Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 28 (1887)
- Issue
- Heft 28-29 (7.4.1887)
- Date
- 1887-04-07
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
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iigcii Blick gezeitigt Ijabcn? Und die Herbergen, die am Wege liegend Ich weis; von einer, da sichen in der Nähe drei Gräbcrzcichen, dort har man eines Morgens drei Leichname gefunden. Wer mag's gclhan habend Tie in der Kretfchmc (Herberge) wincns, fiöficri der Bolksmund. Meine (Gedanken baden mich Rcb Hirsch» Antwort überhören lassen. „Ganz allein seid Ihr gekommenV" wiederholte ich. „Ich Habs ja dem Herrn schon gesagt, ja, allein. Ich hatte sogar einen groben Schreck, nicht weil von hier. Ich sch' auf einmal etwas Glühendes und denk' nicht anders, als das sind die Augen von einem Wolf. In meiner Angst sag' ich rasch aru, atu, atn, damit vertreibt man den Wolf, der einen ansällr, da krieg' ich einen StoB vor die Brnsl und war' beinah' unter einem Baucrnwagcn gelegen und der Mm'chik (Lauer), der darin saß. steckte sich mit einem Zündholz die Pfeife an. Ta wußte ich, was geglüht haue, und lachte über die Wolfsaugen.- Wir lachten auch; vcrmnthlich war ihm die gruselige Geschichte gar nicht passirr, er erzählte sie uns tinr als „gleich Wertet- (gleiches Wort), um in seiner naiven Weise die Hasenherzen zn värodiren. „Aber sagt, guter I-rciind, wo kommt Ihr eigentlich her und was ist Eure Beschäftigung?" ftugich weiter. „Ich wohne, wie Ihr wisst, in der Stadl. Tie ganze Woche aber zieh' ich ans den Törsern umher und nähe Gewänder für die Popen, denn ich bin -Schneider, llnd die Popen konnnen auch zu mir in die Stadt, da führ' ich sie in die Tuchlädcn ans dem Markt, um 2h?tt zn kaufen: dafür bekomm' ich eine kleine Provision. Ich führ' ne inrmcr zun: Gabbc ci-o:) von Bcs-hamidrafch crrisn r.*2), Rcb Lender," wandte er sich mit schlauer Schmeichelei an den Hausherrn. ' „Tast Ihr aber noch so tüchtig arbeiten könnt, wundert mich. Ihr müsst doch schon recht all sein?" „Ihr meint alt, schwach?" lächelte Rcb Hirsch überlegen, „sehr her, ob's wahr ist." llnd Rcb Hirsch'sprang plövlich auf, schlug die Zipfel seines langen Blockes zurück, stemmte die Hände auf die Hüsten und, eine jener wilden, packenden und erregenden Weisen seines Landes anstimmcnd, begann er die Inste stampfend im Takte zn bewegen. Auf einen Wink des Hausherrn eilten die Ticncr herein und, im Halbkreise ausgestellt, setzten sic die Melodie fort und klatschten dazu in die Hände, „Lcwedickcr, lcwedickcr" (lebendiger-, rief der Greis — und immer feuriger und eindringlicher ertönte der Gesang, immer kräftiger und häufiger schlugen die Hände zusammen, berauscht, verzückt, kürzer, hastiger, leidenschaftlicher drehte sich der Alte, bog die Mnicc ein. wrang rückwärts und vorwärts, stieß immer heftiger die hohen stiefeln auf den Boden, sein Auge glühte, seine Arme hoben, senkten sich, breiteten sich aus, fielen schlaff herab. Ein lauggezogener, tiefer Ton, der den Sängern schier den Athcm versetzte, dann ein hoher, mit der letzten Kraft hcrvorgcnoßcn, kürz und scharf abgebrochen — und Rcb Hirsch stand ruhig lächelnd vor mir, der ich ungläubig, wie von einem Traume befangen, ihn austarrte. Ter Großvater hatte seine Kosazka zu Ende getanzt. „Seht." sagte er, „ich kann» noch,ich bab'noch Kraft," und er setzte sich. „Ader so sagt doch endlich, wie alt Ihr seid?- frug ich langsam erwachend. „Einimdachrzig Jahre," lautete die verblüffende Amwort. „Und Eure Iran?" Noch verblüffender. „Sie ist neunzehn Jahre." Ich sast^mit offenem Munde da. ..Sie uiuiicii wissen," erläuterte mir der Hausherr, „daß das die zweite Frau ist. die erste ist gestorben." „Sie rst vor einigen Jahren gestorben," bestätigte Rcb Hirsch. „Wir waren zu Gutem sechzig Jahre verhcirathct, da starb sie. Eine Zeirlang versuchte ich's allein und Hab' mir selbst mein Hemd im Bad am Ende der Stadt — Ihr kcnnl'S, Red Sender — gewaschen. TaS konnte aber so nicht länger bleiben und da Hab' ich ein ander Weib genommen." „Und es gehl Euch gut mitsammen?" Meine Neugier war nicht so leicht zu befriedigen. „9!ii, mcr levpt," erwiderte der unermüdliche Rcb Hirsch, der iiirtcrdcnen unzählige Glas Tbce trank und den Boden als sein bequemes Lchnupfmch betrachtete. „Mcr lcpvr rcsp. man lebt," bemerkte auf meinen fragenden Blick der liebenswürdige Hausherr, „ist hierzulande die stehende Antwort auf das stereotvpc „wie gchr's". Wie eine hoffnungslose Resignation klingen die zwei verkrüppelten Worte, ich must dabei stets an den Ausspruch unsrer Weisen denken: gegen deinen Willen lebst du. All' die vielen Leiden und Bedrückungen, denen unsre armen Juden hier ausgesetzt sind, daß man sie zusammenzwängr und ciiipserchl, sic am freien Aufschwung uiid der Emfalrung ihrer Kräfte behindert, daß ihre Speise, ihre Wohnung und .Kleidung so unendlich elend und so unsäglich traurig ist, der ganze Jammer scheint in diesen beiden Worten auszutönen. Haben Sie schon einmal gesehen, wie ein Pflänzchen, auf daS der unergründliche Zufall einen Stein geworfen hat, sich mühsam darunter hcrvorarbcitct und dann besten aber verkrümmt in die Höhe steigt? Tas ist der von Gort cingegedenc Lcbensrrieb, der sich Bahn schaffen muß und nicht untcrgehen darf. So muß jeder einzelne unsrer Juden die ganz besonders harten Lcdingnngcn seines Daseins sich erkämpfen, um leben zu können, leben schlecht und recht, wie's eben gehn „mcr leppt."