Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 28 (1887)
- Issue
- Heft 9 (31.1.1887)
- Date
- 1887-01-31
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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147 Loschewer Pflegevater ist lechai ab*) eingcgangcn. Den kann kein Mensch, den kann nur der allmächtige Gott zum Leben erwecken .... Aber Sara athmet, ihr Busen hebt sich, sie lebt, sie ist krank, ich fürchte sehr krank, ihre Wangen beginnen sich io Ficbergluth zu röthcn .... Helft mir sie ins Bett bringen. Ich muß um die Kabromm*) und um den Doktor laufen .... zuerst um diesen, — die Andern können ja nicht helfen \“ Ehonne flog au« dem Zimmer so rasch als dies ihre zitternden Füße zulicßcn. Michael blieb wieder mit seinem todten Pflegevater, seiner kranken Lcrlobteu allein zurück. — Zu seinem tiefen Schmerze, zu seiner furchtbaren Angst um Sara's Leben, trat die wilde Wuth gegen den verruchten Schurken, gegen Lorenz Golzinger, der mittel- und unmittelbar, all das entsetzliche Unheil verschuldet, sein Lcbcnsglück vernichtet hatte. Gr stürzte zu Sara'« Bette, ergriff ihre fieberheiße Hand und rief wie sinnlos der Besinnungslosen zu: Sara, um Glottes Barmherzigkeit, stirb nichtdann sank er auf die Kuie, den Kopf in die Bettkiffcn cinbohrcnd, auch von der quälenden Furcht ersaßt, wahnsinnig zu werden, oder schon wahnsinnig geworden zu sein, nur sekundenlang sich der blitzartig austauchenden Hoffnung hingebend, zu ttäumcn, im nächsten Augenblicke aus eitlem gräßlichen Traume zu erwachen. Hätte er ruhig zu denken vermocht, hätte er vielleicht den furchtbarsten Trost der Unglücklichen gefunden — cs gehe ihm schon so schlecht, daß cs ihm schon nicht schlechter geben könne; — allein auch dieser traurige Trost wäre ihm nicht lange geblieben, das scheinbar Unmögliche sollte sich vollführen, er sollte noch unglücklicher, noch elender werden als er schon war. Plötzlich suhlte er sich an der Schulter gerüttelt, er fuhr wild empor, hinter ihm standen der Gerichtsdiener Hans SUaa«, ein Korporal und drei Dragoner mit gespannten Karabinern. , .Herr Michael Klein," sprach KlaaS, „ich muß Gmch verhaften. Folgt mir ohne Widerstand, er würde Euch ja doch nicht helfen. Der Herr Bürgernleister hat mir ein Piket Dragoner mitgcgeben." Einen Moment blickte Michael unverstchend in das Gesicht des Gerichtsdieners. „Was will man von mir? Was verlangt mm. von mir?" rief er. Hans Klaas kannte Michael von dessen Jugend au, und sein armer, alter, gichtkranker Barer hatte 2) In't «otge vctat. 3) Mitglied« der KeadigungSbruderschasr. in Bracks Hause viele Wohlthateu erfahre»; er bedauerte ihn um so mehr, als er erkannte, daß Aron Brack todt im Lehnstuhl, Sara angekleidet,-fieberkrank im Bette lag. „Wir müssen Euch, so leid es mir auch thut, dem Kriukinal einliefer»; der Bürgermeister hat'- befohlen." Michael fuhr sich mit der Hand über die hohe Stirn; seine Gedanken stoben wie glühende Funke» eines zerplatzenden Feuer werkskörper auseinander. „Weshalb, warum?" frug er endlich, sich auf seinen Knien halb aufrichtend. „Vielleicht sollte ich cs Euch nicht sagen, Herr Michael Klein, aber Ihr werdete ja ohnehin erfahren. Ter gnädige Herr Baron, der Lieutenant, unsere« gestrengen Herrn Bürgermeisters Sohn, hat zu Protokoll gegeben: Ihr hättet heute in der Nacht einen Menschen erschlagen. Ich war dabei, als der Herr Baron dem Gerichlsschrcibcr, den ich aus dem Schlafe wcckcu mußte, seine Anzeige in die Feder diktirte." Jetzt erhob sich Michael zu seiner vollen Höhe, der Gcrichlsdiener wich erschrocken einen Schritt zurück, als fürchte er, der gewaltige Mann wolle ihn zu Boden schmettern. .Michael strich sich mit der Hand über die hohe Stirn, dann sprach er mit entsetzlicher Ironie und Ruhe. „Klaas, richte Er dem gestrengen Herrn Bürgermeister meinen besten Empfchl aus; ich laß ihm höflichst sagen, wenn der Hallunke draußen auf der Landstraße todt ist, so ist ihm nur sein Recht geschehen. ich habe nur einen Akt gerechter Nothwehr ausgcübl, und bekenne mich als Urheber feines Tode«. Aber ich lass' ihn freundlichst bitten, mich noch ein Paar Tage zu Hause zu lassen. Durch das Verschulden seines Sohnes ist inein Pflegevater gestorben, meine Verlobte krank, vielleicht todtkrauk. Es kann kein vernünftiger Mensch von mir verlangen, daß ich die Leiche meines DaterS, meine sterbenskranke Braut allein lassen soll. Sobald mein Pflegevater begraben ist und ich wissen werde, ob Sara mir erhalten bleibt oder entrissen wird, werde ich mich — das schwöre ich bei dem lebendigen Gotte, — dem Gerichte stellen!- Der Führer der Patrouilll, der sich bisher iu .Sv Gespräch der Beiden nicht gemischt hatte, wandte sich jetzt an Klein und sprach: „Mein Lieutenant hat mir aufgctragen. Euch ins Gcfängniß zu führen; ich muß dem Befehle gehorchen. Geht gutwillig, jeder Widerstand wäre vergeblich. Wir haben den Auftrag Euch lebend oder todt ewzubringen."