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Der Israelit · 1887-04-18 · Heft 30 (18.4.1887) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
28 (1887)
Issue
Heft 30 (18.4.1887)
Date
1887-04-18
Page
– (sequence 5)
Language
German
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52» 2:äbie, in den flehten Iudennestern auf dem üachen iünbe zeigt sich das Volk Israel in feiner wahren, riwerfälschlen Gestalt. Glauben Sie mir, man 'cntt das Gruseln bei dem Anblicke dieses widerlÄw Gesindels." Nach dieser Auffassung würde cs also, um die Juden keimen zu lernen, genügen, einmal durch link schmutzige Iudcugaffc gegangen zu sein und tlnjenigen Thcil des jüdischen Volkes, welcher sich nerorisch auf der niedrigsten C'ulturfnifc bcsindcl, eines stüchtigen Blickes gewürdigt zu haben. Was :rürde man wohl dazu sagen, wenn Jemand den ffharakrcr der Deutschen nach dem wüsten Treiben in den Matrosenviencln Hamburgs bcurtheilen, den Mb in den Vorstädten Londons'und die in ^leapel auf den Liirchcntreppen hcrurnlungernden Lazzaroni als typisch für den bharaktcr der Gngläudcr und Italiener anschcn wolltet Ucdrigeus wird der ernste Beobachter aucl. in dar alten düsteren Iudenganen, in deren hohen Häusern die Iudenfainilicn, „wie in einem römischen Kolumbarium nbcrcinandergeschichtcL" sitzen. mehr üuden, als den so viel geschmähten und verlästerten „Auswurf der Menschheit". Gr wird über den Schmue entsetzt sein, der ihm in unsagbaren Formen und Farben allenthalben cntgegcnstarrt: aber er rrird sich sagen inüitcn, das; das Zusammeuwohnen rrchrerer an Allem nothleidcndcr nnd nnr kinderreicher Familien in einem und demselben feuchte» und engen Raume, in welchem gelocht, gearbeitet, seschlafcu wird. Gesunde und Kranke dasselbe .schlechte Lager miteinander Iheilcn, Hausrhiere und «ir.dcr sich um den schlecht verwahrten, dunstenden Cfcn drängen, die Reinlichkeit satt zur Unmöglichkeit macht. Gr wird das ausdringliche Wesen der Händler, lucldje ihn ans der offenen Strafte wie Wegelagerer überfallen, erschrecken, nnd die Frechen mit derber Gntrüstung von sich weisen: aber er wird, wenn er erfährt, das: eben diese Händler keine eigenen Geschäftsräume besitzen, sondern zur Aufhellung ihres Waarcnkastcns nnr einen kleinen Raum in dem Geschäftslokale eines gröstern >!answanns gemiethcl haben, und dast sic ihre Waaren nur in einem kleinen Raum an Personen verkaufe» dürfen, welche sic selbst in das Lokal hincinzcrrerr, cs begreifen, dast ein solcher Händler , wenn er überhaupt leben nnd verdienen will, seine Mimbcn von der Straste herholcn must. Gs wird dem aufmerksamen Beobachter nicht entgehen, dast unter den Inden aus dreier niedrigen Gulrurstuse die llncurvsindlichleit des Gewissens in der schlauen und rüüsichrsloscu Ausdeutung der Unwissenheit. der Leidenschaften und der Roth Anderer häufiger vorkomml, als bei den Natioueu, unter welchen sie leben, aber er wird umsomehr staunen, wenn er wahrnimmt, dast cs mitten in dieser verkommenen Gesellschaft viele gute, edle und bis zur Selbstaufopscrrmg rechtschaffene Menschen gibt. Gr wird, wenn er die Geschichte der Juden kennt und wenn er der tausendjährigen Verfolgung derselben durch die christlichen Völker und Regierungen sich erinnert» aus den hohlen Augen der bleichen, abgehärmten und abgezehrten (Gestalten, die ihm begegnen, den erschütternden Vorwurf lesen: „Das habt ihr aus uns gemacht", nnd wenn er nicht statt des HcrzcnS einen Stein im Busen trägt, so wird er sich der Beschämung ebensowenig als der Rührung erwehren können. Ter Jammer und das Glend dieser Armen wird sein Mitleid erwecken; ihre rastlose Thäligkcit, ihre Genügsamkeit, Mäßigkeit, Nüchternheit wird ihm Achtung cinflößen; ihr inniges Familienleben wird ihn mit Bewunderung erfüllen, nnd er wird die llederzeugung gewinnen, dast das Zcugniß, welches GrcgoroviuS den Juden im alten, seit IMT ausgelassenen Ghetto Roms ausstellt, auch ans die Juden in den schmutzigen Winkeln nnd Gassen allüberall in der Welt Anwendung findet, dast sic nämlich „reich sind an Mcnschlichkcil unter sich, dast der Wohlhabende dem Glende« gerne hilft, dast der aufopfernde Familiengcist, das dauernde Grbe Israels, nirgends so mächtig und so wohlthätig sich zeigen möchte, als dort, und dast cs Thatsachc ist. wie diese nüchternen und sscißigcn Menschen selten um Verbrechen willen gestraft werden." Wer freilid) mir nach der rauben, fremdartigen Anstcnscile» nach der schmutzigen Schale nrtheilt und nicht tiefer blickt, weil er entweder der Befähigung ermangelt, die psychologische Sonde zu handhaben, oder »veil ihm die gemachten äußeren Wahrnehmungen das Vorhandensein eines edleren Kernes auszuidüinsen scheinen, auf den kann jener Thcil der jüdischen Bevölkerung, dessen Glcmcnt der Schmutz ist. nicht anders als abstoßend wirken. Seine Abneigung wird eine begreifliche, tiefgehende, vielleicht unüberwindliche sein. Tas gibt ihm aber nicht im entferntesten das Recht, zu übersehen, dast außerhalb der den einstigen Ghettos zugehörigen Gaffen noch andere Juden in der Welt wohnen, und den Werth derjenigen Indenschast, welche nicht.nur ans der Höhe der europäischen (Zivilisation steht, sondern an den civklisatorischcn Arbeiten des Jahrhunderts in Wmenschaft undKunst, in Literatur und Politik, in Wort nnd Tbal redlich und erfolgreich mirgcarbcirer hat. an dem schmutzigen Kaftan des polnischen Handclsjudcn zu rncffcn. Ansetzung?.>

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