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Der Israelit · 1887-04-18 · Heft 30 (18.4.1887) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
28 (1887)
Issue
Heft 30 (18.4.1887)
Date
1887-04-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Antisemitismus.*) Kreine Lludirn.*^) 1>0N Tr. Theodor H»aase.!. Antiscmit! schc 5t at c g o r! en. Nichts ist mcr;r geeignet, die Gedankenlosigkeit 'm fördern, das Rcchtsbcwußtscin zn trüben und m? öffentliche Gewissen zu verwirren, als wenn in ,fra.qc», welche das gemeine Wohl betreffen, an die Ltclle der vernünftigen Begründung ein Schlagwort gesetzt wird. Das Motiv läßt sich beleuchten, prüfen, bekämpfen und fe nachdem cs dic Probe beucht oder nicht, annrhmcn oder verwerfen. Das Lchlagwcrt duldet keine Prüfung, keine Bemängelung, 'eine Einwendung. Leine Herrschaft ist die absolute Tyrannis. Wer sich feinem Terrorismus beugt, l‘i gm. edel, gerecht, ein Philosoph, ein denkender Aariorral-Dekonom, ein grofrcr Politiker, ein Mann, der die Gegenwart versteht und dem die Zukunft gehört: wer üch gegen dasselbe aufichnt, ist mindencus nicht ganz zurechnungsfähig, ohne Verständnis; für die Fragen des Tages, daher für das öffentnä'.e Leben nicht brauchbar, ein cnriofer Heiliger, rin Sonderling oder, wenn man anders nicht mit ihm fertig werden kann, ein Eorrnptiomst. Man Icic mir einmal eine antisemitische Zeitschrift, man t:örc einen antifemitischen Redner. Db da von Petroleum oder von Getreidezöllen, von Biehseuchcn oder Zulkcrücncr, von Eisenbahnen oder von der Tchulvilicht geschrieben oder gesprochen wird, jeder »Gegenstand tvird unter dein Gesichtswinkel dcS Fudenhaücs betrachtet, und der Zeitungsartikel oder d-c Rede läuft zuletzt immer nur auf eine Philippika "maus bald gegen das „jüdische Kapital" und gegen >ic „verjudetc Prelle", bald gegen die „jüdischen Ädvskatcn und Acrzlc", gegen die „jüdische Eorruvtmi" und gegen den „gemcinschädlichcil jüdischen Ltamm". Wagt cs aber Jemand, dem Getzlcrhute der amjseninifchcn Phrase den Respekt zu vcrwcicern und in aller Bescheidciihei! zu bemerke», daß c-f. wie ehrliche und unehrliche Ehristcn, auch chriichc und unehrliche Juden gibt, daß man die Fehler de? Einzelnen nicht gencralisircn dürfe, daß man «uch im Inden den Menschen achten müsse, so wird mit ganze Lündslnth von Hohn nndSvott, Lchiurpf und Schande über ihn ansgcgoffcn. Man in dann Ham brr .Arurn »rrien Prrfie.' . "»?ir vor'irgcnbrn Aurfär-e drs H/rrn Äbgeordnrrl« u-.id U!ü!-7!'L.,<L:niiL/n Cupennrrndcnrrn Tr. Haair find bcirimv.«. »ü:rr gröstrrrn Ärdkit;u bilden. vilche der Herr Z'knai'cr iklbüfländig :o verönrnlULca qcden!:. ilnuint drr Sird. brr ,H. fr. Pr.' gleich kein echter deutscher Mann mehr, man ist ein Bcrräihcr an seiner nationalen Wicht und Ehre, man hat keinen Begriff von den politischen und Culturaufgabcn des deutschen Lölkes, man ist von den Inden gekauft, ein Judas und ein Ehrcnjude, oder man versteh! dic Indensragc nicht. Diese antisemitischen VanubnUcn und Excommunicationcn treffen, was in der Natur der Sache liegt, faß die ganze gebildete Well. Seltsamerweise schleudern aber die einzelnen antisemitischen Parteien ihre gisrgciränkrcn Pfeile auch einander zu. Ist doch beispielsweise der Antisemitismus Stöckcr's vor dem Tribunal des Antisemitismus Dühring'S nur ein „sogenannter" ein „kläglicher", ein „Pscudo- Arniscmitismus". der „bei gesunden und aufrichtigen Naturen nur Ekel erregt", eine „Scheingatumg von Anrisirdik". Hieraus erklärt sich dann auch, daß, ivcnn der Antisemitismus vor die Frage nach seinem Begriffe gestellt wird, die Antwort, je nachdem man sich an diese oder jene antisemitische Gruppe wendet, jedesmal eine andere ist. Nur der unrichtig gewählte Gattungsname ist ihnen gemeinsam. Sic nennen sich Antisemiten, haben cs aber nicht mit den antisemitischen Völkern überhaupt, sondern nur mir dem semitischen Bolksstamme der Inden zu thun. Warum sie sich nicht lieber Anti-Juden nennen? Freilich, das seltenere Wort klingt nach mehr, sieht gut und kostet nichts. Beginnen wir in der Betrachtung der antisemitischen Kategorie mit der unschuldigen Gruppe der Personen, welche sich bei Zeit und Gelegenheit das Privatvergnügen gönnen, über die Inden zu schimpfen, ohne cs noch im Grunde übel mit ihnen zu meinen. Ein junger Herr, welcher in dieser Beziehung Großes zu leisten verstand, entschuldigte, als ich ihm vorstellte, wie wenig seine Redeweise zu seiner mir wohlbekannten vornchmen Gesinnung paffe, die gemachten Ausfälle mir der Bemerkung, daß sich ja Keiner gekränkt fühlen könne, weil cs Keiner gehört habe, und kam ganz außer sich, als der damals mit anwesende, jüngst versiordenc Maler Daniel Pcntbcr sich den übermnthigcn Scherz erlaubte. vor: seinem Sitze auszuspringen und mit der ernstesten Miene von der Welt auszurufen: „Bcrzcihcn Sic, mein Herr, aber ich bin ein Jude.'" Lolche platonische Judengegner, selbst wenn sic es begehrten, zu den Antisemiten zu zählen, wäre unberechtigt. Zu den eigentlichen Anrisemiten verhalten sich dieselben doch nur wie HandlungSlchrlinge, welche am Sonntag aus geborgten Gäulen spazieren reiten, zur Eavallcrie. Ernst zu nehmen ist der Antisemitismus erst bei denjenigen, für welche er als Abneigung, als

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