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Der Israelit · 1886-09-23 · Heft 76 (23.9.1886) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
27 (1886)
Issue
Heft 76 (23.9.1886)
Date
1886-09-23
Page
– (sequence 6)
Language
German
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i:mo seines Vaters, * - dann an der Hand der zärtlichen Mutter ans der weiten, ermüdenden Reise nach ihrem (Mi'OnrU'lcutbe tute sie zu Tod erschöpft in W^ anlanaten, wie er seine. Mutter verlor — wie er unerwartet durch (Lottes großer Huld edle Menschen gefunden, die ihn: die Cvttcm ersetzt, — wie er an den: Grabe seiner zweiten Mittler gestanden, — wie ihn Pfarrer Willibald als seinen Schüler ausgenommen — auch die wüste Scene, als ihn Lorenz Golziuger mit der Reitpeitsche zu schlagen drohte, er ihm diese entriß und zum Fenster hinauswarf .... dann wieder Zukunftsbilder: Wie er in dem großen Saale in der Universitätsstadt zum Doktor der Heilkunde promovirt wurde, was damals mit größter Feierlichkeit geschah. Pfarrer Willibald hatte ihm diese sodeutlich geschildert, daß es nicht zu verwundern war. daß ihm in seinem Traume alle Einzelheiten derselben vorschwebten . . . . dann sah er sich als Doktor von der Universität heimkehrend und wie ihn: sein Pflegevater und Sara, zur Jungfrau aufgebläht, empfinge» und Sara im vollen Lrantsraate, und der Rabbiner in seiner Amtstracht anwesend war und man sie, ihn und Sara zu der Ehnppe, die nach der Sitte jener Zeit m oem Smmgogeühofc unter freiem Himmel aufgestellt war, geleitete. In seinem Traume erschien cs ihm zuerst verwunderlich, aber dann plötzlich so einfach und begreiflich als irgend etwas-aust dieser Erde, daß seine todten Eltern ihn erwarteten und bereit wäret: als seine Unterführer zu fungiren, und daß auch Sara» verstorbene Mutter anwesend war, — und so ivechselte Vergangenes und Erhofftes rasch kaleidoskopartig.... Am nächsten Morgen weckte ihn sein Pflegevater. Es war noch tief dunkel. Sonst gingen sic täglich in die Synagoge,, um das Morgengebet zu verrichten; aber cs war die Zeit zu diesem noch nicht angebrochen. Brack, der mit Sara, Michael ein Stück Weges begleiten wollte, nahm sich ebenso wie dieser feine T'sLÜin*) mit. Alle drei seytcn sich schweigend in den Wagen, und fuhren bis nach einem zwei Wegstunden entfernten Dorfe, in welchem inmitten von Bauern nur ein einziger Jude, Feiwel Butschowiv, wohnte, der an den hoben Feiertagen nach W. kam, um in der dortigen Synagoge seine Andacht zu verrichten, und stets Red Aron Bracks' gerngesehener Gast war. Dort wurde programmgemäß angehaltcn» und sollte, da mittlerweile der Tag angebrochen, das Frübgebct verrichtet und dann bei Red Feiwel Buischowiv das Frühstück einge- 1) Philükrerieni Eeberrieurrn. welche die Juden an Wochentagen bei fcect Erbere anlegen. Komme» werden. Der dankbare Jischnwmmm. froh, bei dieser Gelegenheit einen kleinen Tbeil seiner großen Schuld an Brack abznzahlen, vereitere seinen freudig erwarteten Gästen eine cigenthümliche, angenehme Ucberraschnng. Er wußte, daß Brack stets Werth darauf gelegt, das Gebet im Gotteshanse mit Minjan zu verrichten und er halte ans der Umgebung drei Inden eitkgeladen, so daß sich mit feilten Hauslenren die zum öffenttichetl Gebete nöthige Zehnzahl zusammenfand. — Tann wurde ein sompmenscS Frühstück aufgetragen, an dem alle Anwesenden Lheiluahmen, und der Hausherr forderte Michael ttlcm auf, das Tischgebet au: Schluffe des Mahles zu verrichten. Tann begleitetet: Me den Scheid.wen zu dem Wagen, der auf der Straße vor dem Hanse wartete. Brack und Sara sollten den Rückweg in dem Wagen des reichen Reb Feiwel Bntschowitz zurücklcgrn. — Michael küßte Brack die Hand und versprach ihm, sich zu bemühen, sich seiner Erziehung und väterlichen Liebe würdig zu beweisen, Brack segnete und küßte ihn; dann aber warf sich die kleine Sara in Michaels Arme, küßte ihn heftig und sprach schluchzend: „Vergiß mich nicht. Du lieber, lieber Michael, — ich werde auch Dein nicht vergessen und an meiner und Deiner Mutter Grabe allwöchentlich zu Gott, nur Dein Wohlergehen flehen!" Alle Anwesenden waren von dem stürmischen, fast leidenschaftlichen Ausbruche des kindlichen und doch nicht kindischen Mädchens bewegt, kein Auge blieb thranenlccr. — Der Rutscher, der einen weiten Weg znrückznicgen hatte, knallte zum hörbaren Zeichen seiner Ungeduld mehrmals mit der Peitsche, so das; Reb Feiwels Haushühner, welche in weitem Kreise den Wagen umstehend, das seltene Schauspiel eines rührenden Abschiedes mir großer Theilnahme betrachtend, von panischen: Schrecken ergriffen, gackernd anseinanderstoben, die Flucht ergriffen und erst, in einer anständigen Entfernung sich sicher fühlend unter Anführung des großen Haushahnes wieder Stellung nahmen. Nun drängte Brack, daß Michael in den Wagen steige, der Kutscher schwang sich auf den Bock und schnitt jeden wcirern Versuch Sara's, die Aöschiedsscene zu verlängern crfolgvoll dadurch ab,. daß er die Stränge anzog, mit der Peitsche leicht den Rücken der Pferde berührte, woraus sich das Gefährte sofort in rasche Bewegung setzte. — <cam winkte dem Abführenden, so lange als der Wagen noch sichtbar, nur ihrem rhränenfeuchten Tafchcnrnche Aöschiedsgrüße zu, Brack sandte dem scheidenden Segenswünsche nach.

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