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Der Israelit · 1887-09-26 · Heft 75 (26.9.1887) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
28 (1887)
Issue
Heft 75 (26.9.1887)
Date
1887-09-26
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Liebe zur Kinderwett erfüllte Frauenherzen, denen solches ErziehungStalent, denen solche wunderbare Naturanlage zur vernünftigen ErziehungS- und llntcrrichtswcise als ein herrliches Geschenk der gütigen Gottheit mit in die Wiege gelegt worden ifr. Gaben, die sich unter späterer vernünftiger Ausbildung zur Vollendung, zu einer vor allen Fehlgriffen schützenden, systemsichcru und zielbewußten ttmift gestalten. Das war bei Therese der Fall! Lic brauchte bei ihren Schülern, den Kindern Meier Ruben'S, keine leibliche Züchtigung, ja kaum ie ein strafendes Wort anznwcndcn, und doch befolgten sie von der ersten Stunde an willig jeden ihrer Winke und suchten ihr jeden ihrer Wünsche an den Äugen abzulescn, um ste desto schneller erfüllen zu können. Die Kinder hingen inft unbegrenzter Liebe ßrt ihr. Es waren vier der Kinder, zwei Knaben, Aaron und Samuel, neun rrsp. sechs Jahre alt, zwei Mädchen, Karoline und Rosalie mit Namen und im Alter von elf rcsp. sieben Jahren, die ihrem Unterrichte und ihrer Erziehung nunmehr vollständig unterstellt waren. Es war eine Lust, diesem Unterrichte mit anzurvohnen, sowie auch die Art und Weise zu beobachten, wie sie sich mit den Kindern auch außerhalb der Unterrichtsstunden uutcrüiclt. Wir wollen nur einige Beispiele mitthcilen uns schicken dabei voraus, daß die Kinder stets, auch nachdem Therese das Seminar vcrlaffcn hatte, nur per Tu mit ihr sprechen dursten. Die Eltern wollte» zwar, weil sic Therese» diesen Achtungsbewris schuldig zu sein glaubten, in dieser Beziehung eine Acudcrung treffen; Therese gab cs aber nicht zu. weil, wie sie sagte, diese Abänderung die Innigkeit des bisherigen Verhältnisses stören würde. Es mußte also bei der gewöhnlichen BcrlehrSweise bleiben, was übrigens Meier Rüden und seiner Frau sehr wohl gefiel, feinen Kindern aber noch besser. Eines Tages um die Mittagszeit befand sich Therese in der Wohnstube, als eben Karoline und Rosalie aus der Schule kanreu. Die Kinder liefen alsbald auf Therese zu und küßten ihre Hand. Tann sagte Karoline, eine für ihr Alter schon ziemlich hochaufgeschossene, schlanke, zierliche Gestalt, mit einem feinen, lieblichen Gesichrchen und hellblonden Haaren: „Höre einmal, liebe Therese! Tie Lehrerin Fräulein Becker, hat heute in der Schule zu mir gesagt, cs wäre sehr störend in der Sckule und nachrbcilig für mich, daß ich am Samstage vicht schreibe, ich solle doch fernerhin Samstags schreiben, wir die andern Kinder auch, das wäre ja gar keine Arbeit. Es ist aber auch wirklich wahr, es ist gar keine Arbeit. Eine Stunde lang schreiben, kann mau doch keine Arbeit nennen! Man darf es auch am Samstage thun! Ich schäme mich an jedem Samstage in der Schule. Ich will in Zukunft auch am Samstage in der Schule schreiben! Meinst Du nicht auch, daß mau es thun darf?- „Sage mir einmal das 4. Gebot;- antwortete Therese mit sehr ernster Miene. „Gedenke des Sabbattagcs ihn zu heiligen! Sechs Tage kannst du arbeiten und alle deine Geschäfte verrichten; der siebente Tag aber ist ein Ruhetag dem Ewigen, deinem Gotte, du sollst keinerlei Arbeit verrichten- .... „So, schon gut!- sagte Therese wieder. „Was ist also verboten, an diesem Tage zu thun?- „Irgend eine Arbeit!- antwortete Karoline. „Bi einst Du nun noch, daß man am Samstage schreiben dürfe?- . „Ja,- antwortete Karoline ganz unbefangen; „denn ich halte schreiben, besonders nur eine ein» zige Stunde lang schreiben, für gar keine Arbeil.- „Ist St'ähen eine Arbeit?" fragte Therese weiter. „Ja, gewiß, Nähen ist eine Arbeit!" antwortete Karoline, ohne sich erst zu besinnen. „Das sagst Du! Eine Andere, die eine Schule besucht, in welcher auch in weiblichen Handarbeiten Unterricht erthcilt wird, und welche glaubt, sich schäme» zu muffen, weil sie am Samstage nicht auch nähen darf, würde vielleicht eben so bestimmt behaupten, und vielleicht würdest Tu in gleicher Lage dasselbe thun, nähen, nur eine einzige Stunde lang nähen, sek keine Arbeit. Meinst Du nicht auch, daß dieses der Fall fein würde?" Karoline gab keine Antwort. „Tu fchweigft,- sagtc Therese; „ich glaube das als Zustimmung ouffasscn zu können. So wird, wie ich in diesem Beispiele gezeigt habe und wie Du sicher jetzt selbst cingcstchst, fast ein Zeder über das, was Arbeit genannt werden kann, je nachdem cs ihm gerade für feine Lage paßt, anders urthcilen. Glaubst Du nun, daß, um dem göttlichen Gesetze zu genügen, cs dem Urthcile eines jeden Einzelnen überlasse« bleiben könne, was Arbeit genannt werden kan» und wa? nichts Karoline fah ihre Lehrerin Verlegen an und schüttelte verneinend mit dem Kopfe. „Was war daher nothvendig, nm m dieser Hinsicht Gewißheit zu haben und aller Gewisscnszwcifcl übcrhoben zu sein?- „Daß in de» Religionsdorschristen genau bestimmt werde, waS als Arbeit auszufaffen fei und waS nicht.- .

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