Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 79-80 (6.10.1886)
- Date
- 1886-10-06
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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l.'lW die Juden atlfgehctzt hätte», Er stellt irr Abrede, derr Reichsraths-Abgeorduetcn Professor Fiegl beleidigt zu habe», uud will die Bemerkung, das; es eine Schaube sei, wenn solche Leute im Reichsrathe fiOcu, auf Dr. Pettersch, der sich ihm als Abgeordneter vorgeftellt, bezogen wissen. Er erbat sich die Eruirung uud Namhaftmachung von Zeugen, die Nachweisen werden, das; der ganze Skandal dorr Antisemiten provocirt und das Publikum durch dieselben gegen die Juden gehetzt wurde. Zwillinger wurde nach Eonstatirung seiner Identität entlassen, weitere Erhebungen sind im Zuge, und wird nach Vernehmung von Zeugen entsprechend anrtsgehandelt werden. In Altofcn wurde eine Frau zu Grabe getragen, welche ihren Gatten durch ein halbes Jahrhundert auf seltsame asketische Weise betrauert hat. Es ist dies die Wittwe des vor achtuudvkerzig Jahren verstorbenen Nabbi Rüben Nakouitz. In der Stunde, als ihr Gatte ins Grab gesenkt wurde, that sie das Gelübde, sich fürder bis an ihr Lebensende in finsterem Zimmer auszuhalten. „Da er im finsteren Grabe ruht, so will auch ich nimmermehr das Sonnenlicht schallen" — so hatte sie in der Stunde ihres Schmerzes ausgernfen. Und seither durch volle achtundvierzig Jahre wurde das Weib nicht wieder am Tageslicht gesehen. Im Hause ihres Sohnes bewohlite sie ein verdunkeltes Gemach, wo sie, von den Ihren in Liebe und Treue gepflegt, einzig und allein dem Andenken des so tief betrauerten Gatten lebte Jetzt zum ersten Male hat sie seit achtundvkerzig Jahrer ihr Zimmer verlaßen, jedoch ohne ihr Gelübde zu brechen; ihre Augen haben das Sonnenlicht nicht wieder geschaut, denn sie hatten sich für immer geschlogcn. Frankreich. Paris, 23. Sept. Gestern Nachmittag wurde in Versailles die neue Synagoge eingeweiht, welche Frau Furtado-Heine mit einemKostenanfwande von 400,000 Franken aus eigenen Mitteln erbauen liest. Das Gotteshaus, ein einfacher, würdevoller Bau und Werk der Architekten Aldrophe und Blonde!, trägt an der Fa<;ade eine große Rosette, welche die Gesetzestafeln überragen. Das Innere ist im romanischen Stile gehalten und enthält 150 Sipe im Parterre und eben so viele auf den Tribünen. Ein rother Marmorblock in der Vorhalle trägt die Inschrift: „Dieser dem Ewigen geweihter Tempel wurde von Frau Eäcilie Furtado-Heine erbaut. Möge ihr Name von Geschlecht zu Geschlecht fortdauernd, gesegnet sein: September 1886". Zu der Einweihnngsfeier, welcher die hochherzige Dame beiwohnte, hatten sich außer de» Spitze» der Pariser jüdischen reise, auch viele Vertreter der Aristokratie elngcfnnden. Der Ehor des großen Pariser Tem» pels sowie der Pariser Grobrabbiner Zadot Kahn betheiligten sich an der Feier, die in höchst würdiger Weise verlief. R « m a ir i c ir. Nach der „Times" haben in Krajowa sozialistische Nuhestöruugeu ftattgefunden, wobei 2 Häuser bis auf den Grund, .medergebrannt und verschiedene arg beschädigt, Läden geplündert und den wohlhabenden Klassen ungehörige Personen mißhandelt wurden. Die Behörden glaubten zuerst, daß es sich um eine Judenhetze handele und verhielten sich dcsthalb papiv, bis die Ausdehnung des Krawalls sie zum Einschreiten zwang, wobei viele Personen verhaftet uud verschiedene Ruhestörer verwundet wurden. Feuilleton. Ier Würtprozeß gegen die jüdische Gemeinde zu Posen im Fahre L7LS. Posen, im Septenrber. Am n:£*n my des Jahres 5647 war der Gedenktag eines blutigen Dramas, das vor genau 1 lL> Jahrhunderten in unserer Gemeinde sich abspielte, dem zwei bedeutende Männer der Gemeinde als Opfer fielen und das den Wohlstand dieser letzteren auf viele Jahre hinaus vernichtete. Nach zwanzigjähriger verhältnißmäßiger Ruhe vor Quälereien größeren Stylcs — das letzte große Jndengemetzel hatte im Jahre 1716 stattgefunden, zog sich im Jahr 1736 wiederum ein Ungewitter gegen die so oft heimgesuchte Gemeinde zusammen. Ein christlicher Knabe, Sohn des Posener Bürgers 'Adalbert Jablonowh, wurde plötzlich vermißt und ungeachtet aller Nachforschungen erst nach mehreren Wochen als Leiche bei dem benachtbarten Dorfe Gnrezyn aufgefunden. Der Verdacht des Mordes — wenn überhaupt ein solcher vorlag — fiel selbstredend sofort auf die Inden und der Pöbel begrüßte mir Freuden den willkommenen Anlaß, über das Judenviertel herzufaLen und zu plündern. 'Aber der Magistrat verhinderte den Ausbruch der rohen Volkswulh und ordnete ein regelmäßiges (?) Gerichtsverfahren an, freilich im Sinne der damaligen Zeit.