Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 28 (1887)
- Issue
- Heft 38 (16.5.1887)
- Date
- 1887-05-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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675 wird noch viel weniger von dem Glauben seiner Väter abfallen!.Aber wie war daS möglich? Wie konnte sich das so rasch vollziehen? Wie konntest Tu armer, verlassener Jude ohne freunde und ohne jede Protektion so hoch emporstcigen? Erzähle mir'«, ich will so rasch als möglich Alles erfahren, was Tu während der Zeit unserer Trennung erlebt hast; nicht eine Sekunde Leines Lebens soll mir noch ferner verhüllt bleiben." Eiu heiterer Zug überflog des Generals Antlitz, ein fröhliches Lachen entquoll seiner breiten Brust, so daß Sara und Goudchaud überrascht autblicktcn. Tiefer hatte den General noch u:c so lachen hören, und Sara fühlte sich iu ihre Jugendzeit zurückversetzt, als Michael im Hause ihres Vaters lebte, und tt'vtz seines gewöhnlichen Ernstes sie doch zuweilen nach Art junger Leute durch seine scherzhafte Einfälle erheitert hatte. „O, Tu liebe Schwätzerin," sprach er, „Tu fragst viel auf einmal, und cs wird mir nicht leicht. Alles so rasch zu beantworten als Tu cs wünschest. — Tie eine Eardinalsrage — sie hat mir weh gethan — Haft Tu zum Glücke selbst rasch und richtig beantwortet. Ich bin ein gläubiger, gottvcnraucnder Jude. Gort sich har ja wunderbar an nur verherrlicht, har mich aus tausend Fährlichkeucn gerettet. Ich habe zahllose Schlachten mitgemachr, nand im heißesten .Kugelregen, halte die blutigsten Arakkcn ausgcsührt, befand mich in dem wildesten Handgemenge, — vor mir, neben mir, hinter mir, wurden tausende braver Soldaten von Granaten zerschmettert, von ßugcln durchbohrt, von Säbelhieben, Lanzen- und Bajonettstichen gelobtet, zu Krüppeln genracht, verwundet; — und ich bin durch Gottes Huld aus alle» Kämpfen unversehrt hervorgegangcn! .... ich war' der Undankbarste auf Erden, wenn ich meinem Glauben untreu geworden wäre." Ter General war während dieser Worte wieder sehr ernst geworden und fuhr fort. „Ich habe allerdings in meinem Berufe auch beim besten Willen, nicht immer meine religiösen Pflichten zu erfüllen vermocht, aber das Eine darf ich von mir behaupten: Mit freiem Willen habe ich nie ein relrgiöscs Gebot freventlich verletzt, und wenn cs in meiner Macht gelegen, jedes, dessen Erfüllung mir möglich, ausgcübt . ... Tu frugst, wieso ich ohne freund und Protektion in so kurzer Zeit so hoch gestiegen, wie ich als Jude zu dem Range eines Generals cmvorzusteigcn vermochte? Tas ist in der französischen Armee nichts Seltenes. Ich Hab' eschon gesagt, .Kaiser Napoleon kennt keinen Vorzug der Geburt, und Protektion kommt in unserem Heere nicht vor. Ich habe das Glück gehabt, mich in allen Schlachten Frankreichs, die feit 1799 geschlagen wurden, unter Napoleons Augen auszuzeichncn. Als der Kaiser vor dem Beginne des jetzigen Feldzuges die große Armee organifitte und sie in sieben Korps cinthcilte, hatte er Nausouty, der mein Porgcsetztcr gewesen und mein Freund geworden, zum Oberbefehlshaber der schweren Kavallerie und mich unter ihm zum Brigadegeneral .ernannt. Es gibt in der französische» Armee einen Inden, der noch höher alS ich, Graf Pierre Augustin Hullin, Divisionsgcncral, Kommandant der Konsulargardcn, Gouverneur von Wien und Brünn, ist eines jüdischen Trödlers Sohn und hat noch vor wenigen Tagen in Brünn zehn jüdische Männer versammelt, um am Todestage seines Vaters mit Miujan sein Gebet verrichten zu können, unb hat selbst vorgebetctHerr Goudchaud war dabei anwesend. — Sara, ich habe in den sieben Jahren unserer Trennung unendlich viel Merkwürdiges erlebt, und e3 bedürfte einer langen Reihe von Tagen wollte ich Dir Alles so genau erzählen, als Tu es wünschest und ich cs möchte; aber Sara, ich will Dir» gestehen. ich fühle urich jetzt geistig und körperlich erschöpft, wie noch nie in meinem an seltsamen Ereignissen. und beispiellosen Aufregungen überreichem Leben; und das will viel sagen. Ich habe gestern eine der blutigsten Schlachten, die ich bis jetzt erlebt, mitschlagcn helfen, ich konnte dann nur wenige Stunden ruhen, habe kaum anderthalb Stunden geschlafen, ich habe heute mit meiner Brigade einen forcieren Marsch gemacht, und noch mehr als Alles das. hat die glückliche Begegnung mit Dir, Sara, meine Seele erschüttert; — und auch Tu. mein theures Herz, bist der Ruhe in hohem Grade bedürftig .... d'rum muß ich Dich bitten, mir eS heute zu erlassen, das Bild meines Lebens während der letzten sieben Jahre vollständig vor Tir zu entrollen. Ich hossc, wir werden so's Gott beliebt, ein langes Leben vereint bleiben, dann will ich Dir die langen Winterabende am häuslichen Heerde mit der Schilderung meiner Erlebnisse kürzen. Aber rrotz unserer Ermüdung, mochte ich doch sofort noch Eines besprechen: was wir in der nächsten Zukunft zu unternehmen haben. Wir sind nun schon lange genug verlobt," wieder überflog ein Lächeln seine edlen Züge, „gewissermaßen bist Tu mir schon seit Tcincr Geburt zur Lebensgefährtin bestimmt, und meine Liebe zu Tir ist genau so alt, wie Tu selbst . . . . Der Krieg ist zu Ende. Ich habe dies heute vor unserem Abmärsche aus des Kaisers eigenem Munde gehört. Er sprach mit Graf Nau- I) rhalsache.