Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 28 (1887)
- Issue
- Heft 23 (21.3.1887)
- Date
- 1887-03-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2446951-2449697-2449721--26123-2515912- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
412 Grundsatz des Ausschlusses jeder religiösen Tendenz. Tas klingt ja schön und bestechend genug; aber ich werde beweisen, daß damit eigentlich der Ausschluß der Religion überhaupt verstanden ist. Wenn obiger Grundsatz dazu dienen soll können, den Orthodoxen jedes Bedenken gegen ihren Beitritt fern zu halten, indem es ihnen die Garantie leistet, daß ihre Mit« brüdrrschafl stc innerhalb der Loge nie in (ronflickt mit ihrer religiösen Ucbcrzengung bringen wird, so kann eS doch nicht anders gedeutet werden, alS daß der Lrdcn mit obigen Worten das feste Versprechen leistet, bei allen seinen Acrioucn und Beschlüssen den dissentircnden Glaubensrichtnngen aller seiner Mitgliedcr Rechnung zu tragen, so daß Niemand auch nur den geringsten Grund haben wird, an ihnen religiösen Anstoß zu nehmen. Rechtfertigt aber der Lrdcn in seiner Praxis diese wahrhaft edle und lieberalc Auffassung des obigen Grundsatzes? Mir ist ein Fall bekannt, daß eure Loge in den „neun Tagen" eine Belustigung veranstaltete, was doch;*t '2 by ein r,?; rz's ist; ein anderer, in welchem eine Loge ein Mahl bei einem jüdischen Wirth adhiclt, der eine prononcirt unjüdische Küche sühne; ein dritter, der mir von einem durchaus glaubwürdigen Mann verbürgt wurde, in welchem derselbe Augenzeuge eines von einem Funktionär der Loge im Logenrarun und in Angelegenheit der Loge begangenen groben per ^ti war. Alan ersieht also hieraus zur Genüge, daß der Lrdcn jenen La? nicht so aussaßt, als ob er alles vermeiden wollte, woran der eine oder der andere Bnldcr religiösen Anstoß nehmen könnte; wie dürste auch eine solche engherzige Kleingcistcrci von einem „Orden" verlangt werden, der aus jedem Rockärmcl ein ganzes Schock der volltönendsten Lchlagwörter moderner Welrauschannng schüttelt? Kanu ein aus solch' sonnenhobcr Zürne stehender „Lrdcn" noch ein Auge für die pedantische Kleinigkeitskrämerei orrhodorcr Glaubensrichtung besitzen? Und der Lrdcn selbst autwonct ja durch sein Berbalren mit entschiedenem lKein aus drr'c Frage. Was denn soll man also mir jenem vielbcrusencn Prinzip ansangen. wenn man cs nicht für eine inhaltslose Floskel nehmen will? Ich lese in einem Blatte, welches den Interessen des Lrdcns eine eigene Rubrick eingeräumt hak, folgende Auslassungen, über diesen Gegenstand: -„Tic Erlösung des Menschengeschlechts aus den Banden des B o r n r t h c i! s, TünkclS... persönlichen Empfindungen. »Es ist dort die Rede von dem „erhabenen Ziel" des Lrdcns.» Wir verfolgen keine besondere religiöse lllichumg, im Gcgcntherl unser Bestreben geht dahin alle guten Israeliten auf unserem neutralen Boden einander näher znzusühren. In unser« Tempeln fallen die Schranken der religiösen Glaubensrichtungen durch die orildcn Lrdenslehren etc." Hier ist klar und deutlich für einen jeden, der nicht geistig blind ist oder fein will, ausgesprochen, daß in den „Tempeln" des OrdenS nur eine parteilose, philosophische Naturrcligion anerkannt wird, deren Befestigung der Lrdcn für sein »erhabenstes Ziel" deklarirt. Wir fragen mm, welcher Iehudi rrS'N cp cbu 12b "en, dem die Orthodoxie nicht nur eine von den Verhältnissen aufgenöthigte Maske für sein in Wahrheit kalte?, gcnuß- und beaucmlichkeitssüchtiges Herz ist, wird es mit feinem Gewissen vereinbar finden» den Fuß über die Schwelle eines solchen Tempels zu setzen? Und wer wird da noch, wie cs der Berthcidigcr der Lrdcns in der bereits erwähnten Zuschrift thm. die Behauptung aufrecht halten wollen, daß der „Bund eben nur non r^’ci bezweckt" nichts anderes sein will „als ein Wohllhätigkcitsverein ... etc." Doch gestatten wir einem klassische» Zeugen, fich selbst über die Zwecke des Lrdcns und die Mittel, mit denen er dieselben erreichen will, auszusprechen, woraus am besten die Hinfälligkeit der Behauptung, als ob es dem Lrdcn ausschließlich um Humanität zn ihn» wäre, sich ergeben wird. Bor mir liegt die Anrede dcS Dr. E. Gutmam» aus Rcw-Arok, die derselbe zur Feier der Installirung der Germania-Loge zu Halle gehalten hat. Ich will aus derselben folgende Stelle hcrausgrcifcn: „So wirken »vir für das materielle Wohlsein unserer Mitbürger. Tabei »vird jedoch auch die geistige Ausbildung nicht übersehen. . . . Während des Winters werden für die Mitglieder des Ordens sowohl in den Logen-Localen. wie auch in größeren, zn öffentlichen Versammlungen bestimmten Räumen populäre Borträge gehalten, tbcils von wisscnschastlich gebildeten Männern, welche obgleich nicht zu uns gehörend, dem Lrden bereitwillig ihre Dienste leihen. Musikalisch-deklamatorische Unterhaltungen, sowie gesellige Bereinigungen im Sommer wie im Winter in Form von Picknics, Tanzkränzchen crc. fördern den Geist der Geselligkeit und wirken vortheil Haft ein auf Moral und Sitten". 15s »vird dann noch viel von der geistigen und moralischen Hebung der Brüder geredet, was wir uns aber begnügen, blos angedcutcl zn haben. Ta har man also die' Bcschccrung! Picknics. die nicht gerade koscher sein müssen (die Schranken jeder religiösen Richtung sind ja gefallen», Tanzkränzchen, die zu jeder beliebigen Zeit stattfindca können, geistige moralische Hebung u. s. w. War hat das alles mit icn zu thun? Ist viel-