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Der Israelit · 1886-08-02 · Heft 61 (2.8.1886) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
27 (1886)
Issue
Heft 61 (2.8.1886)
Date
1886-08-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
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1055 Nathschläge über ein Thema »ahcznlegen, das schon längst ernstlich erwogen und zur üfretttUdicit Besprechung hätte gebracht werden sollen. Die eminente Bedeutung des (Gegenstandes und die Dringlichkeit der Erörterung ist iin modernen Leben einerseits und für uns Israeliten andererseits nicht nrehr zu verkennen. Obwohl die Menschen und besonders die Israeliten, schon von Alters her gewandert sind, hat der Wandertrieb so recht erst in neuerer Zeit bei den Letzteren sich eingestellt. Theils hat ihn die erste französische Revolution mit ihren seitdem in anderen Staaten cingesührtcn freiheitlichen Gesetzgebungen, darunter die Freizügigkeit erzeugt, theils die Hast und die Jagd nach dem Vortheil, theils ist der Wandertrieb entstanden durch das unbestimmte, unerklärliche Sehnen und Wünschen des Zeitalters der Nervosität. Für uns Israeliten aber ist der Trieb sich zu verändern vielleicht durch keinen dieser und noch anderer Gründe entstanden. Er datirt recht eigentlich erst von der Zeit her, in welcher mittelalterliche Begriffe unter einem modernen Vorwand und einer ganz neuen, der Zeit angcpaßtcn Benennung aufgefrischl wurden. Es ist zuletzt das Jahr 1879 — Wiedererstchung des scherntodten Antisemitismus —. mit Beziehung erst 1882, ein Jahr unglücklichen Angedenken« für unsere Glaubensgenossen in mehreren Ländern Europas. Ich setzte dieses Jahr als Ausgangspunkt, weil, während bis dahin nur einzelne Personen oder Familien Geschäfts- oder anderer Interessen halber ihre Wohnsitze veränderten, tu dem genannten Jahre große Answandererzüge, theils aus Eigenem, theils auf Veranlassung ihre alte Heimath verließen, um in verschiedenen Erdtheilen und Ländern ihre Zelte, wer weiß für wie lange, auszuschlagen. Es war das 'Jahr der blutigen Verfolgung in Rußland, des Beginnes der „ökonomischen" Maßregeln in Rumänien, der Unruhen in Ungarn (Herbst 1882), der ansüngenden Agitation in Oesterreich, Frankreich und Algier, der Nachwehen in Preußen — kurz das Jahr des Ausbruches der Antisemmsmuscpidemie in vielen Ländern Europa». Wenn wir einen Rückblick werfen auf die Geschichte unseres Volkes von deren ältesten Anfängen an, so sehen wir, daß. die Israeliten, ohne in Wirklichkeit ein nomadisches Volk zu sein, zu allen Zeiten gewandert sind. Die Bibel belehrt uns, daß schon nufere urältcsten Ahnen wanderten, und nach ihnen ihre Nachkommen in den verschiedenen Gliedemtngen. Verfolgen wir von da an die Phasen, die nufer Volk bis aus deu heutigen Tag durch,lemacht hat, so tritt uns immer tum Neuem die Veränderung der Wohnsitze und zugleich die überraschende Thatsache entgegen, daß das Gehen aus eigenem Dürfen, Können und Wollen nicht die eigentliche» Gründe des Wanderus sind. Vielmehr sst es die merkwürdige, eben für Seßhaftigkeit — und damit für ernstes Streben der Israeliten zeugende und deren Wohlstand beginnende — daß so oft sie den Wanderstab ergriffen, sie dies in Folge ungerechter Auferlegung und Zwanges seitens anderer thatcn; Israel waudcrte, weil cs mußte. Gütliches Zureden (consilium abeundi! vergl. Erzväter), Verbannung, Sklaverei, Schub von einem Ort zum andern und gänzliche Erpulsion seitens der jeweiligen Bezwinger und Unterdrücker spielen dabei eine sehr bedeutende Nolle und sind.in dieser oder jener Form die Signatur bis in die allerncuestcn Zeiten. Die Welt ist nun anders geworden. Das patriarchalische Negieren hat längst aufgehvrt, auch die entsprechende Eonstituirung der Gesellschaft. Bei den Besiegern und Beherrschern von Nationen ist der brutale Zwang nicht mehr eine Acußerung ihrer Ucbermächtigkeit, die Erpatriirung und Transplantirung halten sic nicht mehr als Nothwendigkeitj um die Unterjochten im Joche zu behalten. Sie haben statt dieser barbarischen Anschauungen das bloße Verlangen der „freiwilligen" Entnationalisirnng gesetzt und: Wer nicht untergehcn will im eigenen Lande, wo seine Wiege gestanden, der muß eben wandern. Auch die Israeliten, die schon längst unterjocht sind, wissen etwas vom Entnatkonatisircu zu erzählen. Auch von ihnen, die seit so lange kein Lebenszeichen geben, kein äußerliches Zeichen der Selbstständigkeit besitzen, wird — nach dem ohnehin freiwilligen Aktomooireu und Sichfügcn in das Leben, das sie umgibt — verlangt, sie sollen ihre innerliche Zusammengehörigkeit aufgeben. Ja, es wird ihnen von „gutgesinnter" nichtisracluischer Seite der Nath erthcilt, ihre ganze Persönlichkeit zu verläugnen, durch den Nebenritt, die Taufe, (immer noch als Israeliten dann?) die Ruhe , zu erkaufen, nach welcher sie seit 2090 Jahren — und auch doppelt so viel, wenn man will — sich sehnen. In manchen Ländern allerdings wird der „freiwilligen" Entnationalsirung, da ja auch in allen Tonarten gepredigt, durch Gesetze und Dekrete nachgcholfcn. Wieder in anderen wird das grobe Geschütz der Wuthausbrüche des rohen Volkes, also nicht Regierungsmaßnahme! — aufgefahrcn. Ueberall aber Ilcbcrhebung, Verachtung, Haß, Neid seitens

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