Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 59 (26.7.1886)
- Date
- 1886-07-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2449600-2449656--24711-2514526- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
lOLU Frenlder, ei» Jude oder ein Christ, der Cure Schwelle betritt, geht nubeschenkt von Euch. Alls die Gefahr hin eine frische Wunde Cures Herzens zu berühren, will ich nur einen Zug ans der jüngsten Vergangenheit hervorheben, der allein genügt, Euch alle Herzen zu gewinnen, die allgemeine Hochachtung zu erwerben. Ihr habt vor wenigen Tagen Euer einzig Kind verloren; von dessen Grabe heimgekehrt, selbst von! tiefsten Schmerze gebeugt, nahmt Ihr und Eure Frau ciu ar>neS verlassenes Weib mit ihrem Kinde ans. DaS Weib war eine Sterbende, und Ihr erwiest ihr die höchste Wohlthat, die eiu Mensch dem andern erweisen kann. Ihr verspracht ihr, für ihr Kind zu sorgen, als wär's das Eurige, und Ihr haltet Wort. Ich bin sonst nicht neidisch, aber Sieb Aron Brack, ich sage cs Euch, um diese That beneide ich Euch. Der Segeusspruch für Euch, der von den erkaltenden Lippen, das Gebet, das auS dem beruhigten Herzen der Sterbende» zu dem Weltherrn emporsticg, muß erhört werden! .... Und so still und ruhig Ihr fortlebt, seid Ihr doch da, wo cs die Nothweudigkeit erheischt, ein Mann der That und greift mit dem. Aufgebote aller Eurer Kräfte ein. Ihr habt Euch schon einmal ein großes Verdienst um die Gemeinde erworben. Als vor drei Jahren, mitten in der Nacht, die dem Jom KippurJ) folgte, während Alles matt und müde in tiefem Schlaf versunken war, eine Feuersbrunst in unserer Judenstadt ansbrach, da wart Ihr unser Netter. Ihr wart der Erste, der den Brand wahrnahm. Ihr rettetet zuerst mit Gefahr des eigenen Lebens eine alte Frau und ihr Enkelkind von sicherem Feuertode, dann brachtet chr Ordnung in dem Hausen jammernder Menschen, die händeringend herumliesen und zu fassungslos waren, zu loschen. Ihr stelltet Euch an die Spitze, Ihr spracht den Verzweifelnden Muth zu, ermuntertet sie durch anfeuernde Worte, und mehr noch durch Euer Beispiel zu wohlchätiger Thätigkeit, die Männer, die bisher müßig zugesehen, mußten löschen, Weiber und Kinder, Wasier zur Brandstätte tragen .... Euch ist es zu danken, daß außer jstvei Häusern, die dem verheerenden Elemente zum Opfer fielen, die Judenstadt verschont blieb. Schon damals ersah ich —Euch zu meinem einstigen Nachfolger. Wär's eine Belohnung, Primas -) unserer Gemeinde zu werden, so müßtet Ihr schon dcßhalb gewählt werden, aber _ I) Bersöhnungsrag, an welchem die Inden vierund;wan;ig Stunven, von Sonnenuntergang bis Sonnenuntergang weder Speis »och Trank genießen und den ganzen Tag in Eeber in .der Sonag^e »erleben. 2) Primärer, Vorsteher. es ist dies eilt dornenvolles Amt und wenn Ihr's übernehmt, bringt Ihr uns ein großes Opfer. Und Ihr seid auch ein Vambcit;I), Ihr habt in Moisburg unter zwei Landesrabbinern die Jeschiwo besucht. Ihr wißt, lvas einer Gemeinde noth thut, und Ihr seid nicht nur Lamden, Ihr seid auch in weltlichen Dingen wohlerfahren, Ihr habt schon in Euerer frühen Jugend, deutsch Lesen und Schreiben gelernt und habt Euch viele nützliche Kenntnisse erworben. Und sprachen es schon unsere alten Weisen aus: Jofo Thoro im derech erez3 4)! so gilt die Wahrheit dieses guten Satzes in unseren Zeiten noch weit mehr. Wenn der Nichtjude in unserer Zeit bei dem Juden allgemeine Bildung findet, so fühlt er sich ihm näher gerückt und dadurch wird die weite, weite Kluft, welche ungerechte Gesetze und Unduldsamkeit zwischen den Bekenner» der verschiedenen Religionen geschaffen, überbrückt, wenigstens verengt, — und — wenn ich's zuletzt anführe, so ift's doch bei Weiten! nicht daS Geringste, das man an Euch schätzen muß: Gott hat Euch die Gabe der Rede verliehen, Ihr versteht es ebenso zu dem Herzen der Menschen als zu ihrem Verstände zu sprechen, und deshalb habe ich auch vorhin gesagt, ich bin vollkommen überzeugt, Ihr werdet mit Gottes Hilfe bei den höher» Behörden bald ein Takif werden. Ich sag Euch, Neb Aron, Ihr müßt das Ehrenamt annehmen; wenn Jhr's zurückweist, versündigt Ihr Euch au Gott und Menschen!" Die längere Rede des abtretenden Gemeinde- Hauptes war von allen Anwesenden mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgt worden. Sie waren fast durchgehende einfache, an dem Altgewohnten, Althergebrachten, dem Autoritätsglauben, auch außerhalb der religiösen Satzungen, hängende Menschen, die zu denkfaul und denkschwach waren, sich unabhängig eine eigene Anschauung zu bilden. Singer hatte eine ganz neue Ansicht aufgestellt, die namentlich bei den Niederbemittelten und Jüngeren, also der überwiegenden Majorität, schon deßhalb großen Beifall errang, weil hierdurch das bisherige oligarchische Prinzip durch ein dcmokrattsches verdrängt wurde, (sie kannten natürlich die von uns gewählte» Worte nicht, nur die durch diese bezeichneten Begriffe) und es ertönte nun vielstimmig: „Reb Aron, Ihr müßt Roschhakohol werden, wir lhun's nicht anders, wir wählen keinen Anderen, Ihr müßt, Ihr müßt!" 3) Talmudkundiger. Schriftgelehrrer. 4) Schön ist es. wenn sich die xenntniß der Eotteslehre Kit jener weltlicher Dinge verbindet. Sprüche der Väter. Abschä. 2. Mischna 2.