Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 28 (1887)
- Issue
- Heft 14 (17.2.1887)
- Date
- 1887-02-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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231 rings umher schweifte, um vielleicht ein Thier zu finden, das er zerfleischen könnte. Gegen Abend traf der Löwe, welcher Kharauakhara, d. h. der scharfe Klauen Habende hieß, (vcrgl. Panlschatantra, Editio Fritze S. 280) eine große Höhle, und dort ging er hinein, indem er dachte: „Sicher wird irgend ein Thier in diese Höhle kommen, und dann will ich cs im Finstern überfallen und verspeisen." Gr legte sich also in den Himcrhalt; da kam der Schakal an. Toch der sah die Spur des Löwen sehr wohl und als gar dieser aus vollem Halse zu brüllen ansing, da erkannte der Schakal die List und klug ging er von dannen. Tic Erzählung schließt mit den Worten, die wir als Motto an die Spike dieser feilen gesetzt haben. Gar seltsam wurden wir an diese indische Thicrfabcl angesichts der neuesten fabelhaften Glanzleistungen des Göttinger llniversitätsprofcnors Paul de Lagarde, gemahnt. Herr Lagarde ist einer der eigenartigsten Eharaktcre der deutschen Gelchrtcnwelt. Nachdem Lagarde eine lange Reihe von Jahren hindurch am hiesigen französischen Gymnasium docirt, wurde er nach Götringcn berufen, wo er, der mit einem unleugbar reichem Wissen ausgcstattetc Professor, nicht nur bald zum ordentlichen Scmrtistcn, sondern auch zum außerordentlichen Antisemiten avancirtc. Mit dieser Tugend verband sich ein beispielloser Egoismus und eine fast rührende Äcnschenverachtuug: allweisc sitzt er über Kirche und Staat zu Gericht, selbstbewußt diclirt er dem Fürsten Bismark die zukünftige Politik, schonungslos bricht er über die vortrcsilichstcn Männer der Wissenschaft den Stab, mit Spott und Hohn schreibt er über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, und seiner Feder, die zweifelsohne mit GallapfcHime gettäukt ist. entsteigen erbitterte Anklagen gegen die verderbte Welt und alles, was sie füllet. Tiefe interessanten Eigenthümlichleiten eines deutschen Gelehrten aber hätten uns noch immer nicht veranlaßt, ihn zum Thema unserer Heurigen. Eorrespondenz zu machen, wenn Herr Lagarde sich nicht bcuiüßigt gefühlt hätte, in seinen letzten Arbeiten Juden und Iudeurhum mit einem Fanatismus anzugrcifcn, denen Abwehr uns als eine Pflicht der Ehre und des Gewissens erscheint. Zunächst schrieb er eine Schrift „Lippmann Zunz und seine Verehrer", in der er neben den heftigsten antisemitischen Ausfällen, eine Reihe jüdischer Gelehrter zu vernichten unternimmt: diesem Pamphlete folgte in dcrn Göttinger Gelehrrcnanzeiger eine Kritik" des Targum LnkcloS von 1)r. A. Berliner, die ebenfalls von llcirilichcn Gcbämgkeiten durchsetzt ist, und. diese beiden Leistungen krönt die zweite Austage reiner „Deutschen Schriften", die den seltsamen Ebarakter des'Herrn Lagarde in den prächtigsten Farben wicderspicgtln. So lange Herr .Lagarde Personen angriss und verunglimpfte, schwieg man das Schweigen der Verachtung und man tröstete sich mit den Worten des Herrn Prof. Weber: „In der That thnn die, welche Lagarde überhaupt noch antworten, ihm damit immerhin noch eine Ehre an, die er gar nicht verdient" — die Schmähungen eines Lagarde, was lag daran! Hier aber war die Ehre eines großen Gelchrtcnkrciscs geschmäht worden, hier war der judenfcnrdlichc Hetzstoff vom curulischcn Stuhle eines ordentlichen Professors mit maßloser Kühnheit in die Massen geworfen, hier leuchtete das Princip klar durch, Juden und IudcniDimi um jeden Preis hcrabzusctzen und zu verhöhnen, und da wäre Schweigen sträflich gewesen, Bcrrath an der gemeinsamen Sache, Preisgebung der jüdischen Solidarität, vr. Adolf Berliner war der erste, der den Manncsmuth besaß, für die gebeugte Wahrheit in die Schranken zu treten und in einer Brochüre *) das Treiben des Herrn Lagarde mir der Fackel dcS Rechtes zu beleuchten, und gerade dieser Umstand verleiht der- Schrift eine besondere Bedeutung und sichert dem Verfasser die nngctheille Anerkennung und die innigen Sympathien weitester Kreise. - In kurzen Strichen wollen wir hier das Bild de Lagardcs zeichnen und die einzelnen Züge in seinem eigenen Lichte hervorttctcn lassen; als Gelehrten, als Sprachlünstlcr, als Menschen, als Deutschen und als Judenfeind werden wir in gedrängter Kürze ihn kennen lernen, und das Endurcheil mag der Leser selber sich bilden. 1) Lagarde als Gelehrter. - Von der crtcrncn Gelehrsamkeit LagardcS reden wir hier nicht, zumal sic von keiner Seitc angczweiielt wurde. Seine wincnschafrliche Angriffe auf Berliners Targum aber beruhen, wenn man sie des geistreichen Witzes entkleidet, fast durchweg auf Unwissenheit oder absichtlicher Verdrehung; wir wollen die Leser nicht mit diesen rein wissenschaftlichen Sächelchen ermüden; es genügt, zu constatiren, daß Dr. Berliner in seiner Brochüre alle jene Angriffe glänzend zurückschlägt: daß Herr Lagarde aber auch von der Hagada und den hebräischen Dichtungen nichts verstehe, glaubt Prof. Kaufmann in Pest in einer demnächst erscheinenden Schrift ihm gründlich Nachweisen zu können. •) Pros»sior Pont de Lagarde. nach Rarnr ge;eichner. von I'r. $. Berliner. Lerlag von Ixlin» Lenzian. 1867. Preis 75 Pf. .