Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 28 (1887)
- Issue
- Heft 46 (16.6.1887)
- Date
- 1887-06-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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820 Andersgläubige, und hüten wir uns, unfern Gesinnungsgenossen Tinge zuzumuthen, die oft nicht ausführbar sind. Berlin, 1:1. Juni. Als der römische Kaiser Hadrian einst späteren ging, begegnete er einem Juden, der ihn ehrsurchrsvoll grüßte. „Wer bist Du?" fragte ihn der Kaiser. „Ich bin ein Judc," war die Antwort. „Und Tu wagst es, mich zu grüßen?- schrie ihn der Kaiser an und liest ihn lödlcn. (rin anderer Jude, der davon Kunde erhalten und ebenfalls den Kaiser traf, zog es vor, ihn nicht zu grüßen. „Wer bist Tu?- — „Ein Jude.- — „Und Tn bist so schamlos, mich nicht zu grüßen?" Er übergibt auch ihn dem Henkerbeil. Als nun ein Freund den Kaiser ans feine Jnconscaucnz aufmerksam zu machen sich gestattete, rief Hadrian: „Willst Tu mich lehren, wie ich meine Feinde vernichten soll?- An dieses Dictum der racenantisemilischen Imperators gemahnte mich seltsam die lebte, am Sonnabend in der Tonhalle verübte Heyredc des Hofprcdigers Stöcker, den die Lorbeeren seines Busenfreundes Böckel anscheinend nicht schlummern lasten. Wir haben stets die Ueberzcugung vertreten, dast die wirksamste Waste gegen den Judenhaß, der das Böse nur um des Bösen willen erstrebt, das Schweigen der Verachtung sei, aus diesem Grunde glaubten wir auch eine der jüngeren Glanzleistungen des Herrn Stöcker, die sich auch angelegentlich mit dem „Israelitbeschäftigte. gebührend durch Schweigen gewürdigt zu haben? Es genügt zur Zeichnung der Vcrwcrstichkcit der ganzen Bewegung vollständig, immer cs kurz zu rcgistriren, wenn einer der Urgermanen wegen irgend welchen Verbrechens in das Gesängnist oder Zuchthaus spazieren must, wozu ja nicht selten Gelegenheit geboten ist. Aber heule glauben wir eine Ausl'.ahme von unserem Principe machen zu sollen, denn cs wäre zu schade, die lebte Leistung des Herrn Stöcker mit ihren Jrrthümcrn, Widersprüchen und Unwahrheiten klanglos in den Orkus hinabwandcrn zu lasten. Wir wollen unter Anlehnung an den Bericht der gewiß waschechten „Staatsb. Zig.- einige Säyc des Herrn Stöcker einander aegcnübcrstcllcn. und der Leser mag über den Ernst dieses Mannes seinen eigenen Eommentar ansngen. „Für das Volk sei die Judenfragc eine Lebensfrage. Ganz besonderen Grund hätten die Berliner dazu, denn Berlin habe schwer darunter gelitten. dast das Judcnthum bei den letzten Rcickstagswahlcn in die nationale Bewegung mit cingetrctcn sei.- Ter nächste Satz lautet: „Er' halte es nur für eine Pflicht und Klugheit der jüdischen Bevölkerung. nicht auf der Seite der Reichsfeindc zu stehen.- Tie beiden Aussprüche heben sich natürlich gegenseitig auf. „In der Wahlbewegung hätten Männer das Wort in einer Art ergriffen. die sich als Professoren davor hätten hüten sollen; diese Herren habe nur die Rachsucht geleitet.- Ter nächste Satz lautet: „Wenn aus dem Judcnthum national gesinnte Männer, wie die Professoren Goldschmidt und Lazarus hcrvorgettctcn seien, so sei das an zu erkennen und er statte ihnen den Tank dafür ab." Erkläret mir, Gras Oerindur, doch diesen Zwiespalt der Natur! „Er. Redner, könne versichern, daß er sich nur ans Sorge um die Sittlichkeit und die Nelrgiosiiäi des Volkes, welche durch das Gift der Reformj ii b c n bedroht gewesen sei, in den Kampf gestürzt habe." Weiter heißt cs: „Ein Reformjude halte sich vielleicht für einen deutschen, ein orthodoxer Jude aber gewiß nie.- Herr Stöcker „irrt" sich wieder einmal, auch die orthodoxen Juden sind Teutsche, und weit deutscher, als die Racenhetzer und Lügenschwäber. Toch, da sie als Reformer giftig, als Orthodoxe undcutsch sind, was sollen sie denn nun eigentlich werden? Etwa Eonvertiten? Auch das nicht! Tenn „Prof. Goldschmidt hätte von ihm gesagt, daß auch „redliche Ehristcuihn als einen „sittrlich verwerflichen Demagogen" bezeichnet Härten. Unter diesen „redlichen Ehusten" seien wahrscheinlich einige jüdische (5ouvcnitcn gemeint." Dir sind begierig, ob Elias Eohn und Simon May. die Schützlinge Stöckers, das ruhig hinnchmen werden. „Ter Talmud der Juden ist nicht human, das wird Niemand leugnen." Unmittelbar darauf: „Tic Beunheilung des Talmud ist sehr schwierig. da zu dessen Verständuiß ein ganz besonderes Fachstudium gehöre. Nicht etwa aus Furcht» sondern weilcr zu wenig darin bewandert sei. unterlasse er Verbreiterungen über den Talmud," antwonet Herr Stöcker auf eine Interpellation, warum er den Talmud bloß inhuman, uicht auch unsittlich nenne. Aus eine andere erregte Anfrage, warum er gegen das Schächten im Reichstage nicht gesprochen, antwortet Herr Stöcker: „Es sei conservativerscirs nicht gesprochen worden, weil gegenüber den 50 Gutachten über das Schächten Niemand genügend informin gewesen wäre, um dagegen zu oppomren." Tas antwortet Herr Stöcker, welcher weiß, daß alle Abgeordnete mehrere Tage zuvor alle Gutachten in ihren Händen hatten, daß ein Gutachten