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Der Israelit · 1887-04-21 · Heft 31 (21.4.1887) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
28 (1887)
Issue
Heft 31 (21.4.1887)
Date
1887-04-21
Page
– (sequence 10)
Language
German
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dantenlärm in der bekannten alten Mythe. Nur ist es hier nicht ein junger Zeus, dessen Existenz durch den Lärm der Priester verheimlicht, sondern ein alter verschrobener Wcchsclbalg, dessen unschönes Gliederzucken unter dem Getöse unserer modernen zrorybanrcn der Welt den Beweis jugendkräfrigiu Daseins erbringen soll. Ter. Antisemitismus ist, um bei dem griechischen Bilde zu bleiben, ein verunglückter Lohn des Ehronos. welcher cwertst ist, von seinem Erzeuger verschlungen zu werden. Wie jedem Anachronismus, ist ihm der hivokranschc Zug ins (Besicht geschrieben. Er tritt als eine Erscheinung aus, welche mit dem Geiste der Zeit, in der wir leben, mit der Humanitär, deren wir uns rühmen, mit den Einrichtungen dcS modernen Staates, ans die wir stolz sind, und mit der christlichen Ncligion im osscncn Widerspruche steht. Eine solche Erscheinung kann sich zwar wie ein von kräsriger Hand geworfener flacher Stein eine zeirlang tänzelnd über dem Wasser halten. Aber das Naturgesetz ist stärker als die uachwirkeude Kraft der Menschenhand, das Gesetz der Schwere zwingt den Stein gegen den Willen des Schlcnderers unter die Fluchen, und die Geschichte geht über den Widersinn doch immer wieder zur Tagesordnung über. Man kann nicht behaupten, dass der Antisemitismus immer Anachronismus gewesen sei. Als Ealignla seinem Statthalter in Pbönizien, Pctronius, den Auftrag gab, seine, des Eäsars, Eolossal- Statue im AUcrhciligsten des Tempels zu Jerusalem aufzustellen, wollten die Juden lieber sterben, als die Schändung ihres Heiligthums erleben. Zu Taufenden zogen sic nach Phönizier!, ihr Wehgcheul erfüllte die Luft und ans den Knien crflclncn sic von Pctronins die Abwendung des drohenden Unheils. (v*3 gab keine Leiden, keine Marter, leine Verfolgung. durch welche der Befehl des .Kaisers noch hätte übertroncn werden können. Und doch muthcte ihnen Ealignla nur zu, ihm dieselben göttlichen- Ehren zu erweisen, welche er von seiner Nation und. der ganzen Menschheit in Anspruch nahm, und die Anbetung von Götzenbildern zur Zeit der ersten römischen Kaiser war kein Anachronismus. Tie Verfolgungen unter Elaudius und Nero trafen Juden und Ehristcn zugleich: aber der mit den Normalwassen, deren sich der römische Eäsarismus zu bedienen pflegte, geführte .Kampf gegen Beide entsprang der Besorgnist der Heiden. der um sich greifende Monotheismus würde die alten Tempel ins Wanken bringen und die Götter der Nation der öffentlichen Verachtung prcisgebcn. Solange rnan den Tod auf dem Scheiterhaufen als die gerechte, wohlverdiente und-sehr geeignete Strafe für Hexen und Zauberer, Ncbcllcn und Ketzer ansaö, entsprachen die Verfolgungen der Juden ebenfalls dcm Geiste und den Sitten der Zeit. Der Kexer wurde verbrannt und der Jude wurde verbräm::. Das war entsetzlich, grausam, aber kein Anachronismus. Am allerwenigsten wird man den Judenverfolgungen vor der gewöhnlichen Zeitrechnung einen anachronistischen Eharaktcr bcimcssen können. Zwar behauptet Joseph Kopp in seinem Buche „Zur Judeufragc", der Antisemitismus sei genau so alt als da-5 Ehristentbum. Das ist jedoch nur theilweife. nämlich nur insofern richtig, als man unter Antiiemitismus die Verfolgung der Juden durch die Ehristcn aus Ncligionshast versteh:. Aber die Feindschaft gegen die Juden, welche man um ihrer hervorragenden physischen und geistigen Begabung willen in psychologisch erklärbarer Stufenfolge erst herdeiholtc und gern sah, später beneidete, dann bastre, endlich verfolgte, ist älter als das Ehristentbum und findet sich auch in der vorchristlichen Zeit überall dorr, wo sich die Juden zur Geltung zu bringen, politisch oder sozial bemerkbar zu machen wussten. Man kann annehmen. der Antisemitismus sei so alt als das jüdische Volk, und seine nachweisbaren Spuren greifen in die pharaonischc Zeit zurück. Tie Geschichte der Juden im alten Egypten, für welche man lange keine andere Quelle als die Bibel haue, ist zwar noch nicht so klargcstclll. um ein sicheres Urtheil über die Motive zu gestalten, welche zur Verfolgung der Hebräer durch die Pharaonen führten. Aber wenn in neuester Zeit ausgestellte Hypothesen, dass die Bauten der grossen Eanäle. insbesondere des Joscphs-Eanaks i Bahr el Jnssuf), und die damit im Zusammenhänge stehenden grossartigen Bewässerungs-Anlagen, deren Spuren die modernen Techniker mit Interesse nachgehen und welche gerade die von den Juden bewohnten Gegenden zu den fruchtbarsten im Lande machten, auf die Eonception der jüdischen Fremdlinge zurückzuführcn seien, sich als richtig erweisen sollten, so wäre damit der Schlüsse! zum Verstand- Hiss jenes Antiscotitismus gegeben, welcher^ au Grausamkeit sich selbst immer mehr übcrkrcnend, in seiner Brvralität zulest vor dem Morde unschuldiger Binder, vor der Errränkung aller von hebräischen Weibern geborenen Löhne nicht zurückschreckre. Man har unlängst die Mumie des grossen Ramfes II. Miamen, des muthmasslichen Urhebers dieses Mordmstcms, ans ihrem Fclfcngrabe herausgeholt. in welchem sie mehr als drei Jahrtausende in Frieden gcruhr baue. Sollte die Erinnerung an das Alter der Leiche des grossen, egyprischcu Antiseniiten die Antisemiten unserer Tage nicht

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