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Der Israelit · 1887-04-21 · Heft 31 (21.4.1887) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
28 (1887)
Issue
Heft 31 (21.4.1887)
Date
1887-04-21
Page
– (sequence 9)
Language
German
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SXVm. Jahrgang. Beilage zu Ar. 31 des Israelit. Leitender Artikel. Antisemitismus. Alkinr Studien von Tr. Theodor $anjr. (Fonsrdung.) So lauge Lessing die Juden nicht näher kannte, als, um mit seinen eigenen Worten zu sprechen, ^aus dem liederlichen Gesindel, welches aus den Jahrmärkten herumschwcift", theilte er die Vorurthcilc gegen dieselben mit seiner engherzigen Umgebung. Als er aber Moses Mendelssohn und den gelehrten jüdischen Arzt Dr. Gumperz kennen gelernt hatte, schrieb er sei» Lustspiel „Tic Juden" und seinen „Nathan". „Diese innere Selbstbestciung" — bemerkt Hugo Göring in seiner Einleitung zu dem genannten Lustspiele — „war das Er gebniß reisen Nachdenkens und ernster Erfahrungen." Lv klänc sich bei dem großen Manne die naive, weil noch gedankenlose Voreingenommenheit zur vorurtheilsloscn Betrachtung des jüdischen Volkssrammcs ab, während bei vielen unserer kleinen .'jeitgcnofscn, welche sreilich beider Momente, die bei "cssing ausschlaggebend gewesen waren, des reifen Nachdenkens und des Bewußtseins ernster Erfahrungen, cntrathcu, die naive Boreingenommenheit, das rechenschaftslose Gefühl der Abneigung sich zu jenem infernalen Jndcnhanc steigen, in dcsicn Betdätigung das Wesen der entwickeltsten Arten des Antisemitismus besteht. Ter Unterschied zwischen jenem Antisemitismus, der sich ans die Antipathie gegen die Jude» beschränkt, und diesem, der den zum Haß entwickelten -ln'ctt zur Voraussetzung hat, ist aber nicht nur ein quantitativer, indem jener gleichsam die diplomati-?Lcn Beziehungen zu den Inden abbricht, dieser mit klingendem Spiel und wehenden Fahnen gegen die- 'c.'ben in's Feld rückt, sondern auch ein qualitativer, un die Stelle des mit der Abneigung noch immer verbundenen Mitleids oder mindestens der Theilnahmlosigkeit tritt hier der kalt berechnende böse -vllle. zu schaden, zu verderben, zu vernichten. Die Abneigung tritt noch aus den Grenzen der Sittlicher! nicht heraus, die Bosheit durchbricht diese schranken. Jene ist keine Tugend, diese ist ein "alter. ' Insofern bleibt cs dann anch gleich, ob sich der I Judenhaß mehr als Racenhaß, Eonfessionshaß oder j sozialer Haß darstellt, obgleich in den verschiedenen antisemitischen Heerlagern auf die Spezialitäten dieses Haffes ein besonderes Gewicht gelegt wird. Die Einen addiren alle schlechten Eigenschaften aller schlechten Juden, nennen die Summe den Cbarakter der Race. Dann drehen sie den Spieß um und schließen aus dem Charakter der Race auf den Charakter der Einzelnen. Da nämlich Niemand, am allerwenigsten der Jude, von den Charakter- Eigenschaften seiner Nace sich zu befreien vermögt, so haften auch den Besten unter ihnen die schlechten Eigenschaften der Schlechtesten an. „Ist es denn möglich", fragte ein antisemitischer Redner, „einen guten Juden von einem schlechten zu unterscheidend Jud' ist Jud'." Und so hassen und verfolgen sie die Juden aus übcrlanfendcr Sittlichkeit. Die Anderen Haffen die Juden nur, weil sich dieselben noch nicht zum Ehristenthumc bekehrt haben, und rächen sich dafür, daß die in erster Linke zum Heile Berufenen die Wahrheit nicht annehmen wollen, dadurch an ihnen, daß sie, wie der „gelehrte" Rohling. die Lüge, z. B. das mittelalterliche Märchen vom rituellen Mord, gegen sie ins Treffen schicken. Die Tritten endlich Haffen die Juden aus sozialen Beweggründen. Sie erklären das religiöse Moment für durchaus nebensächlich, erblicken aber in den bedrückten und verfolgten Juden eine Gefahr für das Ergenthinn, den Wohlstand und die Freiheit der sie bedrückenden Völker, und Haffen sie auS fürsorglichem Jntercffe für das künftige materielle Wohl und die Eigcnbercchtigung der indogermanischen Nationen, ohne freilich zu ahne« oder zu bedenken, welch empörendes Armuthszeugniß sie den letzteren und sich selbst damit ansstellen. Und nun schmettern die Trompeten; es gilt den Kampf gegen die Söhne Sem'S. Humanität, Moral, Christenthum, Logik - sind nichts. „Hcpp hepp" — ist Alles. Eine herrliche Zeit! II. Antisemitismus und Anachronismus. Antisemitische Logik. Wenn die Antisemiten in wilder Leidenschaft die große Trommel schlagen und durch ihr frivoles I Geschrei den Verstand, das Gefühl und die Menschenwürde in allen unbefangenen Zeugen gleich schwer beleidigen, so denkt man unwillkürlich an den Kory-

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