Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 28 (1887)
- Issue
- Heft 31 (21.4.1887)
- Date
- 1887-04-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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547 loschen war ftc audj im schwersten Winter nicht, wie cn* den Einzclfällcn von Auswanderungen bekannt. Ter Zug nach Palästina, der 168! begann, war nach einiger Zeit aufgegcbcn worden in Folge der lö'en Erfahrungen, welche die rumänischen Auswanderer mit ihrer ersten dortigen Gründung, nrn der Kolonie Samarin, jetzt Sichron Jakob, genrachr haben. Und diejenigen, die in den Städten Palästinas geblieben waren, haben noch Schlimmeres crlcbr. Tenn so gering die Lcbcnsquellcn in Rumänien sind und so sehr sie die Negierung besonders seit 188! abgeschnitten hat, Palästina ist :::r Zeit noch weniger entwickelt. So wurde denn die Wanderung dahin aufgegeben und der nur zu ühr brcitgctrclcnc Weg nach Amerika cingcschlagcn. Eingessüstert wurde er durch die Ncclamcn eines Agenten der Eanada Pacinc-Eisenbahn. eines gewissen R. R. H. ton Laer in Amsterdam, Warmocsüraat 108, der die Auswanderungslustigen, nicht nach Amerika, sondern nach Amerika, nämlich nicht nach den vereinigten Staaten und New-Z)orl, sondern nach Eanada und Manitoba locken wollte. Das wäre nun freilich nicht gerade gänzlich Unrecht gewesen. Sind cs auch Wildniffc, wohin ihnen billige Nesscgelcgcnhcit und allerhand glänzende Aussichten geboren wurden, so können die crsteren urbar und wohnlich gemacht werden, von den Verheißungen hätten sie schon abgesehen und auch nur mit ruhiger. arbeitsamer Auskömmlichkcit sürlicb genommen. Gleichwohl ging man i:ach dem überfüllten Ncw-?1ork. Jedes vernnnftmäßigc Abrathen war vergebens. Freilich zu Eanada fehlte die wichtigste Vorbedingung, nämlich Geld zur landwinhschastlichen und auch M ackcrbaulichcn Thätigkcit. zu welcher allein sie gcrathcn und gerufen wurden, außerdem will auch das primitivste aller Handwerke, der Ackerbau erst gelernt sein. Aber auch ein Zuviel war vorhanden, nämlich an Imagination, die von älteren New-Aorkcr rumänischen Immigranten und von neuern Unerfahrenen. auch Uebclwollcndcn entfacht wurde. Und die schreckliche Noth trieb ohne Wahl. Ten Anfang nach „Amerika" machten die zwei großen Züge von Hauprrcpräsenrantcn des rumänischen Handels, Hauderer und Kleinkrämcr, die 1884 von der ohnehin dürren Krippe wcggcnommen wurden. Ihnen folgten dann jedes Jahr hcrabgckomnrene größere Kauflcute. Handwerker und „Ercw Naw" d. h. Leute aller Klanen, denen man den Hunger und die Sorgen vom Gcsichre ablese» konnte. Man lief Hals »bcr Kops nach Ncw-Aork und wer nicht gläubig vi allen Wundcrgcschichtcn ja und Amen sagte, wurde einfach ausgekocht. In meiner die Emigration im Allgemeinen betreffenden Artikelserie vom vorigen Jahre*- habe ich versucht derselben gesunde Bahnen zu geben, sie gewissermaßen in System zu bringen, im Gegensatz zu der bisherigen Planlosigkeit, die allenthalben bei dem durchgreifenden Wohnsiywcchscl herrscht. Auf Grund von Erfahrungen habe ich für die einzelnen Wanderländer die cinzuschlagcnden Wege angegeben und besonders die Schäden aufgcdeckt, an welchen die Auswanderung krankt. Aber es kamen immer wieder glänzende Berichte und diese lockten immer neue Unbesonnene nach „Amerika", wo mail Geld und andere Werthsachcn gerade auf der Straße auflescn könne. Tic Auswandcrungslust, richtiger die Nothwcndigkeit sein Brod anderswo zu suchen, ist nun wieder erwacht und, nächst den venchiedcncn Strömungen sind in der Hauptsache die Blicke natürlich immer nach „Amerika" gerichtet. Aber autz „Amerika" kommen auch schon Wahrheiten herüber, cs sikkcrt eben endlich durch. Ein längerer Brief eines der neugebackenen rumänischen „Anicrikancr", datirt vom (18.) 2. März gibt ein allgemeines Bild von dem traurigen Zustande der rumänischen Eingewanderten. Ta ist von der Ueberfnllung Ncw-Aork's die Rede, von ungewohnter!, erniedrigenden Beschäftigungen, vom Straßcnhandcl mit Streichhölzern und anderen solchen lohnenden Artikeln, zuletzt von gezwungenem Müssiggang und Hungcrlcidcn. Tie Unkenntnis; der englischen Spräche und der neuen Lebcnsgcpssogcnhciten, haben einen großen Thcil der Schuld, wie der Brief sagt und auch ich im vergangenen Jahre berichtet habe. Schließlich gibt der Lricfschrcibcr seine Meinung dahin ab, daß in Amerika das einzig- Lohnende der Ackerbau ist und cxcmplifizirt dies an einer Anzahl runränischcr Einwanderer, die im Staate Kansas Ackerbau treiben und in dem geringen Zeittmum von vier Jahren nicht nur Eigcnthnmcr von bezahlten Gütern zu 160 Acres sind, sondern auch schon Ersparnisse von 1009—3000 Dollars <4000—12000 Mark) hätten. So einleuchtend cs aber ist, daß in Amerika der Ackerbau allein lohnt, scheint cs, daß alle die Menge, welche in Ncw-Aork mit dem Leben ringen und vom Hausircn zu leben suchen, cs noch nicht cingeschcn haben. Tenn sic haben noch nicht den Versuch gemacht jene Thätigkcit zu ergreifen. Ten Einwand mangelnden .Kapitales und fehlender Kenntnisse können sie nicht mehr ganz macken. Sofern sic nämlich durch die Noth nicht ganz kopflos geworden sind, müssen sic sich sagen, daß wenn der Ackerbau so einträglich, so müsse das Tagelöhnern beim Ackerbau *) »Israel auf Ler £?anberi$afi" 1— IV, .Israelit'?i'r 61, 63. 66, 67.