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Der Israelit · 1887-04-25 · Heft 32 (25.4.1887) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
28 (1887)
Issue
Heft 32 (25.4.1887)
Date
1887-04-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
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562 hiuwegsühren lassen: Bauet Häuser und bewohnet sie; psianzet Gärten und genießet ihre Frucht. Rehmer Frauen und zeuget Söhne und Töchter, und nehmet euren Löhnen Frauen und eure Töchter gebet Männern, baniit sie Söhne und Töchter gebären und damit ihr euch dort vermehret und nicht vermindert. Und fördert das Wohl des Staates, wohin Ich euch verwiesen habe, und betet für ihn zum Ewigen, denn in seinem Wohle wird auch euch wohl sein." (Firm. E. 29, V. 4—7.) Ter Prophet verlangt nicht nur von den in Babel ansässigen Israeliten, daß sie das Wohl ihres neuen Heimarklandes fördern, sondern daß sie auch für cs zu Gott beten sollen, und dem entsprechend lehrt Rabbi Ehanina: „Bete beständig für das Wohl der Regierung." Ten Schlußsatz im. Prophctcnworte aber drückt der Weise drastisch aus: „denn wäre nicht die Furcht vor der Regierung, so würde Einer den Andern lebendig verschlingen." Gerade der Fromme, Gute und Edle bedarf des Schutzes der Regierung mehr als jeder Andere. Er will nur, was gut und recht ist; er vermeidet cs peinlich, irgend Jemandem Unrecht zu thun oder die Rechte feines Nebenmcnfchcn zu verlümmern oder von denen Eigcnthum sich etwas anzueigncn. Rettungslos wäre er den Ränken, den Gewaltthärigkeiten, der Niedertracht seiner bösen Milnleuschen verfallen, wenn der Staat ihn nickt vor Gewalligung schützte. Daher sagt der Weise nicht ***Em „tele“, sondern?V-rno „bete beständig" für das Wohl der Regierung. Run gibt cs aber Regierungen, welche dem Ideale des Staates nur sehr wenig entsprechen, Regierungen, welche die Willkür an die Stelle des Gesetzes treten lallen, welche einzelne Klassen der Staatsbürger auf Kosten derander» bevorzugen, Regierungen, deren ausführende Organe der Eorruption und der Bestechung zugänglich sind. Soll der Jude auch solcher Regierung gegenüber ein getreuer Bürger, rin ergebener Unterthan sein? Gerade eine solche Regierung war es , unter welcher Rabbi Ehanina lebte. Er und seine Zeitgenossen seufzten unter der Gewaltherrschaft des römischen Reiches, dessen Imperatoren Tyrannen, denen Proconfnln, die in den erobcrlen Provinzen herrschten, mit allen Mitteln sich zu bereichern bestrebt waren: und dennoch lehrt der Weise: Bete beständig sür das Wohl der Regierung, denn eine schleckte, panciische, willkürliche Regierung ist noch tausendmal besser als die Anarchie, als der Zustand, in welchem die Gewalt nicht gehandhabt wird; denn da würde ein Krieg Aller gegen Alle ausdrcchen, La würden die Bösen und Schlechten, die Arbeitsscheuen und Genußsüchtigen die Oberhand bekommen, da würde gleichsam „Einer den Ändern lebendig verschlingen." Zum schlimmsten Raublhier wird der Mensch, wenn die in ihul schlummernde Bestie entfesselt wird. „Ta werden Weiber zu Hyänen und treibe» mir Entsetzen Spott." Ter Löwe und der Tiger tödten erst ihre Leute und verzehren sie dann; der zur Bestie gewordene Mensch möchte aber seinen Mitmenschen lebendig verschlingen. Löwe und Tiger fallen nicht ihresgleichen an, um sie zu morden und zu verzehren; aber die der Zucht entrathenen Menschen möchten Einer den Andern lebendig verschlingen. — Tie Geschichte berichtet uns zahlreiche Thatsacken, welche die Worte unseres Rabbi bestätigen: die Bauernkriege, die große französische Revolution, die Tage der Pariser Commune haben furchtbare, entsetzliche Erscheinungen hcrvorgebrachr, und die Anarchisten unsrer Tage möchten, wenn die Rcgicnmg sie nicht mit starker Hand niederhielre, alle jene Gräuel in noch bedeutend grauenhafterer Weise wiederholen. Ans den oben angeführten Worten des Propheten Jirmijahu und aus der Lehre des Rabbi Ehanina ist die religiöse Pflicht gefolgert worden, in der Synagoge beim össentlichen Gottesdienste sür das Wohl der zu Recht bestehenden Regierung zn beten, und das geschieht in der That in allen Synagogen der TiaSpora. TaS Gebet, welches mit den Worten njrrr beginnt, wird an allen Sabbaten und Feiertagen vom Rabbiner oderLorberer in feierlicher Weise gesprochen; die Gemeinde hörr es stehend zu und beschließt cs mit einem kräftigen: „Amen". In ihm wird für das Wohl des Landcssürsten und seiner Regierung, oder in Frankreich. in der Schweiz :c. sür das Wohl der bestehenden Regierung gebetet. Tas geschah auch zn den Zeiten, als unsre Väter gedrückt, geknechtet und mißhandelt wurden; um wie viel mehr geschieht es jetzt in heißer Andacht für das Wohl der edlen Herrscher, der herrlichen Rechtsstaaten, da jeder Staatsbürger, ohne Unterschied der Religion und des Standes, unter dem Lchutzc guter und weiser Gesetze ruhig und sicher zu leben vermag! Wir suchen nickt allein das Wohl des Staates, dem wir angchörcn, mit allen unfern'Kräften zu fördern, wir beten auch beständig zum Allgütigen sür das Heil n:rd das Glück des Vaterlandes und für das Wohl Derjenigen, die der allweise Gott zu Lenkern des Staates eingesetzt hat. (Fortsetzung folgt.)

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