, die sie hcrvorruft, sondern die Sünde selbst. TaS Herz des Frommen muß derart von Liebe zu Gott erfüllt sein, daß er sich fürchtet. Sein heiliges Gebot zu verletzen, geradeso wie der zärtliche Sohn sich fürchtet, seinem Bater Stummer zu bereiten. Er wird bei allem, was er zu thun im Begriffe steht, der eigenen Weisheit nicht unbedingt vertraue», sondern sich vorher fragen, ob der cinznschlagende Weg zur Sünde füüren kann. Er wird sich nicht darum kümmern, wenn ihm die Mitmenschen höhnend vorwerfen. daß er Gespenster sehe; denn ihm steht die Furcht vor der Sünde höher als die Weisheit. Rabbi Schimcon den Neßanel, von dem sein Lehrer Rabbon Iochanan den Sackai rühmte, daß er ein jen jo* sei, daß er die Sünde fürchte, empfiehlt als Hauptgrundsatz im Leben, daß man bei allem, was man thnt, vorher bedenke, ob nicht daraus eine Sünde entstehen könne tct rx nxm. Nur derjenige, welcher von solcher Gesinnung beseelt ist, darf hoffen, daß seine Weisheit Bestand habe, daß sie ihn: zun: wahrhaften Heile gereiche in diesem wie im künftigen Leben. Wer aber die eigene Weisheit höher stellt als die Furcht vor der Sünde, der wird zu spät erkennen, daß seine Weisheil nicht unfehlbar gewesen, daß sie ihn zu Schritten verleite: hat. die ihn auf Abwege führten — seine Weisheit hat keinen Bestand, sie besteht nicht vor dem Throne des Allwekfen. den zu lieben unsere höchste Ausgabe ist. Tiefe Liebe bewähren wir dadurch, daß wir die Sünde fürchten und uns nicht stet» auf die eigene Weisheit verlassen. (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten und (Korrespondenzen. Deutschland. Groß - Cichholzheim (Baden). Verrauscht sind die Tone des Jubels und Sülle ist wieder in unserem Torfe cingekehrt. Tie Einweihung der neugebautcn Synagoge, die in den Tagen des lO. und N. Juni stattfand, gestaltete sich zu einem Feste, wie cS großartiger hier noch nicht erlebt wurde. Unzählige Fremde waren von Nah und Fern herbcigecilt, um Zeuge dieses religiösen Aktes zu sein. Im prächtigsten Kleide prangten die Straßen und Häuser. Mein christliches Haus war zu erblicken, daS ungeschmückr gewesen wäre, ein Beweis, in welchem guten Einvernehmen wir hier

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