Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 28 (1887)
- Issue
- Heft 22 (17.3.1887)
- Date
- 1887-03-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Pr. M. Lazarus vor acht Tagen im Verlage von LZaltber und Apolant hat erscheinen lassen, wie Hs Wort „an die deutschen Juden", welches in einer Woche schon drei Auflagen erlebt hat. Man qeht nicht fehl, wenn man von einer Literatur der Lazarusbrochürc spricht, denn schier .zahllos sind die in Blättern schon erschienenen Besprechungen der knapp 30 Seiten Oktavformat, und für die nächste Zeit dürste das Schristchcn auch kaum aus dem Vordergründe der Diskussion verschwinden. Und sonderbar, wir haben selten eine so unschuldige Brvchüre, selten eine so wenig aufregende Auseinandersetzung gelesen, der allgemeine Lärm bleibt uns ein Räthscl. Die Schrift des Herrn Prof. LazanrS ist im Großen und Ganzen überaus vortrefflich, nur einen bedauerlichen Fehler hat sie aufzrrrvriscn, und dieser Fehler ist ihr Erscheinen, ihre Eristeuz; mit einem Worte: die Brvchüre ist überflüssig! Prof. Lazarus hatte seinen Namen unter den consewariv-nationalliberalen Aufruf gesetzt, was einigen freisinnigen Blättern Anlaß zu allerhand ungerechtfertigten Bemerkungen gab, wir sagen ungerechtfertigt. denn jeder Staatsbürger hat nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, unabhängig vom Bekennmnse. den politischen Standpunkt zu vertreten, auf den ihn sein freier Wille, sein Gewissen Hinweis!. Daß der jüdische Staatsbürger als Jude auch nicht entfernt verpflichtet ist, sich irgend einer München Partei anzuschlicßcn, erschien aller Welt selbstverständlich und wird auch durch das Eintreten zahlreicher jüdischer kreise für die Kandidaten der Rechte bezeugt, wir erinnern nur an das regierungsfreundliche Wirken der Israeliten Bruchsals und der Häupter der strenggläubigen Genreindc Frankfurts. Wenn nun Herr Prof. Lazarus auf jene vereinzelten Kundgebungen hin sich veranlaßt sah, 'eine Unterschrift unter dem Aufruf in einer Brochürc zu begründen und zunächst nachznwciscn, daß der deutsche Jude von Glaubens wegen sich jeder polnischen Richtung anschließen darf, so rennt Profcpor Lazarus nur offene Thüreu ein, kein vcrüuftig denkender Mann hat jemals das Gcgcnrhcil behauptet. „Das Judcnthnm als solches treibt gar keine Politik", heißt cs in der Brvchüre; „nur zwei Punkte sind cs überhaupt, in denen cs Beziehung Zur Politik hat. Das Judcnthnm verlangt und mvarret vom Staate Freiheit seines Gottesdienstes, Frcrhrit der Rcligionsübuug überhaupt. Sodann gebietet das Judcntbuln rechtlich nach dem etwa lwo Jahre alten, überall anerkannten Ausspruch des Mar Samuel: Das Gesetz der Landesregierung, des Imperiums, ist Gesetz fiir die. Jude»; und es lehrt zugleich, „alles Regiment. das zu Recht besteht und das Recht vertritt, als eine Einsetzung, ja, als einen Abglanz Gottes anschen, das ist uie bestrittene Tradition." „Das Judenthum also ist ein religiöses, aber kein politisches Bekcnntuiß.* Wer wollte nicht freudig Wott für Wott unterzeichnen- Weiter! „Ist einer ein Bcrräther am Judenthum, wenn er ein Vertreter der Negierung ist? Ist einer, der den stampf gegen die Antisemiten geführt, fahnenflüchtig, wenn er in anderen, mit der Konfession auch entfernt nicht zusammenhängenden Fragen zur Fahne der Rationallibcralcn tritt? " Ein lautes Nein wird sicher diese rhetorischen Fragen beantworten. „Sind die Juden eine politische Partei? frag: Professor Lazarus. Muß jeder deutsche Jude, weil er ein Jude ist, zur Fortschrittspanci gehören? Muß jeder Jude, als Jude, gegen die Negierung, muß er gegen die rcichstrcnen Parteien stimmen?" Und der Fragesteller antwortet: „Ich sage nein! und dreimal nein!" Zwar können wir auch in diese Antwort des Herrn Prof. Lazarus cinsiimmen, doch leuchtet auS den letzten Sätzen die Behauptung unzweideutig hervor, daß „jeder Jude bisher der Fortschrittspartei angchörr hat, daß jeder Jude bisher gegen die Negierung, gegen die rcichstrcnen Parteien gestimmt hat", eine Behauptung, die noch prägnanter in den Worten ansgedrückt wird: „Es war die höchste Zeit; cs niußte nothwcn» big etwas geschehen, um die von Feind und Freund einmüthig gehegte Behauptung, daß Jude und Deulschsrcisinnig nothwendig eines ist; daß jeder Jude, alsJudc,zur Opposition gehören muß, durch eine Thal nicderzuschlagen. Daß jeder Jude durchaus und in jeder Frage mit dem Fonschritt und dem Eentrum und gegen die Regierung stimmen müsse, fing an als ein Dogma zu gelten, gegen welches zu denken und zu handeln politische Ketzerei und Verrath am Judenthum zugleich sei. Es war doppelt nöthig. diesen Dann endlich zu brechen, weil durch jene falsche Anmaßung zugleich die Freiheit der politischen Meinung. dieser Eckpfeiler aller liberalen Gesinnung in hohem Grade bedroht war. Diese Frccheit der polirischen Meinung wollte ich niir und den Juden wicocrgcben.... Tics Netz mußte zerrissen werden, und ich Hab cs zerrissen." Mir Verlaub, Herr Professor, hier beginnt der vcrhängnißvolle Jrrihum. Seit wann in aller Wett hat Feind und Freund eimnüthig behauptet, daß