Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 28 (1887)
- Issue
- Heft 36 (9.5.1887)
- Date
- 1887-05-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2446951-2449697-2449733--26397-2516216- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
630 tische Waise. die mit einem GeschäftSmanne hier vcrheirarhet ist. hatte, wie sie erzählt, in einer der vergangenen Rächte ein wunderbares Traumgcbildc. Sie sah einen ehrwürdigen Leviten auf sie zukommen, der ihr anlündigtc, daß das Arind, dem sie bald das Leben geben soll, der Welt eine ganz andere Gestalt geben werde. Man unterrichtete nun die hiesigen Rabbiner von der Irrzählung dieser Frau, welche dieselbe auch sogleich vor sich kommen ließen. Man richtete nun verschiedene Fragen an sie, deren Beantwortung jedoch die Rabbiner nicht zu befriedigen vermochte. Als kluge Männer und um den Anschauungen der unteren jüdischen Bolksklasten nicht nahe zu treten, beschloßen sie, dieser Frau einen eigenen llnterkunftsort anzuwcisen, in dem sic nun so lange bleiben soll , bis sie entbunden haben wird." Hier in Salonichi ist jedoch von dieser Geschichte nicht das Geringste bekannt, und man staunt daher über die Phantasie dieses Eorrespondenten, der solche schöne jüdische Schauergeschichten zu erfinden vermag. Mittel-Asien. Khiwa. (Schluß.) Unter den hiesigen Ebebrorh nimmt die der «Sckiaarc Zion", die cs sich zur Aufgabe gestellt hat, die •am und die Bachurim zu unterstützen, den ersten Rang ein, da dieselbe schon ein sehr hohes Alter har. und dann gehören ihr fast sämmtliche Gcmeindcmitgliedcr an. Ticselbe erhält das hiesige Belh-Hamidrasch. sorgt auch für die Herbcischaffung der nölbigen Bücher, für die Beleuchtung und zugleich auch für den Unterhalt der Bachurim unserer Icschibab. Letztere zerfallen ui zwei Allanen, in eine, die sich gänzlich aus eigene Ai osten verpflegt und zu der vorzüglich die verhciraihcten Bachurim gehören — in Mittelasien ist es nämlich nichts Ungewöhnliches, daß ein reicher Mann fein zehn- oder zwölfjähriges Töckterchen mir einem vierzehn- oder fcchszchnjührigcn Bachur vcrhcirathct und dann das Pärchen auf feine Ak osten auf eine Iefchibah schickt, ebenso pstegt oft auch ein reicher Mann feinen jungen Sohn mit dcffen Gattin auf eine Iefchibah Zu senden — und in eine, die von den Gemcindemitgliedent ausgchalten _ wird. Jugend ein reicher Mann nimmt nämlich auf eine Anempfehlung unseres Mnlcy (Großrabbiners) hin, einen oder mehrere Bachurim zugleich in fein Haus und gibt ihnen nun Quartier und Sioft auf eine bestimmte Anzahl von Jahren, so daß sich dieselben dann sorgenfrei dem Studium von r~Tn 'ü.—ti widmen können. Tie Bachurim sind dann gewöhnlich zugleich auch die Hauslehrer, da ein Schulwesen' bei uns, wenigstens im europäischen Sinne, nicht bekannt ist, die Schächter und die Sekretäre oder die Buchhalter des Hanfe», das ihnen feine gastfreundlichen Pforten geöffnet hat.. Ta die Schinrstunden in Mittelasien immer nur Früh und AbcnSs, d. h. nach dem Morgen- und Abendgebete abgehaltcn werden, so bleibt fast der ganze Tag zur Verfügung des Bachurs, der denselben dann nach eignem Gutdünken verwenden kann. TcrMorgenfchiur wird in der Siegel immer vom Muley selbst, der Abendschiur dagegen vom Rosch Beth-Tin oder einem der Tajanim vorgetragen. Rebst Talmud undPoßkim wird auch der Sohar gelehrt, doch werden zum Bortrage des letzteren gewöhnlich nur verheirathcte Bachurim zulasten. Bei uns in Athiwa finden die Borträge immer im Tfagatci (Osttürkische) statt, welche» die Umgangssprache der Juden unferes Aihanat» ist und da» sie gewöhnlich mit hebräischen Lettern und nach der von ihnen sich zu recht gelegten Orthographie schreiben. Tie Aneignung von profanem Winen ist den Bachurim hier nicht nur nicht gestattet, sondern auch ganz unmöglich, denn die in Alhiwa vorhandenen wissenschaftlichen Werke (dieselben sind zumeist im Tfagatai, dann persisch und arabisch abgefaßt) sind zumeist blo» Manuscripte und daher auch ungemein rheuer. Aber auch die Truckwcrle, die zumeist aus Bokhara. Pcrficn, Rußland und Indien kommen, finden sich nur in wcmgcn Exemplaren vor und kostet daher deren Anschaffung gleichfalls ein kleines Bcrmögen. Selbst die Hofbibliothek unseres Emirs zählt blos 5 bk» 6,000 Werke, von denen mehr als 5000 Manuscripte sind, lleberhaupt liebt der Orientale gar nicht den Druck, da er ihn als eine Erfindung der Ungläubigen betrachtet und gibt er lieber das Hundertfache für einen geschriebenen Sloran, als daß er sich von diesem heiligen Werke ein gedrucktes Exemplar anschanen würde. Auch hat er vor dem Geschriebenen eine besondere Ehrfurcht und findet er daher auf der Straße ein beschriebenes Stückchen Papier, selbst wenn auf demselben ganz profane Tinge stehen, so wird er cs gewiß voller Achtung vom Boden aufhebcn und an seine Stirne drücken» um es dann irgendwo in voller Ehrfurcht zu begraben. TaS profane Werk, das nun hier unter den Juden verbreitet ist. ist da» bekannte ..Alf Lasst Walailah (Tausendundeine Rächt)" in türkischer Sprache, da» gewöhnlich in Ätonstantinoyel oder in Täbris 1 Persien) gedruckt ist und das die LieblingSlcktüre unserer Frauen und Mädchen bildet. Auch haben wir gute türkische Ucbersctzungen von den persischen Tichtcrn Firdusi und Hanz. Selbstverständlich dürfen alle diese Werke von den Bachurim nicht gelesen werden. Tiesclben müffcu daher ihre Studien ein-