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Der Israelit · 1887-03-10 · Heft 20 (10.3.1887) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
28 (1887)
Issue
Heft 20 (10.3.1887)
Date
1887-03-10
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Feuilleton. Wichaek. Erzählung von S. Lohn, Tcrfagrr von <?abrirl. (Fortsetzung.) Es bcstsud zwischen der Einwohnerschaft und den durchziehenden russischen Truppen eine sehr große Verschiedenheit der Meinung, welche jene allerdings in Gegenwart der Russen nichr auszusprcchen wagte. — Tic außcrordeurlichcn Erfolge, des bis damals noch unbesiegten Napoleon, die außerordentliche an's fabelhafte grenzende Raschheit seiner Bewegungen, ließen ihn dem Publikum als unüberwindlich erscheinen und cs wurde in Bürger- und Baucrnkreisen vielfach die Befürchtung ausgesprochen, gegen Napoleon sei jeder Widerstand vergeblich. Die Russe» aber waren anderer Meinung. Sie waren nämlich den Franzosen unter Napoleons persönlicher Führung noch nie gegcnübcraestandcn. und waren höchst nrrangenehmc Llriegsgefährten. Wenn die russischen Offiziere im Wcinhausc beisammen saßen, erklärten ne laut: sic wären andere Soldaten als die Oesterreicher, sic ließen sich nicht, wie diese von Napoleon schlagen, nicht wie Mack in Hirn gefangen nehmen. 3ic würden Napoleon aus Oesterreich und Deutschland hinauSjagcn und in kurzer Zeit ihren Einzug in Paris halten. Freilich später hatten sic Gelegenheil, die Erfolge der österreichischen Wasscn kennen und achten zu lernen. Seitdem cs bekannt geworden, daß Napoleon 'einen Bormarsch eingestellt, sich in einer Dcscnsiv- »cllung zwischen Brün» und Austerlitz concentrirte, herrschte bei den Nüssen auch die Ansicht, er wage cs nicht sic anzugrcifcn, er sei auch seiner Truppenzaht nach zu schwach dazu, er hoffe nur auf einen glücklichen Moment um ihnen unbehelligt entschlüpfen, nch geordnet zurückzichcn zu können; aber sic würden ihm hierzu nicht Zeit lassen, ihn, ohne die Ankunft der Erzherzoge Karl und Johann abznwartcn, unverzüglich angrcifcn und ihm in Mähren jenes Schicksal bereiten, das Mack durch ihn selbst in Ulm mähren, ihn und seine ganze Armee gefangen nehmen. DicW.cr Bürger wagten cs nicht den Russen v: widersprechen, sie hätten sich hierdurch zwecklos den größten Mißhandlungen ansgesept; aber wem cs nur irgend möglich war W. zu verlassen, Ihat dreso daß die Straßen des Städtchens menschcn- ^cr, dieses verödet war, ansgcstorbcn zu sein schien. "Uch die meisten Bewohner der W.er Judcngasse waren dem Beispiele ihrer christlichen Mitbürger gefolgt und waren in der Richtung der böhmischen Grenze geflüchtet. Es waren fast nur Greife, Kranke, die Personen, die zu deren Pflege unentbehrlich waren, endlich ganz Arme, welche nicht die MittÄ zur Flucht besaßen, zurückgeblieben. Unter den letztem befand sich auch Sara Brack. Diese hatte seit dem Tode ihre? DaterS und dem spurlosen Verschwinden ihres Verlobten, sieben Jahre ein ödes, frcude- und hoffnungsloses Leben geführt. Jedes Leben, jedes Dasein hat irgend ein Ziel, cs gibt kaum einen Menschen, der nicht auf dem Grunde seiner Seele doch einen Gedanken findet, der sein Herz erwämit, seinem Geiste holde Zukunftsbilder ausmalt, erfrischende Hoffnungen erweckt. Ter zu lebenslanger Kerkerhaft Vcmrtheilte kann sich doch mit der Hoffnung schmeicheln, durch irgend ein glückliches Ereigniß begnadigt zu werden, in den Schoos; seiner Familie zurückzukehren; kann sich in seiner Phantasie den Moment dcS Wiedersehens, den Moment, wo ihm sein Weib an die Brust fliegt, die Kinder vor Jubel weinend?, seine Knie umfassen, ihm die Hände küssen, — so farbenreich als nur denkbar ausmale»; — auch in dem Leben des scheinbar Unglücklichsten kann ein Ereignis; cintrercn, das ihn beglücken, ihn — so glaubt er in dem Hadschiransche eines bcthörtcn Menschenherzcns — all das Unglück seines Lebens vergessen machen kann; aber in Saras Leben gab cS keinen Gedanken, der sic beglücken konnte, ihr irdisches Leben — und das drciuudzwanzigjährigc blühende, kräftige Mädchen hatte voraussichtlich noch eine lange Lebensbahn vor sich — erschien ihr dunkel! Sie hatte ihren Vater, ihren Verlobten an einem Tage im Verlause weniger Stunden verloren — sie konnte aus dieser Welt nicht mehr glücklich werden! — Tic Bitterkeit, welche sie in dem Momente empfand, als ihr Ehaune die Schreckensbotschaft mitgcthcill, hatte sich in den langen, bangen sieben Jahren nicht im Allergeringsten vermindert. Das nochnicht siebzehnjährige Mädchen war, als cs den Tod seiner Lieben erfahren, lebensmüde geworden, leben» nr ü d e! für einen jungen Menschen ein Gefühl von furchtbarer Gräßlichkeit, und dieses ncrvcnzcrrüttende, seckcnzerstörcnde Gefühl harte stets an Intensität zugenomwen, und hatte sich durch verschärfende Umstände im Laufe der Jahre zu vollem Lebcusekel gesteigert. Wir haben cs schon 'gesagt, Sara war nach dem Ableben ihres Vaters längere Zeit von Bewerbern umschwämit worden , welche die reizende, wunderbar schöne, herrliche Jungsren als Gattin in ihr Haus führen wollten, und sie hatte alle, im übcnönendcn Schmerze vielleicht schärfer zurück-

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