Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 94 (2.12.1886)
- Date
- 1886-12-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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dem Muster der abendländischen Gemeinden umgestaltet werden mögen. Ihre Hanplstüke hat diese Partei in unserem jugendlichen Gcmeindenotar, der gleichfalls Sassun heißt und ein oder zwei Jahre die orientalische Akademie in Wien als externer Schüler besucht hat. Derselbe trat nun gleich nach seiner Heimkehr als gewaltiger Reformator in seiner Vaterstadt auf, und hinge es von ihm allein ab, so hätten wir gewiß schon mehrere Chortempel mit Gesang und türkischer oder arabischer Predigt, und alle unsere Chachamim 'und Gemeindemitglieder müßten in Frack und Elaquc und in Glacehandschuhen zum Gottesdienste erscheinen. Auch unsere Damenwelt hätte schon längst ihre arabische Tracht ablegen müssen, um sich nach den Pariser Mode- Journalen zu kleiden. Diese Partei suchte sich auch das Wohlwollen unserer' Regierung zu verschaffen, indem sie die türkische Sprache ans Kosten der arabischen bevorzugt und gegen Chacham C'lifcha '"2 die schwere Anklage erhebt, daß er als Richtkenner des Türkischen) das doch unsere Amtssprache ist, nicht einmal fähig dazu sei, mit den Behörden zu verkehren. Dagegen spreche ihr Candidat, Ehacham Sassun, das Türkische sehr geläufig und werde er so auch bei unseren Behörden eine persona gratissima feilt. Wie hoch nun die Wogen des Parteihasses hier gehen, kann man schon daraus ersehen, daß gegen Chacham Elischa, als er einst in der Nacht allein über die Straße ging, ein Tops geschleudert wurde, der ihn am Kopfe traf und nicht unerheblich verletzte. Dessen Vorschlag, beide Parteien mögen ihre Angelegenheit den p'u'? prsn (Großrabbiner in Jerusalem) oder dem Dbcrrabbiner in London, Dr. N. Adler ""2, zur Entscheidung und Schlichtung vorlegen, wurde von dessen Gegnern aufs Entschiedenste zurückgewieseu. Um es jedoch mit keiner dieser beiden Parteien zu verderben, hat die Regierung nun (5 hach am Elischa zwar seines Amtes enthoben, ohne dasselbe jedoch seinem Gegner Ehacham Sassun, zu übergeben, und so wird jetzt ein Dritter die Früchte dieser Zwistigkeiten einheimsen. Auch die Alliance Jsraelite, die hier einen großen Ginfluß besitzt, wollte cs mit keiner dieser beiden .Parteien verderben, und sie iüstruirte daher ihr hiesiges Lehrerpersonal dahin, sich von diesen Zwistigkeiten ferne zu halten , und nur auf ihre Beschäftigung und ihre Schüler zu sehen. — Der vergangene Sukkoth konnte hier nur wenig gefeiert werden. Nicht ^als ob unser genannter Gemeindenotar, Herr Sassun, uns strengstens verboten harre, in der Snkkah zu sitzen oder nach dem Lrlab und Eßrog zu greisen, denn so mächtig ist dieser vorwärtsstürmende Reformator noch nicht, aber wir mußten ins Feld ziehen gegen einen mächtigen Feind, der unsere Stadt belagerte und nufere Ernte ver- Nichten wollte^ Große Henschreckenschwärme waren nämlich vor sukkoth in dem Wcichbilde unserer Stadt erschienen und begannen nun alles Grüne auf Feld und Flur zu vernichten. Statt mit dem Lulab ill^die Synagoge mußten wir nun, so war es von Seite der Behörde angeordnet, mit Stöcken anfs Feld gehen und die kleinen Fresser daselbst myriadenweise vernichten. Erst am Abend konnten wir in die Synagoge gehen, um hernach in der Snkkah von den Strapazen des Tages auszuruhen. Einstweilen haben wir schon, Tank diesem grimmigen Feinde, eine große Theuerung bekommen, und ist der Preis des Brodes ums Doppelte gestiegen. Da gerade die kalte Jahreszeit, einen Winter mit Schnee und Eis, kennen wir hier nicht, vor der Thüre ist, so wird diese Theuerung von unseren Armen ungemein hart empfunden werden. Feuilleton. Michael. Erzählung von S. Kahn. Verfasser von Gabriel. (Fortsetzung.) Run trat auch der Bürgerschützenhanptmann, der reiche Seifensieder Daniel Auerbruck, vor. Es war dies ein Mann, der durch seinen höheren Bildungsgrad und seinen großen Reichthum eine hervorragende 'Stellung in dem Städtchen einnahm. Er war als Zweitgeborener von seinem Later, der gleichfalls ein reicher Seifensieder gewesen, ursprünglich znm geistlichen Stande bestimmt, allein da sein älterer Bruder, der das väterliche Geschäft übernehmen sollte, als Geselle starb, mußte er an seine Stelle treten. Da er durch einige Klassen des Gymnasiums gelaufen, blieb er sein ganzes Leben ans seine Gelehrsamkeit stolz, und prunkte namentlich vor Leuten, die dies nicht verstanden, mir lateinischen Phrasen, die er als ein kostbares Andenken ans seiner Knabenzeit ansbewahrt harre. Er war sehr ehrgeizig und konnte cs nie verschmerzen, daß er nicht Erzbischof, sondern nur Seifensieder geworden, und suchte sich stets in irgend einer Weise auszuzeichnen. Wäre er in einem Fnrstenpalaste geboren worden, wäre er gewiß das Prototyp eines Hocharistokratea geworden: allein da er ein Bürgerlicher, ein Handwerker war, spielte