Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 28 (1887)
- Issue
- Heft 75 (26.9.1887)
- Date
- 1887-09-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1368 Gebote zurückzuhallen. Der wahrhafte Jude jedoch bedarf hierzu nicht der Hoffnung auf Lohn und nicht der Furcht vor der Strafe; er soll vielmehr Gott dienen aus reiner Liebe zu Ihm; er fall mit der Thora sich beschäftigen, weil er Ten liebt, der sie gegeben; er soll Weisheit zu erlangen suchen aus Liede zu Gott, der da ist der Inbegriff a lcr Weisheit: er soll die Wahrheit zu beihätigen streben, weil Gort ist der Inbegriff aller Wahrheit. Nicht soll damit gesagt sein, daß der Lohn ausblcibcn wird, der Lohn wird sicher komme»; aber er soll nicht daS Motiv uufres tugendhaften Wandels sei». Tiefe hohe Stufe, Gott aus reiner Liebe zu Ihm zu dienen, hat unser Pater Abraham erlangt und danach zu streben hat uns Gott befohlen, wie wir c« täglich, Morgens und Abends, lesen: „3?» sollst lieben den Ewigen, deinen Gott, mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit allem deinem Bcrmögcn.- Tic Liebe zu Gort soll so unermeßlich stark sein, daß ihr keine andere Liebe glcichkommc. Tie stärkste irdische Liebe ist die Gattenliebt, die Liebe des Bräutigams zu seiner Braut, die Liede des Mannes -u dem Weibe seiner Wahl. Tausend und aber tausend Tichlcr haben diese Liebe zu schildern versucht, die heiße Sehnsucht, die unendliche Hingebung, das Gefühl, welches den ganzen Menschen beherrscht, all sein Sinnen und Trachten, dem gegenüber alles Andere zurücktritt. So und nach starker soll unsre Liebe zu Gott sein. Ter Gedanke an Ihn soll nns zu jeder Zeit erfüllen. Wenn wir uns Abends nicdcrlcgcn, um auSzurnhen von des Tages Last und Mühe«, so sollen wir denken, daß wir den Schlaf nur dcßhald anfsnchcn, um uns für den Treust Gottes zu stärken: wenn wir cgcn und trinken, so soll uuS dabei der Gedanke beherrschen, daß wir unseren Körper zum Tkcnste Gottes kräftigen: wenn wir nns cir:e Erholung gönnen, so soll das nur in der Absicht geschehen, um nachher desto eifriger dem Dienste Gaues leben zu können. Wenn daS schon bei den no:hwendigcn oder glcichgiltigcn Trugen so geschehen soll, um wie viel mehr muß unS die Liede zu Gott durchdringcn der der Ausübung der GottcSgcbote. Wie viele Menschen vollziehen dieselben glcrchgiltig und lässig, betrachten sie a!S eine Last, die sie'möglichst »chrrcll von sich zu werfen bestrebt sind! Wenn ich mich in das Talith hülle, so muß ich mich beglückt fühlen durch den Gedanken, die von Gott geborenen Schansädcn an. meinem Kleide tragen zu dürfen; wenn ich die Thcphrllin anlegr, so muß ich mich beglück: fühlen, daß ich die straft meines Armes, die Gedanken meines Hauptes meinem Gotte weihen darf. Welch cm Wonnegefühl ist es zu denken, zu wissen, sich vorzuftcllen. daß wir im Gebete unseren Geist zu unserem Pater im Himmel erheben dürfen! Es naht der Versöhmmgstag, der in seiner rein geistigen Feier sich für Jeden zu einem wunderbar herrlichen Festtage gestalten kann. TaS irdische Bedürfen ist gleichsam abgestrcist; nicht Speise und Trank erquicken uns; wir siehe» im. Gottes- Hause von Morgens früh biS AbcndS spät, in weiße Kleider gehüllt, nur damit beschäftigt, deu Namen Gottes zu preisen und vor Seinem heiligen Throne Perzcihung unserer Schuld zu erlangen. Alles Irdische ist vcrgcncn, verscheucht jede Sorge, gcunocri jedes Leid. Kein irdisches Gelüsten kömmt in unfern Sinn, und unsere einzige Freude ist, daß wir uns unscrm Gotte nahe fühlen. Da verschwinden die Stunden so schnell und ehe wir uns dessen verfehca, vergolden die letzten Strahlen der untcrgchenden Sonne die Gipfel der Bäume, und das Schlußgebet beginnt. 26er den Persöhnungstag so verbringt, für den ist cs in der That ein Tag der Rückkehr zu Gort, ein Tag der Reue und der Sühne, ein Tag der Kräftigung und der Liebe zu Gott. Kann cs einen größeren Frcudenlag geben als denjenigen, an welchem uns unsere Schuld erlassen wird, und so berichten auch unsere Weisen, daß, als unsere Pärer noch irn heiligen Lande wohnten, der Bcrsöhnnugsrag als das größte Freudenfest gcfeiett wurde. Um welch himmlischen Genuß bringen sich doch die Leute, die am PcrsöhnnngStage sich langweilen. die Gebete gedankenlos hersprechcn, sich mir ihren Nachbarn unterhalten oder gar die Synagoge zeitweise Verlagen, um den „langen Tag" ein wenig zu kürzen; ihnen ist die festliche Weihe des erhabenen Tage« verborgen und verloren. Glücklich, wer ihn erkennt, wer ihn nützt, wer an ihm mit schrncrzdnrchwühltcm Herzen seine Sünden bereut und die Fehler seines Charakters abznlcgen bemüht ist; glücklich, wer an ihm mit wonncdurchglühlcm Herzen die Alcberzeugnng gewinnt, daß der ollbarmherzigc Gott verziehen hat! Mögen wir Alle in wahrhafter Reue, in unendlicher Liebe zu unserrni Pater im Himmel zu» rückkehren, auf daß Er uns besiegele im Buche deS Lebens. — Zeitungsnachrichten und (Korrespondenzen. Deutschland. Berlin, 23. September/ Der Thcilhaber eine« nach allen Regeln der Kunst betriebenen Schnorrer-Geschäft« stand gestern in der Person des früh-