Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 28 (1887)
- Issue
- Heft 30 (18.4.1887)
- Date
- 1887-04-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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528 Antipathie gegen die Juden zur Gefühlssache geworden ist. Tie Ursache dieser Abneigung ist bei den Einen in mangelhafter Erziehung, bei Anderen in einzelnen nnangenehmen, mit Juden gemachten Erfahrungen, wieder bei Anderen nur in dem Umstande zu suchen, daß sie immer nur Len schlechtesten Tbcil der jüdischen Gesellschaft gesehen und kennen gelernt haben. Der kleine Hannibal, welcher schon als neunjähriger Knabe seinem Vater hatte schwören müssen, die Römer zu Hanen, mutzte sich unter solcher Leitung später zmn Erzfeinde de? römischen Reiches entwickeln, auch wenn ihn die Verhältnisse nicht dazu gemacht hätten, und der Ehristenkuabe, welcher, kaum der Amme entwachsen, mix dem langbärtigen Juden geschreckt wird, der die unartigen.Kinder in den großen Lack Ihne und forttrage — der Lehrling, welcher seinem dem Trünke ergebenen und von Gläubigern hart bedrängten Meister nur immer erzählen hört, wie er ein reicher Alaun sein könnte, wenn ihn die Juden nickt betrogen und bestohlen hätten, bringen, ohne daß sie vielleicht jemals mit Juden näher bekannt geworden wären oder über die Eigenschaften der Juden nachgcdacht hätten, die Abneigung gegen den jüdischen Volksstamm mit in ihr späteres Leben, in ihr öncntliches Wirken. Und was leisten nicht in der Erzeugung solcher Abneigung jene gewissenlosen Lehrer, welche ihre Feindschaft gegen fcic Juden, aller Pädagogik Zinn Hohn, mit in die ^chulstnbe nehmen; Wie demoralistrcnd wirkt cs nicht auf die ganze erlasse, wenn ein jüdischer Schüler. der eine unrichtige Antwort gegeben bat, vom Lehrer in jüdclndem Tone verspottet wird. Eine witzelnde Bemerkung, welche der Professor der Geschickte in der Erzählung von der Zerstörung Jerusalems durch Titus über die Inden macht, sitzt fester als die Eharakrcrschildcrnng des Eroberers und als die Erklärung, wodurch sich der nachmalige Kaiser den Beinamen;un<>r_rt «\e- Jidae fronen* humani erworben hat. Besser als die wichtigsten Partien der Literaturgeschichte bleiben die von der Autorität des Lehrers getragenen abfälligen Bemerkungen desselben über die aus dem Iudcnthnm hcrvorgcgangcnen deutschen Dichter im Gedächtnisse der Schüler haften. Düne Weltkenntnis; und Erfahrung. ohne jene schwärmerische Liebe für das Ideale und ohne jene durch sich beglückende weltumfassende Begeisterung, welche sonst das köstlichste Angebinde der goldenen Jugend ist, werfen sich diese altklugen Pennäler dann in die Brust, zupfen an ihrem imaginären Barre und sind, ohne sich erst die üdcrstüssigc Blühe zu geben, über das Warum nackzndc.nkcn, stolz darauf, daß sie, wenn auch nicht Tokrorcn, Professoren, Hofräthe, Minister — doch etwas sind, nämlich Antisemiten, und daß sie die Juden nicht leiden können. Auch der Antisemitismus derjenigen, welche ihre Abneigung gegen die Juden aus der allgemein hingcstellten Behauptung unangenehmer Erfahrungen begründen, versleigt sich in der Regel nicht ans der Welt des Gefühls in die des Gedankens. Treffend bemerkt in dieser Beziehung Georg Eliot in einem Essan: „Die Inden und ihre Gegner." ,^§rnu auf ihre — der Juden — vergangenen oder künftigen Geschickc.Bezug genommen wird, so wird unter den Zuhörern sicherlich Eine oder Einer es als eine nufer Urthcil erheblich unterstützende Tdatfackc constatircn, daß sie ihrerseits keine Freundin der Juden fei, da sie einen Herrn Jacobson gekannt habe, der sehr unangenehm gewesen sei, oder daß er seinerseits von ihnen als Stamm gering denke — obgleich eine nähere Nachforschung ergibt, daß er mit ihren charokrcrlstischcn Eigcnthümlichkciren, so wenig vertraut ist. daß er mit Erstaunen erfährt, wie viele Personen, die er blind verehrt und bewundert bar, durch und durch Juden sind." Solcher Beschämung sind immer auch diejenigen anSgesetzt» welche ihre Antipathie gegen die Juden aus eine sensationelle Gerichtsverhandlung, bei welcher ein jüdischer Wucherer verurrheilt oder ein auf Betrug angeklagrcr Jude, was selbstverständlich nur nach voransgcgangener Bestechung der Geschworenen geschehen sein konnte, sreigesprochcn wurde, auf den Besuch einer schmutzigen jüdischen Wohnung, aus die Erinnerung an ein armes, in Lumpen gehülltes jüdisches Weid, welches gebratene Kartoffeln und gekochte Acpstl fcilbor, und Achnlichcs zurückführcn. Ich war einmal unfreiwilliger Zeuge folgenden Gespräches: „Der Antisemitismus widersteht mir. Tirst sortgesektcu und so häufig in sich widerspruchsvollen Angriffe ans Mitmenschen, von welchen viele bester sein mögen, als ihre Gegner, empören mich." „Sic kennen eben die Juden nicht. Waren Sie schon in Krakau? Haben Sie die Juden am Kazimierz gesehen?" „Nein, ich war nie in Krakau." „Sind Sic nicht schon einmal kn Lemberg durs die Lange Gasse, die Russische Gaffe, die Server gaffe gegangen?" „Nein, ich war auch nie in Lemberg." 9 „So waren Sie überhaupt nie in Polen. Tann haben Sie auch das Reckt nicht, über d:c antisemitische Bewegung mitznrcdcn. In Galizien, in Russisch-Polen mutz mau die Juden gc'ckcn haben. Dort» in den Iudcngaffen der gresen