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Der Israelit · 1886-12-02 · Heft 94 (2.12.1886) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
27 (1886)
Issue
Heft 94 (2.12.1886)
Date
1886-12-02
Page
– (sequence 7)
Language
German
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!f l/lfrljyjffUCMCT 1020 er sich häufig auf deu Volksfreund, und die französische Revolution und das von ihr proklamirte Princip der Gleichheit fand an ihm einen begeisterten Anhänger, allerdings nur in der einseitigen Richtung, daß er sich höher Stehenden gleichstellen wollte. Er war dem Bürgermeister, deu er um seinen Rang und sein Ansehen beneidete, spinnfeind. Trotz seiner zeitweiligen demokratischen Gesinnung, suchte er sich bei jeder Gelegenheit den höher» Ständen zu nähern, und die Aufnicrksamkeit der Behörden auf sich zu lenken. Er war auch Vater dreier mannbarer, mannessüchliger und tanzlustiger Töchter. Ehrgeiz und Väterliche vereint, drängten ihn dazu den Obersten und die Offiziere im Namen des Bürgerschützen-Corps, zu einem Balle, den er auf seine Kosten zu Ehren des angelangten Regimentes auf dem Schicßhause geben wollte, einzuladen. Der Oberst zwirbelte einen Augenblick heftig den Schnurrbart empor, dann antwortete er: „Schön Dank, lieber Mann .... Ich für meine Person tanz' nicht; — ob meine Herren Offiziere die Einladung anuchmen werden, weis; ich nicht, da muß Er sie Halter selber fragen, aber rathen kann ich Ihm nicht dazu; ich glaub' nämlich, daß Er mit Seiner unterthänigen Einladung nicht reussiren wird. Er kennt ja gewiß das alte Sprüchwort: Gleich und gleich gesellt sich gerne! Meine Herren Offiziere tanzen nur mit adeligen Damen, uichl wahr, Oberlieutenaut Graf Althcim?" wandte er sich an seinen Adjutanten, der „zu Befehl, ja" antwortete, „aber," fuhr der Oberst mit einem gnädigen Lächeln fort, „meine Unteroffiziere, lauter prächtige Kerls, die möchten Eure Mädel herumschwenken, daß nur so die Röcke fliegen möchten!" Der Schützenhauptmaun und Seifensieder wurde krebsroth vor Zorn, er war ein sehr reicher Mann, großer Reichthum verleiht bekanntlich große Kühnheit und er erwiderte sackgrob: „Wenn Sie unsere Einladung nicht anuchmen, können Sie sich auch Ihren Rath behalten, bis Sic darnach gefragt werden — und Herr Oberst merken. Sie sie sich's für ein anderes Mal, Ihr „Er" bin ich auch nicht." Jetzt stieg wieder die Zornesröthe in des Obersten Gesicht auf; aber bevor er noch etwas zu erwidern vermochte, hatte Auerbruck seiner Compagnie mir einer Stentorstimme kommandirr: „Habt acht! Schwenkt Euch rechts! Marsch!" und die Bürgerschützen marschirten durch einen Seitenweg — die Hauptstraße war von den Dragonern verlegt — nach der Stadt ab. Der Oberst rief dem Bürgerhauprmann, allerdings „Flegel" nach, aber dieser Kosename wurde von den Klängen der Schützcnmnsik in wohlthätiger Weise übertönt. Run kommandirte auch der Oberst „Regiment marsch!" Die Trompeter begannen von Neuem zu blasen, die Reitermasse setzte sich in Bewegung und die offizielle Empfangsfeierlichkeit war hiermit zu Emde. Es entstand nun unter dem Publikum eine lebhafte Bewegung. Tie Magistrats - Deputation, die Zünfte, die von den Lehrern geführte Schuljugend, folgte den Bürgerschützen auf dem Nebenwege zur Stadt. Die Zuschauer theilten sich. Diejenigen, welche sich für die Mitglieder der heimischen Bürgerwehr intercssirten, deren Frauen, Verwandten, Gesellen, Lehrbuben und einige andern Lokalpatrioten folgten den Schützen, die überwiegende Mehrzahl aber konnte sich an dem militärischen Schauspiele nicht satt sehen und schritt auf der Hauptstraße neben den Dragonern dem Stadtthore zu. Bürgermeister Golzinger wäre, um seinen Sohn länger im Gesichte zu behalten, gerne dem Regimente gefolgt, aber er konnte sich nicht gut von den Magistratsräthcn trennen, auch schien^ es seiner Würde abträglich, in dem geschmolzenen Schnee und Koth der Heerstraße, neben zerlumpten, baarfüßigen Gassenjungen einherzulaufen. Auf dem Ringplatze des Städtchens ließ der Oberst das Regiment vorbei defiliren, dann ritt jener Theil der Truppen, welcher in die Umgebung dkslocirt werden sollte, durch das zweite Thor ab, die in der Stadt unterzubringende Mannschaft empfing die Ouariicrbillets. Der Bürgermeister hatte zuerst beabsichtigt, den Obersten bei sich einzuquartiereu, aber bei näherem Bedenken befürchtete er, daß dessen Anwesenheit in seinem Hause seinem Sohn Lorenz unbequem werden könnte, und er hatte jenem die schönsten Zimmer des besten Gasthofes der Stadt „Zur mähr'- schcn Eiche," sich aber seinen Sohn anweisen lassen. Golzinger kam früher als sein Sohn zu Hanse cm. Er fand seine Frau in großer _ Aufregung. hatte von dem Fenster ihres Hauses, das Regiment vorbeimarschireu sehen und ihr war ebenso wie ihrem Galten zweifaches sehr unangenehm anfgefallrn. Lorenz sah äußerst schlecht aus, man konnte ihm seinen lüderlichen Lebenswandel vom Gesichte ablesen, und er hatte sowohl den Barer ^als die Mutter, trotzdem ihm diese heftig mit dem Taschentuche zugcwinkr und eine Trcibhausblunie zugeworfcn haue, mit einer nur unmerklichen Senkung des Degens begrüßt. Tie Bürgermeisterin war tief betrübt, sie sprach die Befürchmng aus, ihr Sohn führe ein zügelloses Leben und habe auch

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