Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 28 (1887)
- Issue
- Heft 6 (20.1.1887)
- Date
- 1887-01-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Ccftcrr.'Ungar. Monarchie. Wien, 11. Januar. An die Direktion der Znaimer Sparkasse gelangte am 14. Angnst lS8:i' ein von dem in Döbling bei Wien wohnbastcn Fabrikanten Marl Heinrich Unterzeichnete« Schreiben, welche« mit folgenden Worten begann: „An die jüdisch-liberale Tlrektion!" In diesem Schriftstücke wimmelt cö von gegen diese« Institut geschlenderten Injurien, von denen liier nur die Ausdrücke Niederträchtigkeit" und „moderne Raubritter" wicdcrgcgcbcn seien. Ter scitber verstorbene Bürgermeister von Znaim, Anton Iüngnickl, lvird darin besonder« der Feigheit geziehen.. Herr Heinrich sab sich zu diesem Briese deßhalb veranlaßt, weil die Sparkasse von ihm die „nugebührliche Forderung von 4i» fl. 20 kr." verlangte. Diese« mährische Insiitnr überreichte deßhalb gegen Heinrich die Ehrcnbeleidignngs-.stlagc, worüber heute beim Währiuger Bezirkegcrichte die Buhandlurig flanfand. Es war hi.bei durch den Znaimer Advokaten Tr. Heinrich Homma vertreten, während die Bcrrhcidignng de« Angeklagten Tr. Paltci führte. Rach Berlesnng mehrerer Zeugenaussagen beim Znaimer Bezirksgerichte ciüffiicte der Strafrichter Baron Drechsler da« Verhör. Richter: Jüdischliberale (5ligue! Ta« ist doch nicht Gepflogenheit so an eine Sparlane zu schreiben. — Angell.: Ta« ist doch keine so besondere Lache, dieser Aufdruck. — Richter: Sind die Juden Herren bei der dortigen Sparkasse? — Angekl.: Ich habe diesen Aufdruck deßhalb gebraucht, lvcil der ehemalige Adgeordncte von Znaim, Sradlrath Fach«, dieser Partei angehörre. — Richter: Mir klrrrgeu die Namen der Znaimer Tirekrions-Milglicdcr nicht semitisch. Ucbrigcns in mir^ eine jüdisch-liberale Partei ganz neu. Versuchten Sie diese Bezeichnungen deßhalb, weil der Jude immer eine gewißc liberale Anschauung verfolgt, weil er sonst nicht an die Oberfläche kommen-würdet Was glauben Sic eigentlich, was ein jüdisch-liberaler Bleinch für eine Anschauung hat? — Angekl.: Insbesondere mir Rücksicht auf die Begebenheiten von 187:; habe ich mich so ausgedrückt. Ter Angeklagte bekennt sich sodann als Aruisemil, waS den Nichrcr zu folgender Bemerkung veranlaßt: lieber eine „christlich-konservative" Direktion würde sich Niemand arrshalren, aber mir Nücksichr aus den Schreiber dieses Briefe« liegt in den Worten „jüdisch-liberal" eine Beleidigung, ein Svoii. — Bezüglich der incriminirtcn Ausdrücke „Niederträchtigkeit, Feigheit und moderne Raubritter" erklärt der- Angeklagte, daß cr wegen der rückständigen Forderung crequirt wurde und damit nur eine nngcrechtscrrigte Forderung djaröftcrifircii wollte. — Richter: Ta« ist aber ein starker Ausdruck, wenn man bedenkt, daß die früheren Raubritter mit Mord und Brand gcwrNmchamr haben. Sir reden ferner per „Euch". Tutzen Sie sich mit den Herren in Znaim? — Angekl.: Nein, aber das ist ja Gefchäftsstvl. — Richter: Aber auf mich macht es den Eindruck, als ob Sie damit eine Geringschätzung zeigen wollten. — Angekl.: Aufrichtig gesagt, weil ich den Inngnickl verachtet habe, habe ich ihn mit „Tu" angesprochen. — Richter: Wenn Sie den Inngnickl gemeint haben, warum haben Sie dann an die Tirektion geschrieben? — Angrkl.: Inngnickl war Tirektor, und ich war der Ansicht, daß er den Brief öffnet. — Der Anwalt der Znaimer Sparkasse, Tr. Homma, dcponrrt, das; dieie Differenz aus einem Hausankanfe entstanden fei. Heinrich habe auf diese« Har«« ein Darlehen von 2S,ooo ff. ausgenommen, sei aber ein äußerst saumseliger Zahler gewesen. Tie ganze Ammositat de« Angeklagten gegen die Sparkapc rühre daher, weil letztere eine Zinssainon verlangte und Heinrich dieselbe verweigerte. Ter Betrag von 49 fl. ergebe sich ans den Verrechnungen der Sparkasse. — Sodann gibt der Angeklagte eine Darstellung des Vergehen« seiten» der Znaimer Sparkasse gegen seine Person. Tr. Homma bemerkt in seinem Plaidoyer, daß die einzelnen Direktions-Mitglieder der Sparkasse durch den Brief de« Angeklagten verletzt wurden, und daß sie auch einzeln die Anklage erheben. Tiefer tflage schließe sich auch Tr. Homma in seiner Eigenschaft al« derzeitige« Direktion« - Mitglied, tbcnso die nach dem Gesetze hiezn berechtigte Wittwe Agnes Inngnickl au. Ter Verrheidiger Tr. Pattai fillirt al« Milderungsgrund die hochgradige Aufregung an, in welcher sich fein Elr'em durch daS Vorgehen der Sparkasse befunden habe. Ter Angeklagte wurde vom Richter Baron Drechsler zu einer Geldstrafe von 100 Gulden, eventuell einer Woche Arrests vcrurrhcilt. Wien, 18. Januar. Tie von der Antisemitenpartei kolporrirren Petitionen an den Reichsraih um ein Gesetz gegen die Einwanderung ausländischer Juden (nach Art der amerikanischen Antichiuesenbill) wurden von der Staatsanwaltschaft in Eilli (Steiermark) konfiszirt. Ta« Preisgericht Eilli bestätigte die Konfiskation, da die Petition geeignet sei, sowohl wider eine Religions-Genossenschaft. als auch gegen Einwohner eine« Staates überhaupt zn Parteiungen untereinander aufzureizen.