Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 28 (1887)
- Issue
- Heft 40 (23.5.1887)
- Date
- 1887-05-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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705 Die Sprüche der Jäter. Drittes Buch. XI. Main:. 10. Mai. Wir haben nun noch den Anspruch des Rabbi fihanina den EhaLinai nachher Lesartzu erklären, welche die meinen Interpreten unsrer Maßechta für die richtigere halten. „Wer bei Nacht wacht oder wer allein reift, und er wendet sein Herz eitlen Dingen zu, der ist schuld an dem Untergang seiner Seele." Der allgüligc Gott hat uns Sein köstlichstes Kleinod, die heilige Thora, verliehen. Sie lehrt uns nicht allein die Wege, die wir wandeln sollen, damit wir in diesem wie im künftigen Leben die höchste Vollkommenheit erreichen — die Beschönigung mit ihr schützt uns vor jeglicher Gefahr. E0 erzählen uns die Weisen, daß Rabbi Josua den Lcvi, die mit den ansteckendsten Krankheiten Behafteten besuchte und für sie sorgte, ohne dast er die Gefahr der Ansteckung zu fürchten brauchte, da die Thora, mit welcher er sich immerwährend beschäftigte, ihn schützte. — bin deutsches Sprückworr sagt: „Die Nacht ist keines Menschen Freund." Viele Gefahren, die während der Tagcshcllc nicht vorhanden sind, bedrohen den Menschen bei Nacht. Ebenso ist eine Reise, die man allein zurückznlcgen har, wie wir bereits oben erwähnt haben, voller Gefahren. Beschäftigt sich nun unser Geist bei so gefahrvollen Gelegenheiten mit der Thora, so schützt uns diese. Wendet sich aber des Menschen Herz eitlen Dingen zu, so ist er schutzlos allen und jeden Gefahren preisgegcben. — So wollen Raschi, Bartinora und Andere unsre Mischnah erklären. Eine ganze andere Deutung gibt ihr.Rabbi Joseph Jabcz; er sagt: So Jemand etwas zu seiner Hauptbeschäftigung macht, so wenden sich seine Gedanken in freien Augenblicken unwillkürlich diesem Gegenstände zu. Ta nun die heilige Thora die Grundlage unsres Seins und Denkens sein soll, da unablässig in ihr zu forschen uns heilige Pflicht ist, so müncn sich ihr unsre Gedanken zuwcndcn, wenn wir bei Nacht wachen oder wenn wir uns allein auf einsamem Wege befinden. So aber Jemand meint, er dürfe, da ihm ohnedies die nothwendige Nachtruhe fehlt, sich nicht noch mehr schwächen dadurch, daß er einem anstrengenden Studium sich bmgibt, ebenso dürfe er nicht zu der Mühsal des Weges, die seinen Körper schwächt, iroch eine Anstrengung des Geistes hinzufügcn, so ist er in einem großen Jrrthum besangen; im Cegenlhclle, in Bezug darauf ist gesagt (Misckrlc 11): Mancher verschwendet (seine Kraft) und nimmt (an Kraft) noch zu; denn war er zu solchen Zeiten zu sorgfältig ans die Erhaltung seiner Gesundheit bedacht, dann weicht von chm der innige Zusammenhang zwischen ihm und seinem Schöpfer und ihm entgeht die besondere Fürsorge Gottes. Er hat cs also selbst zu verschulden, wenn Unheil ihn trifft; denn die Thora ist der Baum des Lebens, und wer stets fest an ihr bält, wird inimer hoch beglückt sein. So schreibt auch Rabbenu Jonah Hachaßid in Bezug ans den Vers (Misckle 10): Gottesfurcht wird Tage binzufügcn: „Tic Sorgen schwächen die Kraft und führen frühzeitig den Tod herbei; aber die Sorge, Gott zu dienen, und die Furcht. Seine heiligen Gebote zu übertreten, werden die Tage der Menschen nicht verkürzen, sie werden sie vielmehr verlängern. Im Gegensätze dazu heißt es daselbst: Und der Frevler Jahre werden verkürzt werden. Die Frevler, welche nur für das Wohlbefinden ihres Körpers sorgen, verlängern dadurch ihr Leben nicht. Es gibt viel tausend Zufälle, welche die ihnen bestimmte Lebensdauer verkürzen, da die besondere Fürsorge Gottes sie nicht schützt. Rach Rabbi Herz Wesel (Hartwig Wcffely) spricht Rabbi Ehanina den Ekmchinai hier von einem solchen Manne, der vielbeschäftigt ist und zum Thoralerntu wenig Zeit findet. Selbst wenn dieser im Lause des Tages unbeschäftigt sein sollte und dennoch seine Muße nicht dem Thorastudium widmet, so ist sein Verschulden nicht so groß, weil auch zu diesen Zeiten er inmitten seiner Geschäfte steht und mannigfache Sorgen sein Herz erfüllen, so daß er nicht die nöthige Sammlung findet und selbst, wenn er ein Buch der Lehre zur Hand nehmen möchte, nicht mit Verständnis lernen könnte. Wenn aber ein Solcher selbst die Zeiten dem Thorastudium entzieht, in welchen er frei ist von allen Sorgen und Geschäften, er hat z. B. in langer Wintcrnacht schon ausgeschlasen und könnte ausstehen und sich ungestört dem Thorastudium widmen, oder er begibt sich allein auf die Reise und ist, bis er sein Reiseziel erreicht hat, frei von allen Sorgen und Geschäften, so ist er, wenn er bei solchen Gelegenheiten sein Herz eitlen Dingen und nicht der Thora zuwcndct, selbst schuld an dein Untergang seiner Seele. Hiernach sind die in der Mischnah angeführten zwei Fälle nur als Beispiele anzuschcu; ebenso verhält cs sich bei allen Gelegenheiten, da das Menschcnherz frei ist von allen Sorgen und Geschäften, so daß cs sich ungestört und ungehindert der Thora znwenden könnte. Wenn nun der Mensch solche Zeiten nicht der Thora widmet, son-