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Der Israelit · 1887-05-23 · Heft 40 (23.5.1887) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
28 (1887)
Issue
Heft 40 (23.5.1887)
Date
1887-05-23
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXVDL Jahrgang. Berlage zu Nr. 40 -es Israelit. Leitende Artikel. Aas rituelle Schächten vor dem deutschen Reichstage. (LchlUi-.) Abg. Kult man» ist der Meinung, daß der Antrag auf Ucbcrgang zur Tagesordnung angcsicht» der in den Petitionen der Thicrschntzvcrcine vorgcbrachten Tharsachen zu tvcir gehe und empfiehlt den Eommnsionsantrag. Abg. Boeckel: Zunächst muß ich gegen den Standpunkt der Mehrzahl der Vorredner protestiren. Für mich sind die Juden in erster Linie nicht eine l Konfession, sondern eine Raffe. (Unruhe.) Ta» Schächten ist für mich eine alte Gewohnheit dieser orientalischen Rasse und ich denke, wenn sich uns die Inden immer als Deutsche aufspielen, deutsche Mitbürger sein wollen, dann müßten sie sich den Anschauungen, die unter uns Tcutschcn gang und gäbe sind, d. h. den Anschauungen, wie sic die Pctitionen der Thierschutzvcreinc wiedergcbcn, auch fügen. Es ist höchste Zeit, daß in dieser streitigen Frage einmal seitens der Regierung Untersuchungen angcstclll werden, die uns Klarheit darüber geben, ob das Schächten der Humanität entspricht oder nicht. Das. was die Israeliten über diese Frage zusaunncngcstcllt haben, muß ich als parteiisch anzweiscln. Eine unparteiische, objektive Prüfung zu fordern halte ich für meine Pstichl in diesem hohen Reichstag. Abg. W indthorst: Ich bir ein großer Freund der Thicrschntzvercine; aber das kann mich nicht hindern, wenn sie das Maß überschreiten — und das haben sic hier gethan — ihnen cntgezcnzntrclcn. Wenn es sich unr religiöse Anschauungen handelt, die durch Jahrhunderte überkommen sind und von unseren Mitbürgern heilig gehalten werden, so gebe ich der Regierung nicht das Recht einzugreife». Ich bin nicht der Meinung, daß die religiösen Anschauungen zu modeln seien nach angeblich modernen Ideen. Der Abg. Voeckcl möge das ganze Material, das uns vorliegt, prüfen; dasselbe gibt klar und bestimmt die Entscheidung au die Hand. Mein Vrinzipalantrag entspricht durchaus der Sachlage; sollte er nicht angenomnicn werden, so bin ich bereit, in dem Evcmualanrrag das Wort „thunlichst" zu streichen. Abg. Brömmel: Auch ich bin durchaus ein Freund der Bestrebungen, denen die Thierschutzvereinc huldigen, und bin bereit, ihnen in der Gesetzgebung zum Ausdruck zu verhelfen. Das kann mich aber nicht hindern in einzelnen Punkten, in welchen von anderer Seite ausgiebiges Matena! bcigcbracht ist, ihnen cntgegenznrreten. Die uns beschäftigende Petition ist in den Punkten, in welchen sie genauer Prüfung unterzogen werden konnte, als völlig unbegründet erkannt und bedarf näherer Prüfung nur noch in den Punkten, in welchen sic Mangels ausreichenden Materials in der Kommission nicht eingehend geprüft werden konnte. Das ist I der Standpunkt, welchen Abg. Windthorst in feinem Prmzivalantrag zum Ausdruck gebracht hat und den ich dcßbalb zur Annahme empfehle. Gegenüber dem Abg. Böcke! möchte ich auf die Auszüge aus den wissenschaftlichen Gutachten und speziell auf die Worste Hinweisen, mit welchen Professor Birchow sich über diese Frage äußert: Wenn alle Bcstimmungcn des Rituals vollständig erfüllt werden, was bei der Natur der Handlung sicher zu erwarten ist, so wird der Zweck des Schächrcns in ungleich sicherer Weife erreicht als durch irgend eine andere Art der Tödtung. Meiner Meinung nach kann daher mit irgend einem Scheine von Recht nicht behauptet werden, daß das Schächten im Gegensätze zu anderen Arten des Schlachten» eine Thierqnälerci darucllt; c» liegt kein Gutachten irgend einer Autorität auf diesem Gebiet vor, welches diesem Ausspruch entgegenstäude. Es kann deßhalb auch nicht anerkannt werden, daß diese Frage eine streitige ist. Sic ist nur streitig für Denjenigen, der auf die angcstkllten llntcrsuchnngcn überhaupt kein Gewicht legen will und sich mir den allgemeinen unbewiesenen Behauptungen der Thicrschntzvcreinc zufrieden gibt. Ter Abg. Böcke! hat von unseren jüdischen Mitbürgern als einer fremden Rasse gesprochen; nur können in Bezug auf diese Frage getrost die Zukunft abwartcn. Die Juden, die ganz andere Stürme übcmanden haben, werden vor den Angriffen des Abg. Böcke! sich nicht fürchten. In jenen Kreisen, in welchen der Abg. Böckel durch seine Agitationen seine Wahl durchgcsetzl hat, haben sich allerdings Verhältnisse herausgebildct, welche auf da» Tiefste beklagenswerth sind. E» ist in diesen Thcilcn HestenS eine Verhetzung derBcvölkcrungsklasse eingetreten.

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