Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1887-05-16 · Heft 38 (16.5.1887) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
28 (1887)
Issue
Heft 38 (16.5.1887)
Date
1887-05-16
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2449697-2449735--26440-2516262
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

4? i -I 671 Wenn nun drei Leute, die mit dem Tischgebete aufeinander warten müssen, so (Großes erreichen, sobald sse die Pause nach dem Essen mit Worten der GortcSlchre ansfüllcn, so ist cs selbstverständlich, daß zwei Leute, die, wiewohl sie an einem Tische gegessen haben, nicht aufeinander jh warten brauchen, wenn sie miteinander Thora reden, gleichfalls vom Tische Lottes weisen, und ebenso einer, und es bedarf dazu nicht erst des Beweises. Tie gemeinschaftlichen Mahlzeiten sind, namentlich in der Familie, wenn sic recht gchandhabt werden, von der größten erziehlichen Wirksamkeit. Da werden die Kinder angchalten, sowohl vor wie nach dem Genüsse der Speisen dem gütigen Geber zu danken. Ta hat der Vater, der sonst wenig mit den Leinen zusammen sein kann, Gelegenheit. Worte der GottcSlchre zu verkünden oder von den Kindern sich wiederholen zu lassen, was sic Gutes und Schönes von ihrem Lehrer gelernt haben. Tann wird der Tisch, an welchem wir speisen, zu einer geheiligten Stätte und wird gleichsam zu einem Altäre Gottes. (.Zonskkung folgt.) Zeitungsnachrichten und Korrespondenzen. Deutschland. Snlzbnrg, im Avril. Als vor einiger Zeit die Traucrnachricht durch die jüdischen Blätter ging, daß Rcb Mendel, der mehr als ein halbes Jahrhundert in seinen Bezirksgemcinden mit Hingebung und Thatkraft und mit segensreichem Erfolge gewirkt und als ein mnthiger und unerschrockener Vorkämpfer des wahren Iudcnthnms unermüdlich rhälig gewesen, aus diesem Leben abberuscn worden sei, las ich in Ihrem geschätzten Blatte den Aufsatz eines Mitglieds der Gemeinde Sulzburg, in welchem er in einfachen, aber, wie man viel nrerttc, aus dem Herzen kommenden Worten der Hoffnung Ausdruck gab, daß die allgemeine tiefe Trauer um den Verstorbenen, über den man wre über einen Vater klagte, sich darin zeigen werde, daß man ihm einen seiner würdigen Nachfolger geben, und daß der Bezirk von Snlzburg-Müllhcim sich nicht an das Freiburger Rabbiuat anschließen lassen, sondern einen eigenen Rabbiner, nach seinem Herzen und nach «gcncr Wahl berufen werde. Tiefer Beucht iuteremrtc mich seiner Zeit um so mehr als ich die Verhältnisse des Bezirkes genau kenne und wich naturgemäß über den frischen Hauch religiösen Lebens, der aus jenem Artikel hcrvorwehte, freuen mußte. Letzthin hatte ich nun Gelegenheit die Zustände in Müllhcim-Sulzburg selbst in Augenschein zu nehmen, und so gebe ich mich denn im Interesse des Rechtes und der Wahrheit, gern zum Sprachrohr der Gemeinde her, in welcher sich viele gute Gesinnung, aber leider bis vor Kurzem nicht genug Initiative und Thatkraft zeigte. Mau kann wohl sagen, daß die Ansichten, welche in jenem ersten Artikel ausgesvrochen wurden, nahezu von allen Israeliten des Bezirkes gcthcilt werden; abgesehen freilich von einem durch seine — Sonderbarkeit längst bekannten Vorsteher eines kleinen Städtchens und dem strebsamen Lehrer desselben, die durch die Ungeschicklichkeit einer Entgegnung ihrer Sache viel mehr geschadet als genützt haben, so daß wir ihnen für ihre Mühe in unserem Intcrestc aufrichtig dankbar zu sein Grund haben. Tie Frommen in den Gemeinden von Sulzbürg, Müllhcim und Lörrach — und ihre Anzahl ist nicht gering, wünschen natürlich die Anstellung eines eigenen Rabbiners und zwar eines Mannes, der ein würdiger Nachfolger des Rcb Mendel b'r: ist, der ganz in seine Fußtapfen tritt und nicht zerstört, was jener mit Mühe erbaut und erhalten, nicdcrrcißt, was jener errichtet. Aber selbst die wenigen Frommen sehen mit Schrecken der Zukunft entgegen. WaS soll aus unfern Kindern werden, wenn ihnen nicht eine gediegene, von einem gewissenhaften, pssrchtgctrcuen Rabbiner überwachte und gclcitctc religiöse Erziehung zu Thcil wird. Wenn man bedenkt, wie tief die jetzige Generation in religiöser Beziehung von dem religiösen Standpunkt hcrabgcsunkcn ist, den noch unsere in Gott ruhenden Eltern einnahmen, so muß jeder, der noch ei» Herz hat für seine Religion, bei dem Gedanken erschrecken, was soll aus unserm Glauben werden, wenn unsere Kinder nicht eine feste religiöse BassS gewinnen, die auch durch die Stürme des Lebens nicht erschüttert werden kann. Einen Rabbiner, der selbst nicht streng fromm ist, wollen selbst die Unfrommcn nicht. »Ein unfrommcr Rabbiner", so hörte ich sie sagen, »har gar keine Existenzberechtigung." Wenn im kalten Winter Wärme verbreitet werden soll, so kann dies nur durch ein loderndes, starkes Feuer geschehen, -nicht durch ein mattes Flämmchcn, welches im Windzüge hin- und hcrstackcrt. Wir brauchen hier einen Wegweiser, der uns selbst durch seinen Lebenswandel den rechten Weg zeigt, nicht ein Irrlicht, welches hin- und hcrschwankt, und den Wanderer in den verderblichen Sumpf lockr. lind herrscht diese Ansicht im Allgemeinen, so ist im ganzen Bezirke die Ueberzeugung eine ein-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.