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Der Israelit · 1887-03-17 · Heft 22 (17.3.1887) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
28 (1887)
Issue
Heft 22 (17.3.1887)
Date
1887-03-17
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Hude und Fortschrittler eines ist? Seit wann gilt cs als Dogma, daß der Jude stets gegen die Regierung slirrrmcn n:uß? Seit wann war das „Garn enger, einseitiger kurzsichtiger Politik" über unsere Glaubensgenossen ausgcspannt, seit wann ist daS „Netz so dick und so dicht geworden, daß ihnen jede Mlarlicit des Unheils und jede Freiheit der Meinung Han bedroht iii?" Und dieses Nev sollte Herr Prof, Lazarns durch seine „Thal", d. h. durch seine Untcrschrifl zerrissen haben? Das Netz zcrrinen, und wir sind gerettet! Hat ebendiese Thal nicht auch Professor Goldschmidt, nicht auch die Lrnchsalcr Iudenschan, Herr Gcrson von Bleichrödcr, die Frankfurter Rcligionsgcnosscnschaft begangen? Haben die Juden, nicht stets in allen politischen lagern gestanden, bat Meyer (Sari von Rothschild nicht im norddeutschen stlcichsrage der kliechten angchört, ist Laster nicht Führer der Nationallibcralcn gewesen, haben die Ricsscr und Beit und >losch picht auch der Jugend des Herrn Prof. Lazarus vorangelcuchrct? Haben in Süddentschland rächt von jeher Tausende von Glaubensgenossen itgicnmgssrcnndlich gewählt, oder meint Professor Lazarus, er» das lebte Mal in Folge seiner Unterschrift? Nein, eine laute Verwahrung mns; gegen die Iklsinnation eingelegt werden, das; Jude und Freisinn oder daß Jude und Nationallibcral oder das; Jude und konservativ indcntisch sind; und wer cs behauptet, der hat die (beschichte vergessen und das Denken verlernt. Allerdings haben sich unsere Feinde allmählich in die Unwahrheit verrannt, das; die Juden zu der Opposition .---uw gclrörten und diese Verleumdung suchten sie natürlich als Trumpf gegen unsere Bürgcrsrcihcil aus;nivielen, und wir selber haben vor etwa 14 Tagen die cllatauten regiernngsfrenndlichen Knndgcbnngen der Inden zusammengestcUt. um eben diese Pcrlcnmdung der Feinde „Lügen zu strafen." Prof. Lazarus begeht nun den vcrhängnißvoljcn Fehler» diese antisemitische Lüge als unanfechtbares Faktum zu acceptirc», er belrachtcl die Inden als schlankweg oppositionell und fordert sie in tönenden Sorten ans, die Fahne des Gegners zu verlassen und den Parteien der Mcducti sich zur Verfügung zu siellcu. Allerdings ist cs wahr, das; zahlreiche Glaubensgenossen der Linken angchört haben, nicht ober, weil sie als Inden sich dazu verpflichtet glaubten, nicht weil ihnen etwa am Sinai geboren worden wäre „Tu mußt freisinnig wählen, damit Tu lange lebest und es Dir wohlergeht auf (5rdcn", sondern weil sie einfach ihrer politischen llcberzcngnng folgten, genau wie die dcnn'chcn Christen» welche dem Tcntschsrcisinn angchörcn. (zinige wenige unserer Glaubensgenossen möge« auch avZ Erbitterung über daS passive Verhalten der deutschen StaatSregicnmg gegenüber der Rassenhetze in erregter Zeit ihre politische Stellung geändert haben und in das Lager derer, die ihre Freiheit mmhig verfochten, übcrgcgangcn fein. Und hatten sie etwa so sehr Unrecht? Mil welch' flammender Beredsamkeit hatte der ungarische Ministerpräsident TiSza die schmachvollen Anzeige der Glanbcnshctzer niedergeschlagen. und mit welch' vornehmer Kühle hatte Herr v. Stolbcrg im preußischen Parlament erklärt. daß die Regierung augenblicklich keine Veranlassung habe oder nicht daran denke, die Emancipaticm der Juden aufznhcben! Ungestraft durften die Stöcker, die Rnppel, die Hcnrici ihre Brandreden halten, während allein die Linke in den ersten Reihen der Vorkämpfer für das Recht und die Wahrheit stand! Ja, Prof. Lazarus hat Recht, „die Juden sind besonders dankbar» sehr dankbar," sic sind, wie Harles Dickens sagt, „daS dankbarste Volk der Grdc". Aber auch viel zu vernünftig sind sie. als daß sie diesem dankbaren Gefühle gegen die Männer de» Freisinns, welche für unsere Sache cintratcn, nicht weil cs die Sache dcrJuden, sondern die der Gleichheit und Freiheit war, ihre eventuellen Ucberzcngungen geopfert, nur dcßhalb allein der Regierung einen uubcugsame« Widerstand cntgcgengcstcllt hätten und noch dazu in rein politischen Fragen, die mit der Religion auch nicht den blassen Schein eines Zusammenhanges anfweiscu. Ter plötzliche Unmuch über die Indincrenz der Regierung verflog, ist ja Dulden und Leiden das Grbthci! unseres Staoimes, und diejenigen Glanbcnsgcnollen, die noch heule aus rein politischen Gründen in den Reihen der Gegner des gegenwärtiges Regimes stehen, denken, soweit ssc Im Besitze ihrer Bcrstandskräfte zu sein sich rühmen dürfen, auch nicht entfernt daran, als Juden oppositionell zu sein. Die Tendenz der Vrochüre fällt dem denkenden Leser sofort in die 2lngen: Der Verfasser will durch dieselbe dem Antisemitismus seine Kanipfeswaffc entwinden, als ob die Juden zur Opposition gehörten, aber der Gegenbeweis war ja schon vor dem (Erscheinen der Vrochüre mit der (5onsratirung der Thatsache geführt, das; weite jüdische Kreise unseres Vaterlandes für den Negicrungscandidaten gestimmt und cifrkgst gewirkt haben! Ter Vers, hom vielleicht scrucr durch seine Vrochüre, die Regierung zu einem vernichtenden Schlage gegen die Hctzbewegung zu veranlancn, doch diese Hoffnung erscheint vorläufig trügerisch und überflüssig, trügerisch, wenn man die Geschichte des letzten Jahrzehnts, überflüiiig, wcuu

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