Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 28 (1887)
- Issue
- Heft 3 (10.1.1887)
- Date
- 1887-01-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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so gefügt gewesen, um jene Freude, die er UNS zugcdacht, in vollem Matze hcrbcizuführcn? Wie oft stöhnt unser Herz beklommen sum Allmächtigen empor: ,,o Gott den (5 iuen Wunsch erfülle mir, nur diesen Einen und ich bin der Gliicklichste unter der LonneV Und Gott hat nicht erhört. hat nicht erfüllt die Bitte, woran jene» Menschen Leligkcit so fest geknüpft war, und mürrisch steht er sich getäuscht in seine» Hoffnungen, so weit entfernt das Glück zu sehen, das er'so nah s-ch wähnte: er fügt sich in sein Schicksal, traurig zwar, doch fügt er sich. Hub dann nach einiger Zeit, wenn die Geschicke anders sich gestalten, da sicht er gar oft ein, wie gut cs war, daß es so kam, da dankt er 6jott, daß er die Bure nicht gewährte, an die er seines Glückes sicheren Erfolg verknüpfet glaubte, doch die sein größte« Unglück nach sich gezogen hätte. Ta sicht er ein, wie Gott cs damals gut gemeint, wenn er auch uromcntau sein Walten sich ein Unglück narnttc. Wer ha! dies im Leben noch nicht Mahren? Wir Menschen, die wir den kurzsichtigen Blick nur aus unsre nächste Nähe richten können, die wir den dunklen Schleier nnsrcr Zukunft nicht zu lüften im Stande sind, wir Menschen verstehen nicht sofort die Thatcu Gottes, wir begreifen nicht, daß jedes Werk von seiner Hand auf sein Geheiß gleich einen» Hebelroerk ein andres in Bewegung fetzt, so daß das Ganze ein Vollkommenes bietet, wenn auch die einzelnen Thcile in ganz entgegengesetzter Richtung wirken. Darum beten wir auch zu Gott: h? 2« cn-o wty 'n cm C'J2 „Wie ein Vater sich über seine Binder erbarmt, so erbarme Dich, Gott, über uns." Sollten wir nicht victmchr, wenn wir Gottes Barmherzigkeit mit menschlicher Barmherzigkeit vergleichen, sollten wir da nicht vicliuchr die Barmherzigkeit der Mutter jener an die Seite stellen? Gibt cs denn ein gefühlvolleres Herz für die Kinder als das Muttcrberz? Kann des Vaters Liebe für die Kinder, und sei sic noch so glühend, noch so innig, kann sic der Liebe einer Mutter glcichkommen? Aber gerade darin unterscheiden sich beide. Inniger ist wohl der Mutter Liebe, doch gar oft auch schädlich, unheilbringend: das weiche Muttcrherz kann keinen Wunsch des Kindes leicht versagen, sie bringt, was cs verlangt, erfüllt, was cs gewünscht, sie kann, wie man im Leben sagt, ihr Kind nicht weinen hören. Wird denn, was aus der raschen Erfüllung dcS unbesonnenen kindlichen Wunsches cnspringt, werden die Folgen dieser Gewährung denn auch für das Kind ersprießlich sein, wird nicht vielmehr ein Schaden draus erwachsen, wird „sic nicht der geistigen Entwickelung des Kindes hemmend in den Weg treten? So weit späht das milde Muttcrauge nicht; sie will ihr Kind nur momentan befriedigt wissen, ohne zu überlegen, was folgen kann, was folgen wird. Doch der Vater blickt mit ernsterem Auge auf die Zukunft, er läßt sich von Gefühlen nicht hinreißen, das zu erfüllen, was seines Kindes thöricht Herz begehrt, er fragt zuerst, er überlegt vorher, und glaubt er den Erfolg für feines Kindes Heil gesichert, dann erst gewährt er. Ist dcßhalb des Vaters Liebe geringer als die der Mutter? Gewiß nicht. Nein, weil dies die echte Liebe ist, die nicht den Augenblick, sondern die Zukunft des Kindes ins Auge saßt, darum ist seine Liebe höher zu schätzen, als die der Mutter. Und darum bitte» wir Gott: crro E’:2. Wie ein Vater sich über seine Kinder erbarmt, wie der Vater »ich! sofort des Kindes Bitte blindlings ihm erfüllt, sondern, was daraus entspringt, wohlweislich überlegt, so erfülle auch Du o, Gott, die Bitte, die wir, Dir cntgcgcnbringcn; erfülle sie nicht, lvcnn thöricht, sic für unser Hell einen Nachrhckl in sich birgt, erfülle sie, wenn Du mit ihr einen Segen für uns verknüpfet sichst. -an rnns Könnten wir von erhabenen» Standpunkt auS cininal Alles übersehen, körrntcn »vir uns einmal ins Jenseits versetzen und die Geschichte unscrcs ganzen Lebens dnrchblättern, wie würden wir dann staunend wahrnchmcn, daß so viele Stellen, die wir einst mit Thränen unsres Leids bcnctztcn. daß so viele schwarzen Punkte, die uns so u»a»:chmal unser Goltvcrtraucn wankend nrachlcn, daß sie cs grade waren, die uns den Weg zmn Glücke bahnten. Oft aber wird der Mensch inmitten seiner Thätigkcit vom irdischen Dasein abgerissen. oft ruft das'Schicksal dem Tahincilcndcn ein »'.»erwartetes „Halt" entgegen, fort muß er von diesem Leben, und unvollendet liegt sein Werk, das er begonnen^ Durch ein einfaches Glcichniß könnten wir. diesen Gedanken veranschaulichen. Ein Städter, der zmn ersten Male auf dem Lande sich aufhiclt, sah einen Bauer pftügcn und konnte nicht begreifen» daß der Bauer zlvccklos diesen glatten Boden durch das Eisen so verunstaltet, und als er gar noch bemerkte, daß dieser Bauer Körner in den Boden warf, da tabclic er bei sich das nutzlose Verschwenden des Getreides. Nach einiger Zeit kam der Städler wieder an jene Stelle und sah dort grüne Sprossen, fühlte sich nun schon befriedigt, denn er sah ein, daß diese grünen Sprossen der Zweck des ihm damals unverständlichen Pflügers waren. Doch wie ersraunte er, als er zum dritten Male hinkam