Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 100 (23.12.1886)
- Date
- 1886-12-23
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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1743 Zeig-tnnnachrichterr imb Correspondenzen. Deutschland. Breslau, 15. Dezember. Die Stelle des Landrabbiners Tiktin b"'X ist vom Vorstände der hies. Synagogcn-Gemcindc ausgeschrieben. Das feste Gehalt beträgt 5400 Mark. Bewerbungen sind nebst Zeugnissen bis Mitte Januar au den Vorstand zu richten. Schon eine reiche Anzahl von Bewerbungen sind aufgelaufen, wir halten cs für überflüssig, die Namen der Kandidaten aus dem Posenschcn und Schlesischen, deren event. Aussicht hier discutirt wird, zu nennen. Wie ich Ihnen auf Grund zuverlässigster Informationen mittheilen kann, gedenkt der Vorstand eine jüngere energische und der strengeren Richtung hineigende Kraft anzustellen, welche zugleich rhetorische Fähigkeiten besitzt und das Erbe Tiktins im Geiste des Friedens wahren wird. Hamburg, 25. Dezember. Mit inniger Freude darf ich Ihnen heute Gutes, und Schönes über den hiesigen Verein „Mekor Ehajim" melden, der cs sich bekanntlich zur Aufgabe macht, die Jugend durch Vorträge, Schiurim u. dgl. religiös hcranzubilden und in ihnen den Geist der jüdischen Vergangenheit zu erwecken, jgeit 2 Jahren hat der Verein auch populär -wipcnschaftliche Vorträge in sein Programn! für den Winter ausgenommen, die theils von den hier dem Verein zuftchenden vortrefflichen Kräften, wie Dr. Nathan u. a., theils von auswärtigen Gelehrten gehalten zu werden pflegen. Den ersten diesjährigen Vortrag der letzteren Art hielt am vergangenen Sabbat Abend Herr Dr. A. Berliner vom Berliner Rabbiner-Seminar. Herschels großer Saal konnte die Zahl der Zuhörer, welche schon vor Beginn des Vortrages sich angesammclt hatten, kaum fassen, so daß nicht wenige den Heimweg unverrichteter Sache antretcn mußten. Herr Dr. Berliner behandelte in feinem ebenso anregenden und interessanten wie formvollendeten Vortrage den Einfluß des hebräischen Buchdrucks auf die religiöse Lehre. Nachdem der Redner die Schwierigkeit der bisher kaum behandelten Aufgabe betont, besprach er die gewaltige Umwälzung, welche die Erfindung der Luchdruckertunst (1440) in dem jüdischen Schriflwcscn hervorrief. Der erste hebräische Truck stamme aus dem Jahre 1475, und der Einfluß, der seit jenem Jahre immer maßgebender hervortritt, sinder eine treffliche Beleuchtung in dem Ansspruche des Joseph Toamim (in der Vorrede zum c-us rs): „Ohne die Buchdruckerkuuft wäre die Thora, G. behüte, vergessen worden." Der bedeutsame Umschwung fällt noch mehr bei einer Betrachtung des früheren jüd. Schriftwesens ins Gewicht. In einzelnen Sammlungen und Auszügen bestand die Literatur jener Zeit; die große Menge, wenn auch in praktischer Frömmigkeit verharrend, war unwissend; die Einführung des hcbr. Buchdrucks brachte die geisligc Erlösung, die aber von dem großen Heere der bisherigen Abschreiber keineswegs freudig begrüßt wurde. Der Redner gab nunmehr eine längere, hochinteressante Schilderung des Schristweseus in der guten alten Zeit und führte alle Gebote vor, welche sich auf das mühselige Schreiben, das schon damals gefährliche Verleihen der Bücher und viele andere Punkte beziehen. sollte man u. a. keine Schuld oder Rechnungen in ein religiöses Buch notiren, und doch hat Redner in der Vaticana in einer Talmndhandschrift, welche der ans der Palatina in Heidelberg weggcführtcn Bibliothek angchört, die von deutschen Bauern im 14. Jahrhundert geleisteten Spanndienste in hebräischer Sprache lesen können, und das Schlußblatt inanchcr anderen Handschrift zeigt der Nachwelt nicht nur Kapitalien und Zinsen, sondern selbst den Waschzettel einer sorgsamen Hausfrau. Sehr oft wurde später über den Grad der den hebr. Druckwerken innewohnenden Heiligkeit diskntirt.^So'wird eine Autorität angefragt, ob man die bisher in großen Fässern unter der Erde aufbewahrtcn Reste hebräischer Bücher, die aber von Nichtjuden gestohlen worden, von jetzt ab durch Feuer vernichten dürfemeistens wird der Grundsatz festgehalten, daß die Druckschrift als eine verbesserte Schreibschrift betreffs der Heiligbaltung religiöser Bücher den handschriftlichen völlig glcichzuhaltcu sei. Im zweiten Theile seines Vortrages beantwortete der Redner die Frage, welchen direkten Einfluß die Einführung des hebräischen Buchdrucks auf. den religiösen Kultus und zumal auf die Synagoge ausgcübt hat. Hierbei beleuchtete Redner zunächst die Stellung des „Vorbcters" (Sch'liach Z'ibbur) in jener Zeit, wo nicht alle zu lesen verstanden und nur wenige Reiche sich den Luxus gestatten konnten, sich einen besonderen Siddur schreiben zu lagen, in dem allerdings alles Mögliche und Unmögliche verzeichnet war, Gebete, Gesänge, Statuten, Kalendernormen, Wetterregeln, ökonomische und diätetische Vorschriften. Mit dem Buchdruck hielten, wenn anfangs auch langsam, die Gebetbücher ihren Einzug in die Synagogen. Auch in der gleichmäßigen Anordnung für die Reihenfolge der biblischen Bücher hat der Buchdruck eine bedeutsame Aenderung hervorgcrufen. Zinn Schluffe wies der Redner auf die alte jüdische Sitte hin, sich beim Gebete schüttelnd zu bewegen, eine Sitte, die schon