Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 28 (1887)
- Issue
- Heft 40 (23.5.1887)
- Date
- 1887-05-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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702 Verhandlung beiwohnte. Entweder muß also dieser Beschluß in einer späteren zweiten Berathnng aufgehoben worden sein, oder die Kommission hat sich nur E materiell auf den Boden der jüdischen Gegcnpetitionen gestellt, in Wirklichkeit aber die Ucberwcisung der ganzen Bittschrift beschlossen, um der Regierung Gelegenheit zu geben, ans Grund der Gutachten den Passus gegen das Schächten abznlehnen. Klarheit über diesen Punkt wird wohl er» der noch nicht gedruckte stenographische Bericht bringen; genug, in der gestrigen 'Sitzung stellte die Kommission den Antrag „die Petitionen der Thier-- schutzvcreine dem Reichskanzler zu überweisen, cb und auf welche Weise, insbesondere durch Abänderung des NcichsstrafgesetzbucheS den in den Petitionen geltend gemachten Mißständen entgegen zu treten ist." Nachträglich mögen wir uns über diese eigenartige Fassung des Kommissionsantragcs freuen, denn derselbe ries eine Debatte hervor, die einst einen Glanzpunkt in der neueren Geschichte der deutschen Juden bilden wird. Zunächst beantragte der GentrumssührerW i n dth orst in den Kommissionsantrag die Worte »unter thuulichster Schonung religiöser Gebräuche» einznsngen, und unmittelbar darauf erweiterte er diesen Gventnalantras >u dem Principalantrage, über den gegen das Schächten gerichteten Passus einfach zur Tagesordnung überzugehen. Wir mitten nicht, ob ein jüdischer Abgeordneter reformistischer Richtnug so entschieden für das jüdische Rcligionsgcsctz und die bedrohte Gewissensfreiheit der orthodoxen Israeliten cingctrctcn wäre, wie das illnstre Haupt der katholischen bcntrumspartei. Mit stammender Beredsamkeit wies Windhorst ans die Pflicht des Staates hin, die religiösen Satzungen seiner llnterthanen zu schonen, die Geschichte baue cs gesehen, wohin die Verletzung dieser ersten Pflicht führe. Beim Schächten sei jede Thierquälcrci ausgeschlossen, wie die Gutachten und zumal das des Pros. Virckow beweisen, daher sollten die Thicrschntzvcrcine Maß halten in ihren Bestrebungen. „Wenn cs sich um religiöse Anschauungen handelt, die durch die Jahrhunderte überkommen sind, dann," so rief Windthorst in tiefer Erregung aus, „dann gebe ich der Negierung nicht das Recht, in dieselben einzugreiscn, und ich habe nicht die Meinung, daß mau die religiösen Anschaunng.cn ummodeln soll nach angeblich modernen Id een" — goldene Wonc. die nicht nur die Thierschutzvereine, sondern auch die Resormparteien innerhalb des jüdischen Lagers sich mit eherner Schrift ans ihre Fahne schreiben mögen! Dem Abgeordneten Windthorst secundirte der Führer der nationalliberalen Partei, der Frankfurter Oberbürgermeister Tr. Miguel, welcher allerdings zuerst einzelne Unklarheiten schuf, die er aber in einer zweiten Rede gründlich aus dem Wege räumre. Halte Windthorst mehr für die religiöse Gewissensfreiheit der Juden plaidirt. so leuchtete der Vertreter der Teulschfreiimnigen, Abgeordneter B r ö m e l, unter Hinweis auf die imposanten Gurachten, ganz gehörig den Thierschutzvereinen, und besonders dem Ravenantisemiten Böcke! heim, der wiederum die Kosten des humoristischen Theiles der Sitzung trug, indem er unter allgemeiner Heiterkeit gegen die „alte Gewohnheit dieser orientalischen Race" loszog. Abg. Brömel verstand offenbar den amüsanten Spaß des Rancrrantiscmitcn Böcke! nicht, denn in zorniger Erregtheit forderte er ihn ans. seine scheinbaren Sympathien für das Schlachtvieh auf seine deutschen Mitbürger jüdischen Bekenntnisses zu übertragen, anstatt die hessischen Bevölkerungsklasfen zu verhetzen. Ein lebhaftes Bravo ertönte auf der Linken, während auf den Bänken der schweigsamen konservativen eine lautlose Stille herrschte, als der liberale Redner die Worte sprach: „Ich glaube, das Judenthum hat bereits so schwere und so starke Stürme durchgemacht, daß es vor dem Abgeordneten Böcke! keine Furcht zu haben braucht." Als nun der genannte Rassenantisemit gar das Gutachten Dirchows als parteiisch bezeichnte und dem gescicrtcn Gelehrten die des Herrn Böcke! allein würdige Jnstnuation nnrerschob, daß er die Wahrheit seiner wissenschaftlichen Ueberzcugungseinem angeblichen Philoscmitismus geopfert hätte, nmcrbrach ihn der Präsident, doch „ein echter Teutscher solcht sich nit," Herr Böcke! ließ sich durch das Läuten der Glocke nicht beirren und sprach unter dem steigenden Lärm des Hauses mit der einem Urgcmanen geziemenden Höflichkeit gegen den Vorsitzenden ruhig weiter. Ter Präsident schwang von Neuem die Glocke, bis sie zersprang und rief jetzt den Redner zur Sache mir dem ernstlichen Ersuchen, zu schwelgen, wenn er. der Präsident, Ruhe fordere. So batte Herr Böckel das Terrain zu einer für das rituelle Schächten günstigen Abstimmung bearbeitet, und diesetde ergab auch die fast einstimmige Annahme des Principalanrragcs Windthorst. So schloß die fast zweistündige Debatte mit einem glänzenden Triumph unserer Glaubenssache, der nicht nur die Sckächrseinvc bei uns zu Laude verstummen machen, sondern voraussichtlich auch jene Agitation in der Schwei; für immer beenden wird. Es wird uns freuen, wen« auch die Regie-