Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 73 (13.9.1886)
- Date
- 1886-09-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2449600-2449670--25011-2514760- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1280 soll der Mensch nicht sprechen: ich will einen Abschnitt lernrtt, dann werde ich frei sein von der drückenden Schuld; denn du hast nicht das Recht, dich vom Erlernen der Gotteslebrc.loszumachen. - - Die Mette Erklärung ist sollende: Betrachte nicht das Erlernen der Thora als deine einzige Pflicht, dn darfst dich aber auch nicht ganz davon befreien; beim schön ist das Erlernen der Thora in Verbindung mit weltlicher Beschäfiignng. — Die dritte Erklärung bezieht sich ans unsere Mischnah; sie lautet: Meine nicht, das; dn die Pflicht habest, die ganze Thora zu erlernen, wir wir in Alwth lesen: Nicht liegt dir die Pflicht ob, die Arbeit zu vollenden; dn Haft aber auch nicht die Freiheit, dich ihr ganz zu entziehen. So sachgemäß und richtig diese Erklärung auch ist, so kann dem aufmerksamen Forscher doch die Bemerkung nicht entgehen, daß nach dieser Interpretation der zweite Ausspruch Rabbi Tarphon's zu dem ersten einigermaßen im Widerspruch tritt. Zuerst ermahnt Rabbi Tarphon zu unablässigem Forschen: Der Tag, das istdie Lebenszeit, ist kurz und die Arbeit ist groß und die Arbeiter sind träge und der Lohn ist viel und der Hausherr drängt; deßhalb benutze den kurzen Tag, verliere keine Minute, damit dn die große Arbeit vollendest; stachele ' dich immer auf aus der Trägheit, die stets dich zu erfassen droht; denn der Hausherr drängt. Und nun kömmt auf einmal derselbe Rabbi Tarphon und macht uns lässig durch die Vorstcünttg, daß wir gar nicht nöihig haben, die Arbeit zu vollenden, daß wir uns ihr nur nicht ganz entziehen dürfen. Mit dieser verfängliche!! Lehre hört jeder Maßstab ans, und der Trägheit und Lässigkeit wären Thnre und Thor geöffnet. „Du brauchst nur ein klein wenig zu lernen, nur ganz Unbedeutendes zu leisten, und dn hast deiner Pflicht schon genügt. Nicht brauchst du die Arbeit zu vollenden, du darfst dich ihr nur nicht ganz entziehen." Ist es denkbar, daß Rabbi Tarphon, der Vater und Lehrer von ganz Israel, wie ihn der Talmud Jcruschalmi nennt, zu sich selber in cincn solchen Widerspruch tritt? Wir ziehen daher die Erklärung des Rabbi Herz Wcscl vor, der unsre Mischnah in ganz anderer Weise anffaßt. Auch nach ihm ist der zweite Ausspruch Rabbi Tarphon's ein Trost; aber nicht ein solcher, welcher die Strenge des ersten aushebt, sondern ein solcher, der sie kräftigt und verklärt. Der Tag ist kurz! Die Lebenszeit ist uns im Vergleiche.mir der vielfachen Arbeit, welche die Erlernung der heiligen Wissenschaft uns auflegt, nur geriuii yitieniefieu. Dazu kämmt uod) die namdidje Trägheit, die sich unser stets aufs Reue bemächtigt. Und dennoch brächst der Hausherr! Was nützt aber der große Lohn, der; er in Aussicht stellt, wenn wir die Arbeit nicht bewältigen könnend Es ist wahr, unzulänglich sind des Menschen Kräfte, kurz ist die ihm zngemessene Zeit. Jeden Augenblick ist er in (Gefahr, im Kampfe zu unterliegen, tut Kampfe gegen die eigene Trägheit, im Kampfe gegen übelwollende Mitmenschen, im Kampfe gegen tausend uttb aber tausend Miüstände und Hindernisse. Aber, der das Gute, Wahre und :Ucd)te erstrebende Mensch hat eine mächtige, eine allmächtige Stütze, einen mächtigen, allmächtigen Helfer, der ihn nicht sinken läßt, der ihn stets aufs Neue kräftigt, der das Geringe und Unbedeutende, was der einzelne Mensch zu leisten vermag, einfügt in das große Werk des Ganzen. Dir liegt es nicht ob, die Arbeit zu vollenden; daß aber deine Arbeit eine vollkommene und vollendete werde, dafür sorgt der allmächtige Gott, dem Stützer, dein Erlöser, dein Helfer. Wenn wir die großen Werke großer Männer überschauen, so beschleicht uns Dangen und Zagen, denn was ist unser Wirken dem ihrigen gegenüber? In der Tbat aber war auch ihr Leben und Streben nur Stückwerk, das der allgürlge Gott in Seiner Gnade zu einem vollendeten Ganzen gestaltet hat. Auch unferm Vater Abraham ist' nicht alles gelungen; nicht einmal den eigenen Sohn Jifckimael tonnte er der Wahrheit erhalten; ebenso erging es Jizchak, der den Esaw abirrcn sehen mußte. Wofür unser Vater Jakob sein Leben eingesetzt, das gerieih oft genug in Gefahr, vernichtet zu werden, und noch in der Todesstunde beschlich ihn die blaffe Furcht, daß sein großes Werk nicht gelungen, und einer oder der andere seiner Söhne sich von Gott gewendet habe. Wie oft verzweifelt unser großer Lehrer Mosche!) an dem Gelingen seiner Ausgabe, und fast wäre König David im Uebermaße des Kummers abgeirrt vom rechten Wege. Nicht aus eigener Kraft vermochten diese großcnHelde» zu vollenden, was sie zu thun begonnen hatten. Gott war es, der ihnen half und ihre Arbeit so gestaltete, daß sie zu einer vollendeten wurde. Deßhalb, wenn auch der Tag kurz und die Arbeit groß — verzagchnchtk Nicht dir liegt es ob die Arbeit zu vollenden; das thnt unser Vater im Himmel, der unsere Mühen segnet und es zu einem erfolgreichen gestaltet. — . (Fortsetzung folgt.)