Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 28 (1887)
- Issue
- Heft 40 (23.5.1887)
- Date
- 1887-05-23
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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710 Pr äsident: Ich bitte den Herrn Redner nicht so weit von dem Gegenstand der Tagesordnung abzuwcichcn. Abg. Brömel (fortfahrend): Wenn hiervon dem Abg. Böckel in so schroffer Weise Angriffe aus viele Tausende deutscher Mitbürger ausgesprochen tvordcn sind, welche eine angemessene Zurückweisung verdienen, so glaube ich, dag hier in diesem Saale der Raum sein muß, um doch mir weuigcn Worten eine solche Zurückweisung erfolgen 3« lassen. Präsident: Soweit cs sich um die Zurnckrvcisnng von Acnncrnngen des Abg. Böcke! handelt, werde ich den Redner in seiner Redefreiheit nicht beschränken; ich bitte ihn aber, seine Ausführungen nicht weiter auszndchncn, als zu dieser Zurückweisung nörhig ist. Abg. Brömel (fortsahrend): Darin stimme ich dem Herrn Präsidenten vollständig bei. (Heiterkeit.) Ich begnüge mich zum Schluß mit der Bemerkung, das; der Abg. Bocke! künftig, wenn er über dieseFrage hier sein Unheil spricht, doch auch zunächst das gcsammte vorliegende Material vollständig prüfen möge, und das; er dann bei Abgabe seines Unheils dieselbe wohlwollende und humane Gesinnung üben möge, die er, wie es scheint, den Schlachtthiercn gegenüber hegt. Abg. Miguel: Um Mißverständnissen vorzubeugen, erkläre ich, das; ich für den Prinzipalantrag des Abg. Windthorst stimmen werde, indem ich die Beunruhigungen, welche sich eines großen Theilcs unserer jüdischen Mitbürger bemächtigt habe», beseitigen will. So weit cs sich um Mißbräuche auf dem Gebiete des Schlachtens handelt, ninerstüke ich allerdings die Bestrebungen der Thicrschupvereinc. Wer Gelegenheit hat. namentlich in Dörfern, aber auch aus städtischen Schlachthöfen Beobachtungen zu machen, weiß, daß die Quälerei der Duierc dorr eine herkömmliche Sache ist, und welch demoralisircndeu Ginstuß ein solches Schauspiel hat, ist klar. Diese Frage darf dura) die Frage des rituellen Schächtens nicht in den Hintergrund gedrängt werden. Andere Rationen sind auf dem Gebiete uns zuvorgckommcn und haben gute Gr folge erzielt. Auf Grund dieser Erfahrung und jmciner eigenen Kcuutuiß der Dinge wünschte ich eine allgemeine rcichsgesepliche Regelung. Ich halte eine solche für möglich. Durch polizeiliche Verordnung ist ja freilich schon Manches erreicht. So darf in Frankfurt nur ein von der Sradr angestclltcr Schläger den Schlag zur Betäubung des Schlachtviehes führen. nichr etwa Lehrlinge der Metzger, um sich im Lchlachten zu üben. Geh.-Rath Wermuth: Ich ergreife nur das Wort, damit nicht der Schein entstehe, als ob in Deutschland in dieser Frage noch gar nichts geschehen sei. Tie weltüberwiegende Zahl der QrtSpolizeibchörden har sich damit befaßt, und soweit es in ihrer Kompetenz stand, auch Verordnungen erlassen, und die Polizeibehörden vieler Lrte sind kn einer Weise vorgegangcn, die ungefähr den Wünschen der Thierschukvereine entsprechen würde. Die Lücke, die gegenwärtig noch vorhanden ist, bezieh! sich vornehmlich aus die Bcrhälnisse des platten Landes. Tic Frage, ob die rcichsgesctzliche Durchführung polizeilicher Vorschriften in vollem Maße möglich sein wird, muß nach dem Resultat der vorhergehenden Verhaildlungen immer noch als offen betrachtet werdn. Abg. Böckel: Für mich ist das Urtheil des Herrn Virchow kein objektives; er ist ein Iudenfreund; er hat sich am Grabe von Ludwig Löwe ausdrücklich als Iudcnfreuud bekannt. Was die Behauptung des Abg. Brömel anlangt, ich hätte die Bevölkerung in Hessen — (Glocke des Präsidenten) — gegen einander verhetzt. — Präsident: Ich bitte, zu schweigen, wenn ich klingele. Ich bitte die Debatte nicht aus Tinge anszudchnen, die nicht zum Gegenstand der Berathung gehören. Abg. Böcke! (fortfahrend): Ich hoffe, daß bei den nächsten Wahlen wir Antisemiten (Glocke des Präsidenten) — ich hoffe — Präsident: Ich muß wiederholt bitten, daß Sie schweigen, wenn ich die Glocke rühre. Ich habe Sic vorhin schon einmal ersucht, nicht ans Dinge zu konnnen, die vom Gegenstand der Tagesordnung abliegen. Ich rufe Sie jetzt förmlich zur Sache und mache Sie auf die gcschästmäßigeu Folgen aufmerksam, wenn Sie nicht Folge leisten. Abg. Böckel: Tann kann rch nur mit dem Wunsche schließen, daß die Regierung die Frage des Schächtens unparteiisch prüfen lassen möge, damit dieselbe endlich gelost werde. Tie Diskussion wird daraus geschlossen. Bei der Abstimmung selbst wird der Antrag der Kommission nlir dem Zusatz des Abg. Windthorst über die Petitionen, soweit sic sich ans da» Schächten beziehen, mix großer Mehrheit gegen die Stimmen einiger Kousrrvanvcn und .des Abg. Böcke! angenommen.?er.