Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 28 (1887)
- Issue
- Heft 13 (14.2.1887)
- Date
- 1887-02-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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nicht im Stande einen glaubhaften Zeugen zu erbringen. daß er nur einen Akt geborener Rolhwchr ausgcübt! Tie ver-schiedenartigsten Gefühle zerrten unbarmherzig an seiner Lccle, jedes einzelne stark genug die höchste Qual zu bereiten. Trauer um den zweiten Vater, den edlen WolMätcr. der ihm plötzlich entrissen, in de« Worte« wahrster, ureigenster Bedeutung au gebrochenem Herzen gestorben; — unschilderbare Augst um Lara ... . Wenn auch sie stürbe, wenn sie ihn, den Verlassenen, den Vereinsamten, der keinen Menschen aus der weiten Welt sein nannte, allein, ganz allein zurückließc! .... Und doch fühlte er sich so unglücklich, daß der schreckliche Gedanke, Lara werde ihn», während er im werter lag, entschweben, noch als ein Labsal gegen den noch entsetzlicheren erschien, daß Lara, allein, verlästert den Verfolgungen eines nichtswürdigen, woKÜnstigen Buben ansgesevr, lebend Zurückbleiben sollte'. — Und, wenn es ihm nicht gelang, seine Lchuldlostgkeit nachznweisen, wenn sic ihn zu einem schimpflichen Tode, oder zu lebenslanger Kerkerhaft vernrrheilien, was mußte dann Lara's Herz ertragend Und — Michael Klein war ein edler Mensch, aber er war ja doch nur ein Mensch; -- auch das schmerzte und dcmüthigle ihn» mehr als cs Mcnschcmvort zu schildern vermag, daß Lorenz Golzingcr über ihn trinmphircu, daß der Böse siegen, der Gerechte unterliegen sollte, und — der Gedanke erschütterte seine Lccle — wie konnte der starke und gerechte Gott, der wunderbare Gott, dem sein Vater, seine Verlobte und er selbst, ihr volles Leben lang gedient ans voller Lccle und mit all ihrem Können und Vermögen, es gestatten, daß der Gerechte in die Hand des Frevlers falle! »Ah!" rief Michael endlich ans, »Gott, Tu bist Gott, und wir Brenschen vermögen Tich endlos Erhabenen nicht zu erfassen .... Tcm todrcn Pflegevater wirst Tu im Jenseits den höchsten Lohn verleihen. Und uns — Lara und mir?! . . . . Wenn Tu itnr willst, allmächtiger Wcltenlcnkcr, kannst Tu in einer Lcknndc Hilfe senden .... Lara kann genesen .... und ich? Ich bin zwar ein auf den Tod angcllagtcr Mann, aber sprich: es nicht schon der Talmud wunderschön ans? Affillo chercw chaddo mnnachas a! zaworau schel odom. al jimna azmo min horachamim, schencmar: hen jekatlnui lau ajachcl?"*) I) LZrnn auch schon das Kichvchvcrt auf dem Nacken eines Mrnickcn rnd:. soll er noch immer nickt die Hoi'inrng ca» Corres -?armbrr;iakcit aurgeben. wie es anck bristr (Zod '-'Lp. 13. B. I:»): Z0enn man mich auch lösrcn will, iollr ich nicht noch doiir« dürfen? ^^eiachorb tot. 10».) Bis zur Unbegreiflichkeit wunderbar, hatte sich Michaels plötzlich eine, dem höchsten Grade der Gongläubigkcil entstammende Hoffmmgsfeligkeit, bemächtigt, eine Helle Röche stieg in seinen bleichen Wangen auf, und er war von diesen tröstenden Gedanken so erfüllt, d»ß er cs nicht bemerkte» daß sich die schwere eiserne Thür kreischend in ihren Angeln drehte, daß der Kerkermeister Mostrich eine» Krug und einen Teller in der Hand, ciugctretcn. und erst aus feiner Gcdanrcnverfnnkcnhcit auftuhr, als er Mostrichs schwere Faust auf seiner Schulter fühlte. »Entschuldigt, Herr Michael Klein,- sprach dieser, »daß ich Euch . Eure spärliche Mahlzeit ss spät bringe; — aber ich ksnme nicht früher kommen, ich haue eine Abhaltung, eine Unterredung, die Euch betraf.- Mostrich hielt inue, offenbar erwartete er, der Gefangene würde ihn um deren Inhalt befragen; aber dieser sprach: »Aach Lpcisc fühle ich nicht das geringste Verlangen, und wäre ich auch noch so hungrig, würde ich doch nur dieses Brod genießen. Gekochte Lpeifc, die nicht nach dem Rimalgcfeke meiner Religion bereitet wurde, darf ich nicht genießen, dagegen wird mich cm Trunk Waffcr labcn.- - Michael verrichtete jene Bcnediklion, welche der Jude nach rabbinifcher Vorschrift vor dem Gcnuffc von Speis' und Trank zu verrichten hat und rüar dann einen tiefen Zug aus dem irdenen Krug. »Ihr müßt wohl meine letzten Worte überhört haben,- begann der Kerkermeister von Neuem, »ich habe Euch ja gesagt, ich hätte eine lange Unterredung gehabt, die Euch betras.- Michacl blickte überrascht, mißtrauisch auf und verharrte in seinem Schweigen. »Ihr habt gute Freunde, denen Euer traurig Schick'«! zu Herzen gehr.- Mostrich näherte sich dem Gefangenen und senkte seine Stimme zu einem leisen Flüstern herab. »Rüben Weiß, der reiche fürstlich Lichtenftem'sche Branntweinhauspächter in Reuhos, der Euch und tttire Schwester gestern Rächt vergeblich erwartete, ist, um sich über die Ursache Eurer Abhalmng zn erkundigen, heute Morgen hier angelangt, und hat mir Entsetzen erersahrcn, was in dieser Rachr auf der Straße nach Nienhof, was in Eures Pflegevaters Haufe Furchtbares vorgcfallen. Ich muß Rüben Weiß bewind dern; er bat in den wenigen Stunden feines Hierseins rasch einen klaren Einblick in Eure Verhälrnine erlangt, und har erfahren, daß Euch dar