Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 84 (28.10.1886)
- Date
- 1886-10-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2449600-2449678--25214-2515039- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
die llitterstützuttg der iüdischcn ackerbgilenden (Mo* nicii im Auge ijciltc, Tendenzen, zu bereu Verwirk* lichnng jeder für das heilige Land erglühende Israelit willkoinme» erscheine. miMe er „Freigeist ober strenggläubig" sein. Hierauf erflvilf De. Herzberg das Wort zu seinem cinstündigen Vortrage, dessen Thema die Beschreibung einer Reise bildcle, weiche der Redner vor sechs Jahren in Begleitung eines russischen Grafen im heiligen Lande von Jerusalem dis Jaffa gemacht hatte. In kurzen Striche,« zeichnete der Redner, welcher schon 9 Jahre in Palästina wohnt und daher mit den Verhältnissen des Landes eng vertraut ist, ein farbenreiches Bild von den Ortschaften, die er auf seiner Reise berührte, nnd von den Einwohnern derselben und ihren Verhaltnitten. Mit Revolvern bewaffnet brachen wir, erzählte der Redner, von Jerusalem auf, doch tritt der Revolver niemals in Aktion, weil in Palästina noch die Blutrache herrscht und man den Angreifer daher zu tobten fürchtet; erst jüngst wurde ein Kadi, der einen Mörder hatte hinrichten lassen, von des Mörders Verwandten in seinem Hause lebendig verbrannt, nnd seit jenem Tage hat trotz der vielen und scheußlichen Mordthatcn in Jerusalem keine einzige Hinrichtung stattgcfundeu. Rach einer Stunde kamen wir au den Baffa-Sumpf, in dessen Rahe die Eolonic Pcthach-Tikwah herrlich gedeiht. Stundenlang ritten wir weiter durch ödes, kahles Land, ohne einem menschlichen Wesen zu begegnen, soweit das Auge reicht, sieht cs nur Zeichen des Todes, zahllose Trümmerhaufen, mit Schutt bedeckte Hügel: der Fluch des Himmels scheint über dieser Flur zu lagern. Endlich kamen wir in ein arabisches Dörflein, die verarmten Einwohner eilten uns schon von wcitein entgegen und die nackten Araberkinder bettelten rastlos um den „Backschisch", das berüchtigte Trinkgeld. Jedes Dorf hat ein leeres Hans für die Fremden.^ Bewaffnet legten wir uns zu Bett, um Mitternacht hörten wir viele Schilpe, wir schauten nach unseren Revolvern und schliefen weiter. Am Morgen erzählten uns die Einwohner die Wunderniar, ein feindlicher Stamm hätte das Dorf überfallen, und ihr Heldenmuth allein hätte nufer Leben gerettet: wir lächelten über diese naive Erfindung und zahlten das „Trinkgeld." Die arabischen Wcibcr in den Dörfern gehen im Gegensatz zu den Städterinnen »«verhüllten Antlitzes einher und sie haben auch den Fremdling nicht zu fürchten, da sie grundhäßlich sind. In Sichern (h. Nablus) beginnt klassischer Boden. Die Stadt erscheint aus der Ferne in reizendem Gewände, hat aber Int Innern enge und unsaubere Gaffen. Bei Sichern liegt der in seiner Anlage großartige, aber jetzt verschüttete Jakobs« brunnen; eine reiche Engländerin erbot sich, den Brunnen ans eigene Kosten ansgrabcn zu lassen, ihr Anerbieten wurde jedoch von der türkischen Regierung abgelchnt, lucil sie bei den Bestechungen nicht den richtigen Instanzenweg eingehakten hatten. Durch die Stadt selbst rauschen laut die Quellen. In Rablns ist eine kleine scphardische (syrische)Gemeinde, die sich sehr kümmerlich vom Kleinhandel ernährt, neunzehn Familien zeugen von dem dem Untergänge cntgegeneilendcn Gcschlcchte der Samaritaner, die gegen die JMn feindselig gesinnt sind, mit ihnen aber den Druck der Berhältuiffe Ihcilcn muffen. An Freitag Nachmittag machten wir einen Ausflug nach Samaria, wo ein arabisches Dorf, die Trümmer einer Kirche aus dem Mittelalter und 20 Säulenreste von des Hcrodcs Bauten (Sebaste) von verschollener Herrlichkeit zeugen. Hier verbrachten wir den Sabbat, um Tags darauf nach Babel unn Schilo zu reiten. Noch heute scheinen die Gerisim und der Ebal, die zu uns hinabschauen, den Segen nnd den Fluch zu verkünden, die bedeutende Höhe des Gerisim hat die Möglichkeit in Frage gestellt, ob man am Fuße des Berges eine Stinune auf demselben vernehmen könnte, englische Reifende machten die Probe, und der Versuch gelang vortrefflich: die himmelsreine Luft Palästina's gestattet Worte zu hören und Dinge in einer Entfernung zu sehen, die, sonst auf der Erde die Zuhilfenahme von Instrumenten erfordert. In Betel ist alles öde und verlassen, in Schilo .liegt eine französische Niederlassung mit katholischen Missionären, die übrigens den Inden viel günstiger als die protestantischen gesinnt sind. Die katholische Kirche sucht immer größere Strecken des heiligen Landes anznkanfen und, was sie hat, das gibt sie nicht mehr weg. Die vier protestantischen deutschen Colonien, die von württembergischen Weinbauern angesicdclt sind, gedeihen vortrefflich, doch hat dieser Eolonist weit mehr als der jüdische unter der Türkenpolizci zu leiden, weil er aller Bestechung fern aus sein gutes Recht baut, bei den Türken aber durchaus keine Gegenliebe hierbei findet. Jaffa, die „Schöne," war das Ziel unserer Reise, doch, wer die Stadt sieht, wird erstaunt sich fragen, wie sie einst „die Schöne" hat heißen können. Bon Jaffa führt eine Straße nach Jerusalem, die einzige Straße in ganz Palästina. Eine zweite wird jetzt von Jerusalem nach Hebron gebaut, doch dürfte diese in Rücksicht auf die Promptheit der Behörden schon in 10 Jahren fertiggcftellt sein. In Jaffa verblieb mein russischer Freund mit seiner Gemah-