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Der Israelit · 1887-04-07 · Heft 28-29 (7.4.1887) · page 27

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Journal
Der Israelit
Volume
28 (1887)
Issue
Heft 28-29 (7.4.1887)
Date
1887-04-07
Page
– (sequence 27)
Language
German
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523 „Zum großen Glücks schaltete ich ein, „Hallen >: ik Juden feil zu ihrem ft ritte und ihrer Religion, tac gibt Stahl in die Adern. Sonst, wer weiß, nie* um sie stünde." „Und dann har auch ihr Ungemach," fuhr der teMicrr eifrig fort, „ctroa-3 in ihnen reifen lasten, sic vor Verdüsterung behütet. Das ist ein .Junior, kcr allerdings oft zu bitterer Ironie und zu beißendem Lürkasmus wird, der aber, wie immer gcanet, die Lvuckt der Thatfachcn freundlich mildert. Ja, diese erdrückten Menschen können sogar ausgclaimi vergnügt sein und dann, wenn sie bei einer Ehasue hei einer Hochzeit — daS ist in ihrem Jargon irgend ein festliches Mahl — so reckt auö dem Losten geiw-ncu haben, dann greifen sie merkwürdiger Weise zu demselben Worte, von dem wir eben ent gcsprockcu Laden, und sagen: „gclcppt" (gelebt). Aber lächelnd und seufzend sagen sie auch, wcnn'S ihnen so recht üdcl geht und so recht armselig zuMuthe ist: „gclii'in“. Ihr Humor tu nun einmal ein Schalk, ücdrigens ist ja Neb Hirsch die beste Illustration zu dem, was ich Ihnen da erzähle. Sic hörten von idur, wie er arbeitet und lebt, faden, wie er tanzt, und dabei ist er einundacktzig Jahre alt." „(nnundachtzig Jahre" — ich rechnete rasch nach — also 1jso5_ geboren, da müßt Ihr ja etwas von Aavolcon wincu?" plante ich heraus. (yr sah mich groß an, drehte sich langsam zum Hausherrn und, mit dem Taumen über die Schulter üur mich weisend, frug er gedehnt: „Was will Der?" IÄ mußte mir diese despectirlicke Bitte um einen stommcntar^ zu meinem überstürzten Ausruf schon gerallen lauen, was wußte der Mann und was vermochte er von Napoleon zu mistend „Ter Herr meint, ob Ihr 'was erzählen könnt vom „zwölften Iohr"rang endlich der Hausherr seiner unbezähmbaren Lachlust ab, zu der ihn die gewaltige .Komik der Situation gereizt hatte. Tenn komisch genug mag'S wohl anzuschaucn gewesen sein, weine Sprungsertigkcit zum gierigen Verfällst,gen, ^er Himmel weiß welcher historischen Erlcbnme Neb Hirsch's neben Neb Hirsch's unerschütterlichem ftlcichmuth und wahrhaft orientalischem Sclbstgcsühl, mit denen er mir ftclcgcnheit bot, die ostenbar in der Lvrgc für die Lovcngardcrobe etwas vernachlässigte ^nopfcnltur aus seinem Rücken tadelnswertb zu sindcn: dcnn^da wo über seinen langgeschlivten Taschen in der Taille zwei wohlübcrzogcne.Kuövse hätten sipen sollen, saß nur einer, und der enthäutet, wenn ich w sagen darf. . ^Ah, vom zwölften Iohr," begriff jetzt Red -"usch, „wie die Franzosen hier waren, davon weiß ich war damals acht Jahre, ich weiß aber nur ^enig. sehr wenig." »Erzählt nur, Reb Hirsch," drängte ich ungeduldig, sollte sich doch endlich mein Wunsch erfüllen, persönliche Erinnerungen aus dem Munde eines Zeugen jener Tage zu vernehmen. War auch Red Hirsck damals eigentlich noch ein Kind, so sind aber die Kinder hier frühreif und von scharfer Auffassung. Und welch' einen unauslöschlichen Eindruck machen nicht außerdem besondere Ereignisse auf das Kindergemüth? Tahcr waren Red Hirsch» Mittheilungcn wohl vertrauenswürdig. „Ick war dabei," hob der Alte an, „und der Later selig hat mir's hundertmal wiederholt, da kann ich schon erzählen, wie Alles kam. Wir wohnten in einem Torfe, das fern lag von einer großen Stadt, wo man also nicht Höne, waS draußen in der Welt vorging. Als aber die Franzosen in's Land kamen, da drang auch die Kunde zu unS, und wir lebten in Angst und Schrecken vor der Zukunft. Roch hatte nichts unfern Frieden gestön, bis eines TagS die Nachricht zu uns traf: Kosaken kommen. Größe Furcht ergriff das ganze Dorf, denn wir hatten von russischen Soldaten nichts Gutes zu erwarten, waren doch unsere Herren, die Edelleute, Polen. Alle packten hastig ihre Habscligkeiten zusammen und nach wenigen Stunden bewegte sich ein langer Zug von Männern, Frauen und Kindern, Juden und Ehristen, zum Torfe hinaus. Keine Seele blieb zurück. Wir flüchteten uns in einen nahegelegcncn, dichten Wald, cS war glücklicher Weise im Hochsommer. Bald kamen auch die Edcllcutc aus der nächsten Umgebung zu uns, sie trugen Bauerukleidcr, um nickt erkannt zu werden, denn ihnen drohte die größte Gefahr. Auf den Edclhöfcn hatten sie stattliche Leibeigene zurückgclasten und sie wie Edcucute gekleidet, sie sollten die Kosaken dorr empfangen. So verharrten wir in banger Erwartung. Tie Morgenstunden des traurigen neunten Ab waren bcraufgckommen. Wir saßen aus Haufen dürrer Blätter, aus verdorrtem Gehölz, daS den WaldcSbodcn bedeckte, und saugen und weinten die .Klagelieder. Heiße Thräncn flopen, und ich — ich war ja noch ein Kind — aber ich verging vor Schmerz, ich wußte gewiß nicht warum. Plötzlich — Pferdcgctrampel. Jeder Laut verstummte, angstvoll blickte ich aus meinen erbleichenden Later, drückte utich an die zitternde Mutter. ES kam näher und näher. Und jcvt — Zweige knarrten, ich hörte, wie cs an Aestcn vorbeisirciftc, unter den Pfcrdehufen knirschte und krachte, lautes Gcwieher, wilde Zurufe und da standen aus einmal hinter uns, vor uns, auf allen Seiten Kosaken und immer neue drängten sich durchs Gestrüpp auf die Blöße. „So haben wir Euch doch gesunden," hohnlachte der Anführer, „wo sind die Edelleute, gebt sie heraus," schrie er dann. Wie wir später erfuhren, waren die Kosaken

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