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Der Israelit · 1886-09-23 · Heft 76 (23.9.1886) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
27 (1886)
Issue
Heft 76 (23.9.1886)
Date
1886-09-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Willensfreiheit macht uns selbstständig; wir können thlin und lassen, was wir wallen. Ter Mensch kann OJüit dienen oder sich von Gott abwenden: er -kann die Tugend lieben oder sich dem Laster ergeben; er kann die Liebe und Dankbarkeit zu seinem allmächtigen Wohlthäter durch sein Wirken bethätigcn; er kann aber auch gegen Gott lieblos nnd undankbar sein. Durch die Freiheit des Willens wird das Leben ein fortwährender Mampf. Neigung, Leidenschaft, Trägheit snchen^uns stets von unsrer Pflichterfüllung abzuziehcn. gross sind die Hindernisse nnd Verführungen, die uns überall cntgegentreten, das; nur die heisse Liebe zu unser»! Vater im Himmel sie zu überwinden vermag. Und für diese sich stets wiederholenden Kämpfe, für die Liebe und Hingebung, die wir unsrem Gotte widmen, bestimmt uns der Allgütige reichen Lohn. Alles steht in Gottes Hand, nur nicht die Gottesfurcht. Alles, was wir sind und besitzen, die Fähigkeiten unsres Körpers nnd Geistes, verdanken wir der Gnade Gottes. Nur die Liebe zu Ihm, die Furcht vor Ihm müssen wir Ihm entgegcnbringen, und sie ist allerdings die Grundlage, auf der unser ganzes Leben nnd Wirken beruhen soll. Ohne Liede zu Gott, ohne die Furcht vor Gott ist all unser Wirken nichts, nur Eitelkeit und Tand, nichtig nnd werthlos. Wodurch zeigt sich nun die Liebe zu Gott? Glicht allein dadurch, daß wir Seine Gebote beobachten, sondern hauptsächlich dadurch, wie wir sie gern nnd freudig vollziehen. So Jemand im Jndenthum geboren und erzogen ist worden, von Jugend aus gewöhnt an die Erfüllung der göttlichen Gebote, und er ist vor Verführung geschützt geblieben, so wird er am Sabbat ruhen von der Arbeit, die Speisegesetze beobachten, die Ehegeseve und all die andern Vorschriften unsrer heiligen Religion. Damit bezeugt er aber noch nicht, daß er Gott wahrhaft liebt. Er glaubt vielleicht, seiner Pflicht in Bezug auf das Thoralerucn genügt zu haben, wenn er das Schema liest Morgens und Abends; er ist verdrießlich, wenn er in seinem Geschäfte durch die gebotene Sabbatrnhe verkürzt wird; unwillig trägt er die Entbehrungen, die das Religionsgesetz ihm anflegr. Wer aber Gott wahrhastliebt, wird mit srendigeur Herzen sich in Seinem Dienste mühen; er wird jede freie Minute den: Thorastudinm widmen; er wird sich freuen, daß Gott ihn würdigt um Seinetwillen Entbehrungen zu ertragen. Für die Ausführung der Gottesgebme, für die Richlüdertrew.ng der göttlichen Verbote har der . Mensch eigentlich keinen Lohn zu erwarten. Zu thun. was Gott geboten, zu mcibeir, was Gott verboten, ist des Menschen einfache Pflicht, und, was er in dieser Beziehung leistet, ist im Voraus viertausend nral bezahlt. Daß ihn Gott dennoch dafür belohru. das ist ein Gnadengeschenk unsres allgütigeu, himmlischen Vaters. Daher lehrt Rabbi Tarphon: Wenn du viel Thora gelernt hast, so gibt, das heißt, schenkt man dir vielen Lohn; daher nciuit der Weise die ewige Seligkeit -er” pa, Gnadengeschenk in Form des Lohnes. Für das aber, was der Fromme hier ans Erden wirkt, daß er mit Freude und Lust nnd in größtmöglicher Vollkommenheit die Goltesgebore vollzieht, wie er ängstlich sich vor jeder Uebertretung des göttlichen Willens hütet, wie er sich bemüht, auf seine Mitmenschen eiuzuwirkeu und sie für ein gottgefälliges Leben zu gewinnen — dafür hat er Anspruch auf Lohn und darf der Ueberzeugung leben ~p zbzrvr b?2 nn irfriys daß zuverlässig ist der Herr seiner Arbeit, ihm zu bezahlen den Lohn seines Wirkens. Wenn auch die Zuversicht, daß Gott Seinen Frommen den Lohn für ihr Wirken bezahlen wird, eine felsenfeste und unerschütterliche ist, so dürfen wir doch nicht mit Bestimmtheit diesen Lohn für uns in Anspruch nehmen wollen. Der Talmud (Bcrochorh 4 a.) gibt uns zwei Beispiele richtiger Denkweise. David, der Mann nach dem Herzen Gottes, spricht: Herr der Welt, ich bin fest überzeugt, daß du den Frommen den Lohn geben wirst: allein, ich weiß nicht, ob ich zu den Frommen gezählt werde oder nicht, wie es heißt: (Psalm 27. V. 13): Vielleicht darf ich glauben, zu schauen die Seligkeit des Ewigen im Laude des ewigen Lebens. (Vergleiche N"r"-i"n"2 zu der angeführten Talmndstelle). — Das andere Beispiel gibt uns unser Vater Jakob. Ihm hatte Gott die Versicherung gegeben, ihn zu behüten und zu beschützen überall, wohin er gehe. Trotzdem fürchtete Jakob gar sehr den mit vierhundert Kriegern gegen ihn ziehenden Bruder: nicht ans Mangel an Vertrauen zu Gott, sondern ans Furcht, daß irgend eine Versündigung ihm den göttlichen Schutz entziehen könnte. — Aus unsren Gort können wir stets vertrauen: mißtrauen aber sollen wir den Ansprüchen, die wir zu stellen haben. — (Fortsetzung folgt.) Die Schaderrörörrde in Anttand. Wir erhalten von dem berühmten Rabbiner zu Kowno, Rabbi Isaak Elchanan Spekror, ein in hebräischer Sprache aögefaßres Schreiben, welches

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