Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 81-82 (12.10.1886)
- Date
- 1886-10-12
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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1t!2 ja nur die erste Stufe dev Freude bilden, will um das 2y>7 ein höheres diel anweiseu, unser u Bi ick ans einen höheren Genuß und reinere Freude hinlcnken. Das an sich schon hochansirebend, besteht aus einer Anzahl Blätter, von denen das eine im* mer das andere berührt, immer hinanreicht brs znm andern und immer eines das andere überragend, immer höher sich aufetzeud und schließlich in eine Spitze anslaufend. Und doch bilden sie zusammen ein harmonisches Ganze; die einzelnen Blätter machen sich nicht bemerkbar, wir sehen nur den durch sie selbst gebildeten Zweig. Wir sollen mit unserem ganzen Leben den Zweck verbinden, es zu einem geraden, aufwärtsstrebeuden Zweig zu gestalten. Von unten must sich Blatt um Blatt ansetzen, Handlung an Handlung; jede folgende sich am rechte Punkte noch innerhalb der vorangegangenen an dieselben anschmkegen und dann höher streben und wachsen, bis unser Lebe» in eine Spitze auslänft und sich als ein schönes hochanstrebendes Bild zeigt. Jede Unregelmäßigkeit am macht cs unbrauchbar für uns. Wenn ein Blatt nicht bis zur Wurzel des andern reicht, wenn die meisten -Blätter verdorrt find, oder wenn nur ihre Spitzen, ihre Ausläufer geknickt sind, oder das mittelste, die Spitze bildende Blatt sich in zwei Blätter thcilt, oder die Spitze des 2'7'fr statt gerade aufwärts zn stehen, sich krünnnt und abwärts neigt, so ist es Was nützt eine rechtschaffene gute Handlung, wenn die nächste sich nicht ans der ersten anfbant, wenn keine richtige Fortsetzung, wenn keine Konsequenz, kein einheitlicher Plan. kein bewußtes Ziel vorhanden ift? Was nützt eine gute Handlung, oder auch mehrere, wenn dazwischen verdorrte Blätter sich befinden, dadurch eine Unterbrechung, eine Kluft in unserem Lebe« gebildet wird, die sich nicht ausfüllen läßt, auch wenn noch einzelne gesunde richtige Blätter folgen? Was nützt selbst der gute Vorsatz bei alle» unfern Handlungen, wenn wir sie nicht richtig ausführen, wenn die Spitzen, die Ausläufer, der Abschluß derselben immer verdorben, geknickt, Vernichter? Was nützt selbst eine ganze Reihe guter Handlungen, wenn fchliestlich eine Doppelgesialt daraus entsteht, wenn zwei^Ziele verfolgt werden, die sich nicht vereinen lasten? Und waS nützt fchliestlich aller Schein, den wir durch unsere Lebensweise Hervorrufen wollten, als richtete sich unser ganzes Ziel nach oben, nach etwas Höherem, wenn die Spitze sich doch herabbeugt, wenn es sich heransstellt, daß der . Zweig am Baume, den wir bilden wollten, nicht vermag die Spitze auf: recht zu erhalten? Ein solches zW ist unbrauchbar; ein solches Leben ist nicht das rechte, ist verfehlt. Und mag Jemand glauben, daß er recht handele, mag er sich llnregelmästigkeiteu erlauben und denken, daß Niemand davon etwas wisse, mag er noch so tänschend den Schein erwecken, als wäre sein Leben tadellos: schließlich wird es sich Herausstellen, wenn mal! damit eine Prüfung auftellt — und wir alle haben am Schluffe eine solche abzulegen — ob wir gerade gewachsen, ob wir ein harmonisches Ganze'bilden. Auch am Schluffe erst werden wir den Lohn für unser Leben empfangen. Aehnlich wie der Lnlav- Baurn erst im 70. Jahre Frucht trägt, so ist auch des Menschenlebens Frucht erst im 70. Jahre reif c'yzr zürn ::rn:y „Unsere Lebensjahre sind 70." :;r cnan nnvnrpc 'D «r* cnrr „Die Myrthe hat Bitterkeit in sich und einen Wohlgernch; auch der Mensch ist so." Die Myrthe hat zwei besondere wesentliche Eigenschaften. Bitter ist der Geschmack der Blätter; aber reibt man dieselben, dann entströmt ihnen ein Wohlgernch. tey? cn«. „Der Mensch ist zur Mühe geboren." Mühevoll ist des Menschen Leben. Schmerz und Leid, Kummer und Elend bilden den Hauptbestandtheil desselben. Nur Wenigen ist es vergönnt, in Ruhe und Frieden, in Freude nud Glück den grösteren Theil ihres Lebens zn verbringen. Dieses bittere Loos des Menschen ist aber seine eigentliche Bestimmung. Denn je mehr der Mensch gedrückt und gepreßt wird, um so stärker entströmt ihm der Wohlgernch. Der Mensch must das Leid kennen lernen, wenn er selbst sre Frendc, das Glück zu schätzen und zu würdigen verstehen, wenn er selbst angespornt werden soll zn rhatkräsrigem, tüchtigem Schaffen. Er soll den Unterschied des Lebens kennen lernen, durch die gemachten Ersührnngen belehrt werden, zwischen dem Guten nud Edlen nud dem Schlechten und Unedlen zn unterscheiden und zu wählen. Tie edelsten Eigenschaften des Menschen treten erst durch Kampf und Anstrengung zu Tage. Dadurch wird aber nicht, wie das so Biele meinen, der Lebensgenuß verbittert, die Lebensfreude und das Lebeusglück beeinträchtigt, nein, es entspringt daraus die richtige Erkennrnist, daß unsere Erziehung und Bildung gerade am diesem Wege am besten erzielt und gefördert wird, daß wir uns daher dadurch erziehen und