Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1887-01-03 · Heft 1 (3.1.1887) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
28 (1887)
Issue
Heft 1 (3.1.1887)
Date
1887-01-03
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/2446951-2449697-2449699--25642-2515409
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

7 das sind jene, die nur'reich sind an irdischen (tzlücksflüicni, doch arm sind an Alande, Liebe und Hoffnung. Doch bei Ihrer Excellcuz. der Gräfin Walewska, tritt der Ncichrhum an irdischen Gütern weit zurück gegen ihren Ncichthnm au Herzens- und Geistesgaben, gegen ihren innigen aufrichtigen Glaudcnscrfcr, gegen —* ..Genua, genug" unterbrach ihn die Gräfin lächeln-), „Hochwürdcn mnthcn meiner Bescheidenheit allzuviel zu. — Doch revenons h nos mour«n? — Sie mären also geneigt, über das betreuende Kind, rcspcctive über dessen Familie n. s. w. möglichst genaue Erkundigungen cinznziehcn?" „Mit unaussprechlicher Freude und größtem (yifcr mache ich mich sofort an« Werk," erwiderte der Priester sich erhebend, „und wann dürfte ich mir erlauben, die erlangten Informationen Erccllcnz zu übermitteln?" „Sobald es Ihnen gefällig ist, je eher, desto lieber." „Bis dat. qui cito dat. Ich cruhalte mich jedweder weiteren Lcnierkrmg. um der Bescheidenbeit Ihrer E-xcellcnz nicht zu nahe zu treten. Doch ich eile, mein Schcrslein zu dem hehren Werke bcizutragcn. Sobald ich mich genügend insormirt halte,' werde ich mir wiederum die Ehre geben." Er verneigte sich grüßend und enlscrnle sich. Tic Gräfin erwicderre mir freundlichem Kopfnicken die chrfurchtsvoUc Vcrncianng des stattlichen Priesters. Gräfin Walcwska war noch eine recht stattliche Erscheinung in der zweiten Hälfte der Vierziger. In ihrer Jugend war sie eine berühmte Schönheit gewesen. Sic hatte sich zicrnlick spät vermählt; ihr Gatte war ihr in jeder Beziehung ebenbürtig gewesen, doch nur wenige Jahre hatte ihre glückliche Ehe gewährt; bei einer Jagd stürzte Graf Walcwska. Sein jäher Tod traf sic im Taumel des Karnevals, und seit jener Zeit waren ihr die rauschenden Vergnügungen verhaßt. — Ter Verstorbene hatte in seinem Testament den Wunsch ausgesprochen, daß seine einzige Tochter in dem .... Kloster erzogen werde, und Gräfin Walcwska hielt sich verpflichtet dem Wunsche des Verblichenen nachzukommen, so schwer c« ihr auch werden mochte, unntinclbar nach dem Verlust des Gauen auch der Gegenwart ihres einzigen Kindes sich zu berauben. Sie suchte sich zu entschädigen, indem sic sich mit glühendem Eifer der Kirche und ihren Vcrttctcrn zuwandte. Es war in den Frühstundcn des folgenden Tages; Mizzi hatte eben den Morgenimbiß eingenommen, imd zärtlich lächelnd beobachtete Gräfin Walcwska, wie die gewandte Zunge ihres vierbeinigen Lieblings die letzten Milchreste aus der vergoldeten Porzcllanschüsscl aufleckte, als der eintretende Ticncr den hochwürdigen Herrn Pater Ausclmo meldete. „Er möge cintrctcn", erwicdcrte die Gräfin, und Diener und Kammerfrau entfernten sich, während Pater Anselmo mit tiefer Verneigung in das Zimmer trat. . „Ich habe die Ehre der gnädigen Gräfin einen gesegneten Morgen zu wünschen." „Guten Morgen, hochwürdiger Herr! Nun, was bringen Sie für Nachrichtens Ich-habe Sie bereits gestern erwartet: hat cs so schwer gehalten, über da« Kind Erkundigung einzuziehen?" „Es war allerdings nicht ganz so leicht, wie ich erwartet hatte." cntgegnete der Geistliche. In der Expedition des D .... k P .... y ward mir bedeutet, ich möchte mich am Abend in einer mir näher bezcichncten, ziemlich verrufenen Branntwcinschcnkc einfinden, dort werde mir die verlangte Anskuust crlhcilt werden. Ich war daher während des ganzen Tage« zur vollständigen Unthätigkeit in dieser Angelegenheit gezwungen. Zur bestimmten Stunde fand ich mich in der erwähnte Schenke ein. In einem Scircnstübchcn, das an das größere Sckmnklokal grenzt, ermattete mich eine noch ziemlich junge Frau. Sic stellte sich mir als Mutter, oder vielmehr als Sticsniuttcr de« betreffenden Kindes vor. Weinend erzählte sic, daß ihr Mann schon seit nahezu vier Monaten bettlägerig und vollständig hoffnungslos darniederliege. Obgleich sie sich ehedem ziemlich anständig ernährt, wären sie durch die langwierige Krankheit des Mannes in geschäftlicher Bcziclinng so sehr znrückgckommen, daß sie das Kind nicht zu sättigen vermöge. Aus inniger Liebe zu demselben habe sie sich entschlossen, dasselbe taufen zu 'allen, indeni sic mit Zuversicht hoffe, die künftigen Glaubensgenossen des Kindes würden sich desselben erfolgreicher annehmcn als seine gegenwärtigen." Gräfin Walcwska schüttelte mißbilligend das Haupt. „Das in auf eine Erprcllung abgesehen, nichts weiter. Tenn so wenig sympathisch mir die Juden auch sind, daß sic ihre >t ranken und Bedürftigen nicht hungern lauen, das ist bekannt. Wenn daher jene Frau ihr Gesuch um einen Taufpathen für das Kind dirrch die Lüge morivirt, daß dasselbe unter seinen Glanbcnsgcnoffcn darben niüffe, so beabsichtigt sic nichts anderes als ein möglichst reiches Parhengeschenk .zu erzielen und das Kind dann vermuthlich in seinem Unglauben auswachsen zu lassen."'

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.