Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 28 (1887)
- Issue
- Heft 36 (9.5.1887)
- Date
- 1887-05-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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631 zig und allein auf die Thora, den Talmud und dessen Ercgeten, und auf den Sohar beschränken. Auch besteht hier eine eigene n^r, (Verordnung), der zufolge jeder Bachur mit seinem einundzwanzigstcn Lebensjahre v-rhcirathet sein oder die Ieschibah gänzlich verlassen muh. Andrst trifft es sich hier äußerst selten, daß ein Bachur nicht schon mit achtzehn Jahre Gatte wäre. Tie Mitglieder der genannten Ehcbrah versammeln sich dreimal in der Woche, Samstag, Montag und Donnerstag. Nachts, in dem Beth-Hamidrasch, um dort dem Thorastudium bis nach Mitternacht obzuliegcn, woraus sie dann vereint austimmen. In diesen drei Nächten ist das Beth-Hamidrasch stets überfiillt, was auch kein Wunder ist, wenn man bedenkt, daß dasselbe das einzige Gcselligkcitslokal hier ist, da wir doch Theater, Bälle. Kaffec- und Wirthshäuser nicht einmal dem Namen nach kennen. TaS Beth-Hamidrasch ist daher unser einziger Zerstreuungsorr. — Bor Kurzem starb hier eine Frau, Namens Warad (Nose), in dem gewiß sehr hohen Alter vonjlü2 Jahren. Dieselbe hatte sich schon mit ihrem 12. Jahre mit einem Bachur vermählt, mit dem sie volle 44 Jahre in glücklichster Ehe lebte. Ihrer Ehe entstammten vier Söhne und drei Töchter, Nach dem Tode ihres Gatten blieb sie Wittwe. Sie hatte das höchste seltene Gluck llr-Ilrcnkel zu sehen und noch sechs Wochen vor ihrem Tode nahm sie an einer Seudah Thcil, die einer ihrer Urenkel veranstaltet hatte. Ihr Sarg wurde ausschließlich von ihren Söhnen, von denen indcß nur noch zwei am Lebe» sind, Enkeln und Urenkeln zur ewigen Ruhe getragen, nrw hn rvpba. Feuilleton. Michael. Bezahlung von S. Kohn, Verfasser von Gabriel. (Fortsetzung.) Michael hatte gettachtet, so rasch als möglich nach Daiern zu gelangen. Tort fühlte er sich etwas sicherer; aber in einem kleinen bairischen Städtchen, hatten sich die Folgen der entsetzlichen geistigen Aufregung, der übergroßen Körpercrmüdung, der au?- genandcnen Kälte, der ungenügenden Ernährung, doch geltend gemacht und er war das erste und einzige Mal in seinem Leben erkrankt. Er sand Pflege bei einer ältern, nicht unbeniittelten Wittwe, bei der er Wohnung genommen hatte. Als er vollständig genesen und für Pflege, Arzeneien und Doktor bezahlt hatte, war seine Baarschüft so zusammengeschmolzen, daß er gezwungen war, auf seiner weiteren Fahrt das einzige Erbthcil nach seinem verstorbenen Vater, seine schöne Stimme, zu verwerthell und in jüdischen Gemeinden als wandernder E Hasan zu fungircn, wofür er eine kleine Entlohnung, wohl auch an dem Sabbattische eines Noschhakohols die freie Kost erhielt. Er konnte nun nicht mehr die Hauptstraße verfolgen, nicht den nächsten Weg. die gerade Linie einhalren, er war gezwungen, jüdische Gemeinden, wenn diese auch von der Heerstraße abseits lagen, aufzusuchen, und da für solche fromme Gesangsproducrionen nur die Sabbate, au denen die Synagogenbesucher Zeit und Muße hatten, geeignet waren, verlangsamte sich Michaels Fußreise ln höchstem Grave und er hatte mehr al vier Monate bedurft, um nach Schwaben zu gelangen. Hier traten seiner Wanderung neue Hindernisse entgegen. Tie beiden Armeen, die österreichische und die französische, standen sich in diesem Lande feindlich gegenüber. Erzherzog Karl hatte Jourdan am 20. März 1799 bei Sstrach angegriffen, auf's Haupt geschlagen und bis Stokach zurückgcworfcn» ihn am 25. und 26. nochmals angegriffen und neuerdings mit großen Verlusten in die Flucht getrieben. Michael mußte endlich, da ihrn Jedermann dringend von der Abreise abrieth, in einem kleinen, würtlcmbcrgischen Städtchen verweilen, aber die kriegerischen Ereignisse in der nächsten Nähe, hatten den Mitgliedern der dortigen Judengcmcinde alle. Lust benommen, einen reisenden Ehasan anzuhöreu. — Tie äußerste Noch zwang ihn endlich, seine Fußrcisc fortzuseve», um etwa eine leichtlebigere Gemeinde aufzufinden, die sich durch die Zeitereignisse nicht die Sabbatfrcude eines schönen Gesanges rauben lassen wollte. „Auf meiner letzten Fußwanderung/ erzählte Michael, „war ich von einer fran.zösischen Patrouille als der Spionage verdächtig — ich kam aus einer von den Oesterrcichcrn besetzten Gegend — augehaltcn und dem nächsten Postenkommandanten vorgcführt worden. Wäre ich ein lebensfroher, am Dasein hängender Mensch gewesen, hätte ich meine Lage als eine sehr schlimme betrachten müssen. Man konnte mir zwar nicht positiv eine Schuld beweisen; aber ich besaß gar keine Lcgitimationspapicre, und es gab keinen Menschen, der mich kannte, der zu meinen Gunsten ausfagen mochte. Im Kriege macht man mit einem Unbekannten, den man für einen Spion hält, nicht viel Umstände, und am wenigsten waren meine Landsleute damds geneigt, sich mildern Anschauungen hinzugcben. Sie befanden sich