Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 69 (30.8.1886)
- Date
- 1886-08-30
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXVII. Jahrgang. Beilage jit Ile. 69 des Israelit. Leitender Artikel. Kolöerger Mauderele». (Fortsetzung und Schlug.) Kolb erg, 16. August. Zu Gunsten des Kurhospitals werden im Sommer große Wohlthätigkeitsconcerte Veranstalter, welche den jüdischen Badegästen die Gelegenheit bieten, das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden. Das erste größere Concert, bei deffcn Jnscenirung und dessen Verlause Herr Mustklchrer Neunrann aus Pose» die „erste Geige" spielte, fand im Festsaal dcs Strandschlosses statt und erzielte einen Reingewinn von etlva 600 Mark, während der zweite Wohlthätkgkcitsabend, dessen musikalisch-deklamatorische Kosten vornehmlich die Damen Halle aus Posen und Michaelis ans Berlin bestritten, den Verhältnissen entsprechend eine kleinere, aber immerhin noch ansehnliche Summe für die Anstalt aöwarf. mne weitere Quelle, aus der die Wasser der Wohlthätigkeir sprudeln, ist der für die Badegäste und die Insassen des Hospitals hergerichtete Betsaal, die kleine, hübsche Synagoge, deren Buudeslade ein von Herrn Oppenheim gestifteter kostbarer Vorhang schmückt, zeigt an den Wochentagen eine gähnende Leere, während an dem Sabbat die siebzig Plätze des Saales von den Vertreten! beiderlei Geschlechts überfüllt sind. Dann tritt bei der Thoravorlesung der in der Colberger Synagoge aus religiösen Gründen für gewöhnlich abgeschabte, doch in Eolbergermünde aus finanziellen Gründen beibehaltene sog. mi-selleberrreli in Aktion, und die Ernte ist nicht gering. Ja, das Spenden ist den Badegästen bereits so sehr in Fleisch und und Blut übergegangen, daß jüngst ein Spender beim Verlassen des Betsaalcs auf die Frage des Synagogendieners: „Wie heißen Sie?" unbewußt die bezeichnende Antwort gab: „Drei Mark!" Es ist traurig, daß die Anstalt auf diese gottesdienstlichen Spenden dringend angewiesen ist. Im Juli jedes Jahres sinder im Betsaale das Stiftungsfest statt, dessen Besuch ebenfalls nur einigen Kosten verbunden ist. Schließlich unternimmt verr Tr. Goldschmidt im Wimer, zum Besten der Anstalt mühevolle Reisen, und es wäre im Interesse der Hilflosen und Schwachen zu wünschen, daß jene Bemühungen von noch größeren Erfolgen als bisher gekrönt sein mögen. Wir können die Anstalt, der wir wiederholt unfern Besuch abgestattet, nicht verlassen, ohne des dlrigireudcn Arztes des Hospitals, Herrn Dr. Weißend erg, rühmend zu gedenken, der selbstlos und unverdrossen, seine vortreffliche Kraft in den Dienst der humanitären Sache gestellt, und ohne der liebenswürdigen Frau Dr. Goldschmidt ein herzliches Lebewohl znznrufen, welche als die „gütige Fee" bei allen Pfleglingen der Anstalt eine selten innige Verehrung genießt. Nicht so freudig wird der Fremde gestimmt, wenn er sein Auge von dieser Stätte friedlichen Waltcns auf die religiösen Verhältnisse der Colberger Synagogengemeinde überhaupt richtet. Der Cultus ist mit allem „Comfort der Neuzeit" ausgestattet. Die herrlichsten Gebetstücke sind dem Secirmesser der Reform zu Opfer gefallen. Im Winter ruht bis auf die Sabbate der ganze Gottesdienst, und erst die Badesaison und mit ihr der Zustrom gesetzcslreuer Gäste bringt einen frischen religiösen Hauch in den eiseskühlen Körper der Gemeinde. Auch ein Harmonium sollte einst die Synagoge schmücken, aber die Rechnung war ohne den Wirth gemacht. Schon war das Instrument um schweres Geld gebaut, schon ertönten seine Klänge, vermischt mit dem Sange der Damen, da separirten sich 16 Mitglieder und richteten einen besonderen Gottesdienst ein. Der Strike hatte Erfolg, denn die bewußten 16 waren fast allein, die Besucher der Synagoge das Jahr hindurch gewesen, das Gotteshaus stand verödet. Da glaubten einige vernünftige Männer, daß man um des Harmonions willen nicht die Harmonia stören dürfe und daß die Musik nicht in Haß und Unfrieden ausklingen solle, und das Instrument wurde entlassen. Die Zürnenden kehrten zurück, und „harmonisch" umschlangen sich die getrennten- Brüder. O, welch' erbitterte Fehden würden erspart bleiben, wenn andere Gemeinden hingingen und dayelbe thälen, wenn sie des ewig denkwürdigen Wortes Meyerbeer's gedächten: „Tie menschliche Stimme ist die e rs ch ü t t e r n d st e M u s i k, die zum Himmel emporsteigen kann!" Am neunten Aw, dem Tage der Trauer, besuchte ich die Friedhöfe der Stadt. Die neue Begräbnißftätte liegt etwa eine halbe Meile von Colberg entfernt, während der alte vor einem Jahre geschlossene „gute Orr", an den belebtesten Theil