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Der Israelit · 1886-09-20 · Heft 75 (20.9.1886) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
27 (1886)
Issue
Heft 75 (20.9.1886)
Date
1886-09-20
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Unmittelbar vor dem Leichenwagen gingen mehrere .Hundert Arbeiter des Löwe'schen Etablissements mit ihrer Fahne und dem Gewerkzeichcn. Unmittelbar hinter dem Wagen sollte die trauernde Familie des Heimgegangenen. Tie städtischen Behörden unter Voraulrili des Oberbürgermeisters v. Forckenbeck und des Stadtverordnctcnvorsteher - Stellvertreters Tr. Struck — sämmtlich mit den goldenen Amtsketten geschmückt — schlossen sich unmittelbar an die Hinterbliebenen an. Hinter den Würdenträgern schritten die zahlreichen Freunde und Verehrer des Verstorbenen. Den Schluß des Zuges bildete eine schier zahllvsc Menge von Equipagen, in denen die übrigen Thciluehmer der Trauerfeier Platz genommen hatten. Der Zug nahm seinen Weg durch die Orankenburgerstraße, bog dann in die Friedrichstraße ein und bewegte sich weiter die Elsässer-, Lothringerstraße und die Schönhauser Allee entlang. Uebcratl wurde er von einer zahlreichen Menschenmenge erwartet, die sich selbst durch die erdrückende Hitze nicht abhalten ließ, ans dem Platze auszuhalte», bis der letzte Wagen des Zuges vorübergefahrcn war. Eine sehr starke Polizeimacht war ausgcboten, um die Ordnung des Zuges aufrecht zu erhalten, eine Aufgabe, welche bei der Ausdehnung desTranergefolgcs und der Belebtheit der Straßen, welche der Zug zu durchmesscu hatte, für die betheiligteu Beamten ihre Schwierigkeiten hatte. Auf dem Friedhöfe empfing bcu Sarg der Rabbiner Ungerleider und geleitete deufelbeu bis zu seinem Aufstellungsorte. Darauf ergriff das Wort der Geheime Regierungsrath Professor Tr. Lirchow zu folgender von der Tribüne herab gesprochenen Gedächtmßrcdc: „Hochverehrte Trauerversammlnng! Wer daran gewöhnt ist, die Geschichte des Menschengeschlechts in großen Zügen zu stndiren, der weiß, daß cs auch in dem Sterben ein gcwipes Gesetz gibt, eine Ordnung, eine zeitliche Äbsterbeordnnng, welcher jedes Alter, jedes Geschlecht, jede Race unterworfen und sich bewußt ist, jährlich ihr Kontingent stellen zu mügcn zu den Todten. Wenn ich mich hier in dieser großen Versammlung nmblicke, so berührt mich kein Gedanke mehr, als die Frage: wie geschieht es, daß kein anderer Kirchhof dieser Stadt in so kurzen.! Zeitraum so große Tranerversannnlungen in sich vereinigt gesehen, als der Begräbnißplatz der jüdischen GemeindeV Ist es der Umstand, daß die jüdische Gemeinde eine höhere Absterbeordnung har, als die christliches oder ist cs der Umstand, daß die Mitglieder dieser Gemeinde in höherem Maße ihre Sträjtc erschöpfen, um sie zum Tode zu führen V Wir wissen cs, die jüdische Rare hat von jeher sich ausgezeichnet durch eine große Lebenszähigkeit, welche sie befähigt, sich hohe Altersstufen zn erhalten. Es kann also nur die Art der persönlichen Thütigkeit sein, welche eine so hervorragende Zahl von Personen dieser Gemeinde kn der kurzen Zeit dem Tode zugeführt hat', und in der Thar ist von den Zeiten von Moses Mendelssohn ab die Stadt Berlin gewohnt, in ihren jüdischen Mitbürger» die treuesten Helfer in allen guten Werken zn sehen, und wenn wir in so kurzer Zeit Laster, Magnus, Straßmann begraben haben, und tvemr wir jetzt unfern besten Mann hierherbringen, so ist das ein Zengniß dafür, in welchem Maße die jüdische Gemeinde ihre Männer in den öffentlichen Dienst stellt. Die große Versammlung ist hier, um Ehre und Anerkennnug dem Todten zn beweisen, sie ist aber auch zugleich eine Versammlung zur Ehre und Anerkennung der jüdischen Gemeinde selbst. Löwe befand sich kn eitlem Alter, wo der Einzelne durch die Arbeit der voraufgegangenen Jahre gestählt wird, wo der Mensch mit Zuversicht daraus rechnen kann, noch eine lange Reihe von Jahren seiner Thütigkeit zn verbleiben, und ich muß sagen, der Gedanke war mir, der ich durch meinen Beruf gewohnt bin, in den menschlichen Körper zn schauen, gänzlich fremd, daß dieser für mich so junge Mann den Kein: eines so schweren Leidens in sich tragen konnte, denn noch irr diesem Jahre schien er mir berufen, unser Aller Nachfolger zn werden. Es sind etwa 23 Jahre her, als ich zuerst zn Löwe in nähere Beziehung trat: als die Zeit der großen Bewegung anhub, und wir begegneten uns damals ans dem Gebiete der numerischen Arbeit. Wir hatten damals den kühnen Gedanken, das Turnen losznlösen von den küh- Schnlen und wir haben cs durchgesetzt, daß in der Stadt die erste große Turnhalle in der Priuzcnstraßc gebaut wurde. Ich war Vorsitzender des Turnralhs und Löwe war mein Schriftführer, eine Tbätigkeir, welche mir zum ersten Male einen Einblick gewährte, was dieser Mann an Hingebung, .Kraft" und Geist aufzuwenden vermochte. Von da an sind unsere Wege i:n öffentlichen Leben anhaltend neben einander gegangen. Ich habe keinen treuerer: Freund gekannt als Löwe, und ich habe von Niemand so sicher gewußt wie von Löwe, daß eine Litte von mir der ihm Erfüllung finden würde. Diese Treue war auch die Treue, mir der Löwe im öffentlichen Dienst gestanden har; er war einer von den Männern, welche nicht ans Berechnung, Leidenschaft oder Streberrhum nach einem uugerech-

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